Voltaire: Das glücklichste Leben ist ein beschäftigtes Alleinsein
Vom Glück, sich selbst genug zu sein: Voltaire und das Alleinsein
Ein Gedanke, der sofort geteilt wird, hatte keine Zeit, Wurzeln zu schlagen. Warum wir Voltaire und sein „beschäftigtes Alleinsein“ heute dringender brauchen als je zuvor – als Schutzraum gegen die Tyrannei der Sichtbarkeit.
Was geschieht mit einem Gedanken, wenn er nie allein sein kann? Wenn er immer gleich ausgesprochen wird, während er gerade noch entsteht. Wenn er eilig geteilt wird, noch bevor er sich hat sammeln können. Wenn er schon bewertet wird, noch ehe er weiß, was er eigentlich sein will. Gerade in einer Zeit, in der die Reaktion fast schneller ist als der Ausspruch, scheint der Moment der Entstehung in Gefahr zu geraten. Kaum regt sich eine Idee, wird sie schon ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, geteilt, bewertet und in eine Schublade gesteckt. Sie wird dadurch schneller, zweifellos auch schlussfähiger, aber sie verliert ihren Eigensinn. Sie wird glattgebürstet für den Markt der Meinungen, bevor sie ihre Ecken und Kanten überhaupt erst ausbilden konnte.
Dabei braucht ein Gedanke Schutz vor der ständigen Anwesenheit der anderen. Er braucht die Dunkelhaft der Intimität, um Tiefe zu gewinnen.
Es war Voltaire der der menschlichen Natur ein „beschäftigtes Alleinsein“ als das glücklichste aller Leben bezeichnete. Damit meinte er keinen Rückzug aus Schwäche oder eine misanthropische Flucht vor der Welt. Sein Alleinsein war eine produktive Zurückgezogenheit. Es war die Errichtung eines Raumes, in dem Gedanken sich irren dürfen, in dem sie scheitern, sich verwerfen und noch einmal ganz von vorn beginnen können, ohne dass ein fremder Blick sie bereits als „unfertig“ oder „falsch“ abstempelt.
Die Freiheit der Unfertigkeit
Ein Gedanke, den man allein lässt, muss niemandem gefallen. Er unterliegt nicht dem Diktat der Verwertbarkeit. Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Alleinsein in unserer hochvernetzten Gegenwart einen so zweifelhaften Ruf genießt. Es entzieht sich dem Zugriff. Es ist die Dunkle Materie der Aufmerksamkeitsökonomie. Wer allein ist, reagiert nicht. Er erklärt sich nicht. Er „performt“ nicht.
In dieser Verweigerung liegt Freiheit. Das Alleinsein schützt vor der Vereinnahmung durch die Erwartungen anderer. Es ist der einzige Ort, an dem man nicht sofort zu jener Version seiner selbst werden muss, die den anderen am besten passt. Wer allein sein kann, bewahrt sich die Souveränität über sein eigenes Werden.
Voltaire und das Alleinsein: Das Alibi für die Ruhe
Und dennoch betrachten viele heute den Rückzug mit Skepsis. Rückzug braucht ein Motiv und Ruhe ein Alibi. Gerade die Ruhe wird heute oft nur noch als „Auftanken“ für die nächste Runde der Sicht- und Verfügbarkeit legitimiert. Dabei verliert ein Leben, das keinen Raum mehr kennt, in dem niemand zusieht, seine Freiheit. Es verliert die Möglichkeit, bei sich zu bleiben, bevor es sich zeigt.
Voltaire war klar, dass nur wer das Alleinsein beherrscht, wahrhaftig unabhängig ist. Es ist kein Zustand der Isolation, sondern einer, der nicht ständig belegt ist. Man ist nicht vom anderen getrennt, aber man wird nicht mehr von ihm bestimmt. Es ist die notwendige Distanz, um später überhaupt etwas Echtes geben zu können.
Vielleicht ist das glücklichste Leben deshalb kein geselliges. Kein bewundertes. Kein ständig bestätigtes. Sondern eines, das sich den Mut nimmt, auch allein zu sein, und beschäftigt. Denn wer „für sich“ war, hat den anderen schließlich auch mehr zu geben.
Externe Links:
Stanford Encyclopedia of Philosophy: Voltaire
Interne Links:
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