Stoa Stoizismus Akzeptanz
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Ethik und Moralphilosophie,  Stoizismus

Akzeptanz im Stoizismus

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Lesedauer 7 Minuten

Stoizismus: Akzeptanz als Weltverhältnis

Es sind anspruchsvolle Zeiten, die uns einiges abverlangen. Wo man auch hinschaut, Kriege, Naturkatastrophen, politische Unruhe, gesellschaftliche Spannungen, Streiks oder Proteste und eine ständige Flut mehr oder weniger schlechter Nachrichten. Anlass genug, einmal über Akzeptanz zu sprechen. Denn mit der Akzeptanz ist es so eine Sache, und nicht immer tun wir uns leicht damit.

Oft erscheint sie uns wie eine bittere Pille, die wir zu schlucken haben, ein Eingeständnis der Ohnmacht gegenüber den unverrückbaren Tatsachen des Lebens. In Momenten des Schmerzes, des Verlustes oder der Enttäuschung scheint Akzeptanz wie eine Form der Aufgabe, eine stille Übereinkunft mit der Realität, die wir uns eigentlich ganz anders gewünscht hätten.

Finden sie nicht auch, dass Akzeptanz wie ein ambivalentes Konzept erscheint? Auf der einen Seite steht die Anerkennung der Grenzen unserer Macht und Kontrolle, was uns zunächst als Schwäche erscheinen mag. Akzeptanz in diesem Sinne kann als Kapitulation vor den unveränderlichen Aspekten der Realität empfunden werden. Sie fordert von uns, das Unvermeidliche zu akzeptieren und uns mit Situationen abzufinden, die wir offenbar nicht ändern können.

Aber auf der anderen Seite verbirgt sich in ihr eine oft unterschätzte Stärke. Denn sie ist eine bewusste Entscheidung, eine Haltung, ein Weltverhältnis sich von dem ständigen Kampf gegen das unveränderbare zu befreien und stattdessen eine innere Ruhe zu finden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diesen Frieden erreichen wir aber nur, wenn wir endlich damit aufhören, gegen die Welt anzukämpfen.

Was sollten wir akzeptieren?

Akzeptanz bedeutet aber nicht, dass wir uns allen Umständen ergeben. Der antike Stoiker Epiktet gibt uns in seinem „Handbüchlein der Moral“ gleich zu Beginn einen fundamentalen Hinweis dazu, was wir besser akzeptieren sollten und was nicht. Epiktet unterscheidet zwischen Dingen, die in unserer Macht stehen und jenen, die sich unserer Kontrolle entziehen. Diese Unterscheidung ist zentral für die stoische Philosophie und eng verbunden mit dem Konzept der Akzeptanz.

In Epiktets Sichtweise bedeutet Akzeptanz vor allem eines: die Grenzen unserer eigenen Kontrolle zu erkennen und anzuerkennen. Er betont, dass unsere Meinungen, unsere Absichten, unsere Wünsche und Handlungen, vor allem aber unsere Gedanken in unserer Macht stehen. Es sind die Elemente, die wir kontrollieren können und für die wir Verantwortung tragen können und müssen.

Andere Dinge wie unser Körper, Besitz, Ansehen, unsere soziale Stellung, vor allem aber äußere Dinge überhaupt wie etwa Kriege, Naturkatastrophen, Schicksalsschläge oder gar das Leben und der Tod liegen außerhalb unserer Kontrolle. Sie werden von äußeren Umständen, Entscheidungen anderer Menschen oder unvorhergesehenen Ereignissen beeinflusst oder bestimmt. Daher gibt uns Epiktet den unbedingten Rat, diese Aspekte als nicht in unserer Gewalt stehend zu betrachten.

Auch der römische Kaiser und stoische Philosoph Marc Aurel spricht in seinem Werk „Selbstbetrachtungen“ von der Akzeptanz des Unvermeidlichen. Seine Gedanken reflektieren die stoische Idee, dass unser persönliches Glück von der Fähigkeit abhängt, Dinge, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, zu akzeptieren und uns auf das zu konzentrieren, was in unserer Macht steht.

Fassen wir es so zusammen: Sie können die Welt nicht ändern, es ist nur die Frage, wie sie sich zu diesem Umstand verhalten

Sie können sich zum Beispiel darüber aufregen, dass das Wetter schlecht ist, oder sich über eine schlechte Verkehrssituation ärgern. Etwas daran ändern können Sie aber nicht. Auch in zwischenmenschlichen Bereichen gibt es viele Dinge, über die Sie sich ärgern können, wie die unveränderlichen Meinungen und Ansichten von Familienmitgliedern, Arbeitskollegen anderen Personen dies sie auf der Feier einer Bekannten kennengelernt haben. Diese endlosen Auseinandersetzungen, die oft in Frustration enden und Ihnen den Schlaf rauben können, sind letztlich wie ein Kampf gegen Windmühlen. Ein solcher Widerstand schadet mehr, als dass er nutzt. Durch die Erkenntnis, dass Sie diese Meinungen zwar nicht ändern, aber akzeptieren können, ohne notwendigerweise zuzustimmen, finden Sie einen Weg zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit.

Was die schier endlos erscheinende Flut schlechter Nachrichten betrifft: Auch wenn Sie als Bürgerinnen und Bürger gewisse Einflussmöglichkeiten haben und diese auch nutzen sollten, liegen viele größere gesellschaftliche oder politische Entwicklungen außerhalb Ihrer individuellen Kontrolle. Sich über jede Nachricht oder politische Entscheidung aufzuregen, kann zu ständiger Unzufriedenheit führen. Schlimmer noch: Sie könnten beginnen, ein aggressives Weltverhältnis zu kultivieren und sich in einem permanenten Kriegszustand mit der Welt zu befinden.

Das Akzeptieren der Meinung anderer bedeutet jedoch nicht, die eigenen Überzeugungen, Ideale oder die eigene Identität aufzugeben. Während Epiktet uns ermutigt, die Dinge, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, anzuerkennen, ermutigt er uns zugleich, bei unseren Prinzipien und Überzeugungen standhaft zu bleiben. Akzeptanz ist damit keine Schwäche, als vielmehr ein Beweis für emotionale Reife und Selbstbeherrschung.

Nehmen Sie fürs Erste dieses wunderbare Sinnbild mit:

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Inmitten dieser ganzen Aufregung, dieser aufgepeitschten See, ist der Leuchtturm ein Symbol der Stärke und Beständigkeit. Dieses Bild verkörpert eine tiefe Wahrheit über unsere Existenz und unseren Umgang mit den stürmischen Zeiten, die das Leben uns oft beschert. Wenn Sie sich verhalten wie das Meer, sind sie in einer ständigen Unruhe. Aber wir sind nicht das aufgewühlte Meer, wir sind der Leuchtturm – fest verankert im Grund unseres Seins, unerschütterlich in unserer Haltung gegenüber den Stürmen, die um uns herum wüten.

Akzeptanz, persönliches Wachstum und Transformation

Akzeptanz ist nicht gleichbedeutend mit Resignation. Vielmehr ist sie ein wichtiger Schritt zu persönlichem Wachstum und Veränderung. Indem wir die Realität akzeptieren, erkennen wir, was geändert werden muss und wie wir positive Veränderungen in unserem Leben und unserer Umwelt bewirken können.

Akzeptanz ist weder ein spontanes Gefühl noch ein einmaliger Gedanke. Sie ist das Ergebnis eines Prozesses, einer tiefen und inneren Auseinandersetzung mit uns selbst und unserer Stellung in der Welt. Sie ist selbst das Ergebnis, das kontrollierbare, in unserer Macht stehende, zu kontrollieren. Wer also denkt, Akzeptanz sei eine Schwäche, der irrt. Sie ist eine Möglichkeit zur Transformation, weg von einem aggressiven Weltverhältnisses, weg vom ständigen Anrennen gegen die Dinge, hin zu einem Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die außerhalb unserer Kontrolle liegen.

In dieser Haltung liegt eine mächtige Kraft: die Kraft der Selbstbestimmung und der bewussten Wahl. Epiktet würde uns raten, dass wenn wir uns gegen die Akzeptanz wehren, wir unfreiwillig von äußeren Umständen oder den Meinungen anderer geleitet werden. Unsere Reaktionen sind dann geprägt von Widerstand und Frustration gegen das, was außerhalb unserer Kontrolle liegt. Indem wir aber lernen zu akzeptieren, folgen wir Epiktets Rat, uns von diesen äußeren Zwängen zu lösen und Kontrolle über unser eigenes Leben zurückzugewinnen. Wir sind nicht länger Spielball der Umstände, sondern in der Lage bewusste und freie Entscheidungen zu treffen.

Anstatt unsere Energie in aussichtslose Kämpfe gegen das Unvermeidbare zu stecken, lehrt uns Epiktet, sie für konstruktive Zwecke zu nutzen. In der Akzeptanz liegt also die Freiheit, uns auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: auf das, was wir beeinflussen und gestalten können. Sie ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben.

Anpassungsfähigkeit und Weltoffenheit

Je starrer und unflexibler ihr Geist ist, desto schwieriger wird es, andere Umstände zu akzeptieren. Sie können das einfach nachvollziehen, indem sie sich Situationen vorstellen, in denen sie auf starre Überzeugungen oder Erwartungen bestanden haben. In solchen Momenten mag jede Abweichung von ihren Vorstellungen als störend oder sogar bedrohlich empfunden werden. Dies kann zu Frustration, Ärger und Stress führen, insbesondere wenn die Situation außerhalb Ihrer Kontrolle liegt.

Die stoische Philosophie, wie sie von Epiktet vertreten wird, betont diese Anpassungsfähigkeit und Offenheit nicht wörtlich, aber sie ergibt sich als Bedingung der Möglichkeit von Akzeptanz. So betont Epiktet die Unmöglichkeit für einen Menschen, etwas zu lernen, von dem er glaubt, dass er es bereits weiß. Epiktet lehrte, dass wahre Weisheit im Leben darin besteht, zu unterscheiden, was in unserer Kontrolle steht und was nicht. Diese Unterscheidung fordert von uns eine flexible Haltung gegenüber dem Leben – eine Bereitschaft, unsere Perspektive zu ändern und uns den Gegebenheiten anzupassen. Seine Lehren implizieren, dass ein starres Festhalten an unseren Vorstellungen und der Versuch, Unkontrollierbares zu beherrschen, zu Leid und Frustration führt. Er ermutigt uns, einen offenen Geist zu pflegen, der das Leben so annimmt, wie es kommt. Diese Offenheit für neue Erfahrungen, für das Lernen und für das Wachstum, auch in schwierigen Zeiten, ist der Kern der stoischen Lebensweise

„Panta rhei“ – „alles fließt“- oder „man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“. Ähnlich wie Heraklit erinnert Epiktet an die vergängliche Natur des Lebens und fordert Anpassungsfähigkeit und die Akzeptanz des Wandels der Welt. Wer festgefahren ist in seinem Weltbild, wird Schwierigkeiten damit haben, andere Weltbilder zu akzeptieren.

In einer Welt, die sich ständig und schnell verändert, ist Anpassungsfähigkeit eine wesentliche Fähigkeit für beruflichen und persönlichen Erfolg. Diejenigen, die offen und bereit sind, sich neuen Umständen anzupassen, sind darauf vorbereitet, Herausforderungen zu meistern und Chancen zu nutzen. Um in einer sich ständig wandelnden Welt erfolgreich und zufrieden zu leben, ist es unerlässlich, Anpassungsfähigkeit und Weltoffenheit zu kultivieren. Wie Epiktet und andere Philosophen betonen, ist die Fähigkeit, sich anzupassen und offen zu bleiben, ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur persönlichen Entwicklung und zu einem erfüllten Leben.

Schlussbetrachtung

Wie sie sehen, ist Akzeptanz weit mehr als ein bloßes Hinnehmen des Gegebenen. Sie ist eine Haltung, ein Weltverhältnis das uns dazu befähigt, mit dem Unkontrollierbaren in der Welt umzugehen. Wie Epiktet und Marc Aurel zeigen, liegt in der Akzeptanz der Schlüssel zur inneren Freiheit und zum persönlichen Glück. Sie ermöglicht es uns, aus der Konfrontation mit dem Unveränderlichen, Kraft und Weisheit zu schöpfen.

Diese Philosophie der Akzeptanz, kombiniert mit Anpassungsfähigkeit und Weltoffenheit, bereichert unser Leben auf vielfache Weise. Sie fördert nicht nur unser persönliches Wachstum und unsere Entwicklung, sondern führt auch zu einem glücklicheren und zufriedeneren Leben. Hören sie also auf das Unausweichliche zu bekämpfen. Schließen sie Frieden mit der Welt und nutzen sie ihre Energie für ihr persönliches Wachstum.  

Um diese Philosophie im täglichen Leben umzusetzen, würde Epiktet ihnen wahrscheinlich folgendes raten:

  • nehmen sie sich die Zeit
  • beginnen sie bewusst zu reflektieren, wie sie auf die Herausforderungen des Lebens reagieren.
  • finden sie heraus, was außerhalb ihrer Kontrolle liegt.
  • konzentrieren sie sich auf das, was sie beeinflussen können – insbesondere auf sich selbst.
  • wenn sie wieder einmal gegen die Dinge anrennen, erinnern sie sich, dass dieser Kampf sinnlos ist. Sie werden ihn nicht gewinnen. Sie werden sich nur daran aufreiben. Ihr Umfeld wird es ihnen danken
  • lernen sie zu akzeptieren, was sie nicht beeinflussen können.
  • nutzen sie die Kraft der Akzeptanz für ihre eigene Stärke und ihr persönliches Wachstum
  • lassen sie sich zu nichts hinreißen, bewahren sie ihre Haltung

Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Vorstellungen von den Dingen

Epiktet

Literaturverzeichnis

Epiktet. (2019). Handbüchlein der Moral (K. Steinmann, Übers.). Reclam, Philipp.

Aurel, M. (2018). Marc Aurel: Selbstbetrachtungen (F. C. Schneider, Übers.). Independently Published.


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