Ästhetik
Philosophie

Ästhetik, Teil 2: Die Macht des Ästhetischen

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Lesedauer 9 Minuten

Die Macht des Ästhetischen

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind mit meinen Eltern in Gaststätten essen ging. Diese Orte hatten einen ganz besonderen Charme – es waren urige Räumlichkeiten, oft mit Holzvertäfelungen, die schon damals an vergangene Zeiten erinnerten. Die Stühle und Sitzbänke waren schlicht. Die Atmosphäre war gemütlich, bodenständig, ja von einer gewissen Einfachheit geprägt. Im Laufe der Jahre sind diese traditionellen Gaststätten zunehmend verschwunden. An ihre Stelle traten zunehmend durchgestylte Lokale, die mit ihrem minimalistischen Design und perfekt abgestimmten Farbpaletten fast klinisch und bis ins letzte aufeinander abgestimmt wirken. Dieses, man könnte sagen, kosmopolitische Design, das von regionalen Eigenheiten befreit zu worden scheint und überall gleich aussieht, hat die Individualität und den einzigartigen Charakter vieler Orte verdrängt. Egal, ob man in Berlin, New York oder Tokio ist – die Innenausstattung scheint aus demselben globalen Katalog zu stammen, der darauf abzielt, universelle ästhetische Ansprüche zu erfüllen, oft ohne jede Verbindung zur jeweiligen Kultur. Diese Entwicklung ist aber nicht auf Gaststätten beschränkt. Sie verdeutlicht nämlich einen breiten Trend, der sich in den vergangenen Jahrzehnten ausgebreitet hat: die Ästhetisierung unseres Alltags. Ästhetik ist zu einem Konsumgut geworden und in nahezu allen denkbaren physischen und digitalen Bereichen präsent.

Was ist passiert?

Gerade in unserer modernen Welt, in der sich die Schnittstellen zwischen Mensch und Technologie rasant vermehren und die digitale und physische Welt immer mehr miteinander verschmelzen, nimmt die Ästhetik in diesem komplexen Geflecht nicht mehr nur eine begleitende, sondern eine führende Rolle ein. Insbesondere im Kontext des Kapitalismus, in dem die Ästhetik als ein wirksames Mittel zur Erzeugung von Begehren und Konsum erkannt wurde, hat sich das Phänomen der Ästhetik auf eine Weise transformiert, die weit über das bloße „Schöne“ hinausgeht.

Besonders im Zeitalter der Digitalisierung erleben wir eine Ausweitung ästhetischer Räume in Dimensionen, die frühere Generationen sich kaum vorstellen konnten. Wo die Ästhetik einst in der physischen Welt verankert war, etwa in der Architektur, Malerei oder in Skulpturen, ist sie heute zu einer omnipräsenten Kraft geworden, die sowohl virtuelle als auch reale Welten durchdringt. Selbst unsere unmittelbare Umgebung, in unserem täglichen Leben, angefangen von modernistischen Bauwerken, bis hin zu kunstvoll gestalteten Innenräumen unserer Wohnungen aber auch in Produkten, die uns umgeben, scheint die Ästhetik allgegenwärtig.

Diese Arbeit ist angetrieben von persönlichen Beobachtungen und einer wachsenden Neugierde, die über die schlichte Bewunderung ästhetischer Objekte oder Erfahrungen hinausgeht. Dabei geht es mir nicht darum, die Ästhetik an sich zu kritisieren, sondern die beschriebene Entwicklung kritisch zu hinterfragen. Denn die Ästhetik hat die Macht, unsere Gesellschaft nicht nur auf einer oberflächlichen, sondern auch auf einer tieferen, möglicherweise sogar globalen Ebene zu prägen. Sie ist das Medium, das Grenzen – kulturell, geografisch und sogar politisch – überbrückt. In unserem Wirtschaftssystem, in international erfolgreichen Filmen bis hin zu global vernetzten Videospielen, Musikgenres und sozialen Medien, ist die Ästhetik, oft instrumentell in den Diensten des Kapitalismus, ein gemeinsamer Nenner, der uns alle verbindet.

Meine Absicht ist es, ein Phänomen zu beleuchten, das ich als „Versinnlichung der Gesellschaft“ bezeichnen möchte. Die Ästhetik ist hier nicht länger ein Phänomen, sondern ein Werkzeug, das gezielt eingesetzt wird, um unsere sinnliche Wahrnehmung zu steuern und zu formen. In diesem Sinne strebe ich an, die weitreichenden Implikationen dieser „ästhetischen Revolution“ wie ich sie bezeichnen möchte, zu untersuchen und zu verstehen.

Die „Ästhetische Revolution“

Empfänglichkeit des Menschen für Ästhetik

Menschen sind von Natur aus empfänglich für ästhetische Reize. Evolutionär gesehen haben ästhetische Vorlieben möglicherweise dazu beigetragen, dass Menschen in sicheren und förderlichen Umgebungen überleben konnten. Schöne, natürliche Umgebungen wurden oft als sicher und nahrhaft empfunden. Zudem spielten ästhetische Präferenzen eine Rolle bei der Partnerwahl, wobei Symmetrie und Schönheit als Indikatoren für Gesundheit und gute Gene galten (Wikipedia, PLOS)

Ästhetisch ansprechende Umgebungen und Objekte können positive Emotionen hervorrufen und Stress reduzieren, was das allgemeine Wohlbefinden steigert. Darüber hinaus förderten ästhetische Ausdrucksformen wie Kunst und Musik den sozialen Zusammenhalt und stärkten Gemeinschaften (Oxford Academic). Diese natürliche Empfänglichkeit bedeutet, dass, sobald ästhetische Produkte und Umgebungen angeboten werden, eine positive Reaktion und eine verstärkte Nachfrage nahezu unvermeidlich sind.

Die Kommerzialisierung der Ästhetik

Die Kommerzialisierung der Ästhetik begann schleichend und hat inzwischen nahezu jeden Aspekt unseres Lebens erfasst. Früher war Ästhetik oft etwas, das mit Kunst und Kultur verbunden war, und das Alltägliche war eher funktional und schlicht gehalten. Doch mit dem Aufkommen der Massenproduktion und der Globalisierung änderte sich dies grundlegend. Produkte und Dienstleistungen wurden zunehmend darauf ausgelegt, nicht nur zu funktionieren, sondern auch einem bestimmten ästhetischen Ideal zu entsprechen. Unternehmen erkannten, dass ein ansprechendes Design den Verkauf ankurbeln kann. Diese Erkenntnis führte zu einer wahren Flut an stilisierten Alltagsgegenständen – von Küchenutensilien über Technikprodukte bis hin zu Verpackungen von Lebensmitteln.

Angebotsinduzierte Nachfrage

Die Produktion und das Angebot ästhetischer Produkte und Umgebungen können die Nachfrage nach Ästhetik erheblich beeinflussen. Wenn wir ständig mit gut gestalteten, ästhetisch ansprechenden Produkten und Umgebungen konfrontiert werden, steigt unser Bewusstsein und unsere Wertschätzung für Ästhetik. Dies schafft und verstärkt das Bedürfnis nach ästhetischen Erlebnissen.

Aber auch moderne Medien und die Digitalisierung haben die Verbreitung und Zugänglichkeit ästhetischer Inhalte exponentiell erhöht. Soziale Medien, Filme, Videospiele und Design-Websites bombardieren uns ständig mit ästhetisch ansprechenden Bildern und Ideen. Dies hat nicht nur die Nachfrage nach solchen Inhalten gesteigert, sondern auch den Standard für das, was als ästhetisch ansprechend gilt, immer weiter erhöht.

Kapitalistische Dynamik

In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem wird Ästhetik oft als Mittel eingesetzt, um Produkte attraktiver zu machen und den Konsum anzuregen. Unternehmen investieren erheblich in Design und Ästhetik, um sich von der Konkurrenz abzuheben und die Aufmerksamkeit der Verbraucher zu gewinnen. Dies führt dazu, dass immer mehr ästhetisch ansprechende Produkte und Dienstleistungen auf den Markt kommen, was wiederum die Nachfrage weiter anheizt.

Es entsteht eine Art Feedback-Schleife: Ästhetisch ansprechende Produkte werden produziert, Menschen reagieren positiv darauf und entwickeln eine stärkere Nachfrage nach Ästhetik, was wiederum die Produktion weiter ankurbelt. Diese Schleife kann sich kontinuierlich verstärken und zu einer immer stärkeren Ästhetisierung des Alltags führen.

Ein anschauliches Beispiel für diese Dynamik ist das Design von Technologieprodukten. Apple begann in den frühen 2000er Jahren, großen Wert auf das Design ihrer Produkte zu legen. Die klare, minimalistische Ästhetik von iPhones, iPads und Macs setzte neue Standards. Verbraucher reagierten begeistert auf diese ästhetisch ansprechenden Produkte. Der Erfolg von Apple führte dazu, dass andere Technologieunternehmen begannen, ebenfalls großen Wert auf Design zu legen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Durch die ständige Verbesserung und Betonung des Designs wurden die Erwartungen und das Verlangen der Verbraucher nach ästhetisch ansprechender Technologie immer weiter gesteigert. Dies führte zu einem Markt, in dem Ästhetik, ein zentrales Verkaufsargument ist.

Was folgt daraus?

Was ich versucht habe zu beschreiben, nenne ich die „Versinnlichung der Gesellschaft“, in der wir zunehmend von ästhetischen Reizen umgeben sind und diese als wesentlich für unser Wohlbefinden betrachten. Es ist ein ständiger Modus der Verzückung über die Schönheit von Objekten. Ganz gleich ob im Internet und in sozialen Medien, wo Menschen kuratierte Szenen ihres Lebens präsentieren und sich selbst perfekt inszenieren, oder in unserer physischen Umgebung, die immer mehr durch durchgestylte Produkte und Designs geprägt ist. Diese ständige ästhetische Überflutung hat aber möglicherweise weitreichende Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten.

In sozialen Medien wie Instagram und Pinterest inszenieren sich Menschen in sorgfältig gestalteten Bildern und Videos. Sie zeigen perfekt abgestimmte Outfits, kunstvoll angerichtetes Essen und makellose Wohnräume, die alle ästhetisch ansprechend, aber auch oft unrealistisch perfekt wirken. Diese kuratierten Darstellungen in allen Bereichen unseres Lebens erzeugen eine ständige Flut von visuellen Reizen, die unser Streben nach Schönheit und Perfektion verstärken.

Auch unsere physische Umgebung wird zunehmend von ästhetischen Prinzipien dominiert. Von minimalistischen Designs in modernen Wohnungen bis hin zu den stylischen Verpackungen von Alltagsgegenständen – alles ist darauf ausgelegt, ästhetisch ansprechend zu sein. Diese durchgestylten Umgebungen und Produkte prägen unser tägliches Leben und Verstärken unweigerlich unsere Erwartungen und die Bedeutung von Ästhetik in unserer Wahrnehmung und unserem Verhalten.

Ästhetik als Droge?

Im ersten Teil dieses Projektes habe ich auf D.E. Berlyns Untersuchungen hingewiesen, die zeigen, wie ästhetische Reize ähnlich wie Drogen unser Gehirn beeinflussen. Berlyne stellte fest, dass ästhetische Lust nicht allein durch Schönheit, sondern durch eine ausbalancierte Erregung der Sinneswahrnehmungen entsteht. Diese Erregung, optimal auf einem mittleren Niveau, führt zu einem Lustgefühl, das intern ausgelöst wird. Berlyne beobachtete weiterhin, dass komplexe Reize anfänglich die Lust steigern, aber mit wiederholter Exposition nachlassen – ein Phänomen ähnlich der Toleranzentwicklung bei Drogen. Einfache Reize hingegen erzeugen schnell eine hohe Lust, die rasch abflaut. Diese Dynamiken verdeutlichen, wie tiefgreifend ästhetische Reize unser Verhalten beeinflussen, indem sie das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren und unsere Wahrnehmung sowie Entscheidungsprozesse prägen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine norwegische Studie der Universität Oslo. Die Forscher haben herausgefunden, dass unser Gehirn beim Betrachten attraktiver Gesichter körpereigene Opioide ausschüttet, ähnlich wie bei einer Drogenreaktion. Diese Opioide erzeugen ein Glücksgefühl und steigern den Wunsch, das betrachtete Objekt weiterhin anzusehen. In ihrem Experiment zeigte sich, dass durch die Verabreichung von Morphin diese Reaktion verstärkt wird, während das Blockieren der Opioid-Rezeptoren durch Naltrexon die Attraktivität der Gesichter minderte und das Verlangen, sie länger anzusehen, verringerte (Chelnokova et al., 2014).

Diese Ergebnisse stützen Berlynes Beobachtungen zur ästhetischen Lust und zeigen, wie tiefgreifend die Wirkung ästhetischer Reize mit unserem Belohnungssystem im Gehirn verknüpft ist. Sie verdeutlichen, dass unsere ästhetische Wahrnehmung nicht nur eine abstrakte Wertschätzung ist, sondern eine echte, messbare Reaktion in unserem Gehirn hervorrufen kann, die durch pharmakologische Mittel beeinflussbar ist. Dieser Mechanismus zeigt, wie die Reaktionen auf ästhetische Stimuli, Ähnlichkeiten zu Suchtverhalten aufweisen können, indem sie das Belohnungssystem auf ähnliche Weise wie Suchtstoffe stimulieren.

Sören Kierkegaard und die Bedeutung des Ästhetischen für unser Leben

Interessant in diesem Zusammenhang sind die Überlegungen von Sören Kierkegaard, ein dänischer Philosoph des 19. Jahrhunderts und Gründervater der Existenzphilosophie. Kierkegaard entwickelte eine Theorie über Stadien menschlicher Existenz. Er unterscheidet zwischen dem ästhetischen, dem ethischen und dem religiösen Stadium. Im ästhetischen Stadium sucht der Mensch nach Vergnügen, Schönheit und aufregenden Erlebnissen. Es geht darum, Langeweile und Monotonie zu vermeiden, indem man sich ständig neuen und ansprechenden sinnlichen Reizen aussetzt.

Dies entspricht stark der beschriebenen Tendenz zur „Versinnlichung der Gesellschaft“, in der Menschen durch soziale Medien, Kunst, Mode und Design nach immer neuen ästhetischen Erfahrungen streben. In sozialen Medien wie Instagram und Pinterest inszenieren Menschen sorgfältig kuratierte Szenen ihres Lebens, präsentieren perfekt abgestimmte Outfits, kunstvoll angerichtetes Essen und makellose Wohnräume. Diese Darstellungen verstärken das Streben nach Schönheit und Perfektion und schaffen eine ständige Flut von visuellen Reizen.

Im ethischen Stadium erkennt der Mensch die Bedeutung von Verantwortung, moralischen Verpflichtungen und tiefen Beziehungen. Hier sucht er nach einem sinnvollen und authentischen Leben, das durch ethische Entscheidungen und langfristige Ziele geprägt ist. Kierkegaard würde argumentieren, dass die Fixierung auf ästhetische Reize im modernen Alltag das ethische Bewusstsein verdrängt. Menschen sind möglicherweise weniger bereit oder fähig, sich auf tiefere, existenzielle Fragen und moralische Verpflichtungen einzulassen, da sie ständig nach neuen ästhetischen Vergnügungen suchen.

Das religiöse Stadium schließlich ist geprägt durch die Suche nach existenzieller Wahrheit und spiritueller Erfüllung. Es geht darum, eine tiefere Verbindung zum Absoluten oder zu Gott zu finden und das Leben im Kontext dieser Beziehung zu verstehen. Die allgegenwärtige ästhetische Überflutung kann diesen Weg zur inneren Reflexion und spirituellen Suche behindern. Menschen verlieren möglicherweise den Kontakt zu diesen tieferen Ebenen, weil sie in der oberflächlichen Suche nach ästhetischen Reizen gefangen sind.

Kierkegaard warnte vor einem Leben, das zu stark von ästhetischen Reizen beherrscht wird. Er betrachtete solch ein Leben als grundlegend verhaftet in einer oberflächlichen Existenz, in der das Streben nach ästhetischem Genuss das Individuum daran hindert, echte Erfüllung zu finden. Kierkegaard argumentierte, dass das ästhetische Stadium des Lebens, charakterisiert durch das Verfolgen unmittelbarer Befriedigung, letztlich zu einer existenziellen Leere führt, da es keinen nachhaltigen, existenziellen Sinn bietet.

Die Materialisierung der Ästhetik in Objekten und Erlebnissen führt zu einer weiteren Komplikation: Äußere Glücksgüter, die ästhetisch ansprechend sind, vermitteln oft den Schein von Zufriedenheit, ohne jedoch echte Erfüllung zu bringen. Diese äußeren Reize rauben uns nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern lenken uns auch von den wirklich wichtigen Aspekten des Lebens ab – jenen, die uns wahre Zufriedenheit und einen tieferen Sinn vermitteln könnten. In dieser Überflutung von ästhetischen Impulsen besteht die Herausforderung darin, die Balance zu finden zwischen der Wertschätzung von Schönheit und der Notwendigkeit, sich nicht von der essentiellen Suche nach einem erfüllten und sinnvollen Leben ablenken zu lassen. Die Auseinandersetzung mit der Ästhetik sollte uns nicht davon abhalten, nachhaltigere und tiefere Verbindungen zu suchen, die unser Leben mit echtem Sinn erfüllen.

Kierkegaards Stadienlehre bietet interessante Einsichten in die Auswirkungen der modernen Ästhetisierung des Alltags. Während das ästhetische Stadium durch das Streben nach Schönheit und Vergnügen gekennzeichnet ist, betont Kierkegaard die Notwendigkeit, auch die ethischen und religiösen Dimensionen des Lebens zu berücksichtigen. Die ständige Suche nach ästhetischen Erlebnissen und die daraus resultierende Toleranzbildung können dazu führen, dass tiefere, ethische und existenzielle Fragen vernachlässigt werden. Dies zeigt, wie die Macht des Ästhetischen unsere Fähigkeit zur existenziellen Reflexion und zum ethischen Handeln beeinträchtigen kann.

Schlussbetrachtung

In unserer heutigen Welt hat die Ästhetik eine transformative Kraft erlangt, die weit über die traditionellen Grenzen von Kunst und Design hinausgeht. Die „Versinnlichung der Gesellschaft“, die ich in diesem Essay beschrieben habe, offenbart eine Kultur, die zunehmend von der Suche nach sinnlicher Befriedigung und ästhetischem Genuss dominiert wird. Diese Entwicklung wirft wichtige Fragen auf: In welchem Maße beeinflusst die omnipräsente Ästhetik unsere Entscheidungen, unsere Werte und sogar unsere Identität?

Wir müssen uns fragen, ob wir in einer Welt leben wollen, in der ästhetische Erfahrungen so manipuliert werden, dass sie kurzfristige Befriedigung über langfristige Bedeutung stellen. Das Ästhetische, einst ein Bereich der tiefen Reflexion und des kulturellen Ausdrucks, ist zu einem Werkzeug geworden, das in den Dienst des Marktes gestellt wird. Dies hat zweifellos zu einer Bereicherung unseres Alltagslebens geführt, aber es birgt auch das Risiko, dass wir die Fähigkeit zur kritischen Reflexion und zum echten menschlichen Engagement verlieren.

Es ist daher entscheidend, dass wir einen bewussteren Umgang mit der Ästhetik pflegen. Wir sollten nicht nur als passive Konsumenten agieren, sondern als kritische Betrachter, die fähig sind, die tiefere Bedeutung hinter der Oberfläche zu erkennen. Durch eine solche Haltung können wir sicherstellen, dass die Ästhetik in unserer Gesellschaft eine bereichernde, anstatt einer entfremdenden Rolle spielt.

Indem wir die ästhetischen Erfahrungen in unserem Leben und deren Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Entscheidungen reflektieren, können wir eine ausgewogenere, sinnvollere und tiefgründigere Existenz anstreben. Nur so kann die Ästhetik ihren wahren Wert entfalten: nicht als Mittel zur Verführung durch das Marktsystem, sondern als eine Quelle echter menschlicher Erfüllung und kultureller Bereicherung.

Literaturverzeichnis:

Chelnokova, O., Laeng, B., Eikemo, M. et al. Rewards of beauty: the opioid system mediates social motivation in humans. Mol Psychiatry 19, 746–747 (2014). https://doi.org/10.1038/mp.2014.1

Gianluca Consoli, The Emergence of the Modern Mind: An Evolutionary Perspective on Aesthetic Experience, The Journal of Aesthetics and Art Criticism, Volume 72, Issue 1, February 2014, Pages 37–55, https://doi.org/10.1111/jaac.12059

Huang Y, Lyu J, Xue X, Peng K (2020) Cognitive basis for the development of aesthetic preference: Findings from symmetry preference. PLoS ONE 15(10): e0239973. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0239973

Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Evolutionary_aesthetics, abgerufen am: 22.06.2024


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