Ausschreitungen an Silvester
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Soziologie

Ausschreitungen an Silvester. Oder: Was sichtbar wird, wenn die Ordnung ausgesetzt ist

Lesedauer 4 Minuten

Ausschreitungen an Silvester. Oder: Was sichtbar wird, wenn die Ordnung ausgesetzt ist

In der Silvesternacht brennt heute nicht mehr nur Feuerwerk. Es brennen Mülltonnen, Autos und manchmal auch Kirchen. Einsatzkräfte werden angegriffen, Wohnungen beschossen, Menschen verletzt. Jahr für Jahr dieselben Bilder aus immer mehr europäischen Großstädten. Sie wirken chaotisch, eruptiv aber vor allem sinnlos. Und trotzdem folgen die Ausschreitungen an Silvester einer bitteren Logik.

Für viele ist es eine ganz besondere Nacht. Ausgelassenes Feiern inmitten des Jahreswechsels. Eine Schwelle, ein Übergangsritual wie Soziologen sagen. Ein liminaler Moment, zwischen den Jahren, in dem Ordnung sich auflöst, Regeln lockerer werden und der Staat weniger sichtbar ist. Für die meisten ist es eine gefeierte Auszeit, ein Spiel, ein Exzess, aber immer noch ein Exzess innerhalb einer akzeptieren Ordnung. Man feiert, man trinkt, man lässt es krachen, und kehrt am nächsten Tag zurück zur Ordnung. Und genau diese Liminalität, macht die Silvesternacht so interessant. Denn wo Ordnung temporär suspendiert ist, zeigt sich, wie tief sie tatsächlich verankert ist.

Für andere ist es eine Gelegenheit. Eine jährliche Probe darauf, wie weit man gehen kann. Wie schwach der Staat wirklich ist. Wie wenig seine Regeln zählen, wenn man sie nicht anerkennt. Es ist vieles, aber ganz bestimmt kein Zufall, dass sich Angriffe gezielt gegen Polizei, Feuerwehr oder Rettungskräfte richten. Denn jene verkörpern staatliche Autorität. Und genau die wird von einigen Gruppen nicht respektiert, sondern verachtet. Was wir hier sichtbar wird ist kein Vandalismus. Es ist eine Haltung.

Ausschreitungen an Silvester: Liminalität als gesellschaftlicher Stresstest

Anthropologen sagen, in Übergangsphasen entscheidet sich, wie stabil ein Gemeinwesen ist. In liminalen Phasen konstituiert sich eine Gesellschaft. Die gesellschaftliche Ordnung wird ausgesetzt, es wird egalitär, man feiert ausgelassen das Ritual. Aber, wer die Ordnung grundsätzlich anerkennt, nutzt die Liminalität zum Spiel. Wer sie verachtet, nutzt sie zur Grenzverschiebung.

Ausschreitungen der letzten Jahre, machen Silvester zu ein gesellschaftlicher Stresstest. Und dieser Test fällt zunehmend schlecht aus.

Die Gewalt tritt gerade dort auf, wo staatliche Normen ohnehin wenig Bedeutung haben. Wo Loyalität nicht der Verfassung gilt, sondern anderen Ordnungen. Clanstrukturen. Religiöse Absolutheitsansprüche. Straßenhierarchien, territoriale Kontrolle, Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Gerade hier wird Toleranz nicht als Voraussetzung des Zusammenlebens verstanden, sondern als Schwäche.

Das eigentliche Problem liegt tiefer als soziale Lage oder Herkunft. Es sind starre Weltbilder, die miteinander in Konkurrenz stehen. Weltbilder, die keinen Zweifel erlauben. Schon gar nicht, wenn sie mit Glauben verschmelzen. Und wo Weltbilder absolut gesetzt werden, wird Widerspruch zur Bedrohung.

Dabei setzt jede Integration genau das voraus: die Fähigkeit, das Eigene gerade nicht als absolut zu begreifen.

Es geht dabei aber nicht nur um religiöse Milieus. Auch politische Ideologien, die den Staat grundsätzlich ablehnen, stehen außerhalb eines integrativen Rahmens. Ganz gleich ob religiös oder linksradikal, wer Widerstand zur Identität macht, erkennt die Ordnung nicht an, sondern er definiert sich gegen sie. So mag Widerstand zwar politisch motiviert sein. Integrativ ist er nie.

Diese Beobachtung ist wenig beliebt und sie wird deshalb oft moralisch bekämpft. Aber sie verschwindet eben nicht, nur weil man sie nicht ausspricht.

Schule als Ort des schleichenden Kraftverlusts

Nun wissen wir ja, der Zerfall beginnt nicht auf der Straße. Er beginnt ganz still und leise, im Klassenzimmer.

Schulen mit Ausländeranteilen von über 50%, ja sogar bis 90 Prozent sind mittlerweile in einigen Ballungsträumen keine Ausnahme mehr. Was politisch gern als „Vielfalt“ bezeichnet wird, ist faktisch Segregation. Denn Integration setzt einen gemeinsamen Referenzraum voraus. Wo dieser aber fehlt, passen sich nicht die Schüler an die Institution an, sondern die Institution an die Schüler.

Die Folgen sind bekannt, gut dokumentiert, seit Jahren beklagt. Das Unterrichtsniveau wird abgesenkt, damit möglichst alle mitkommen. Leistungsstarke Schüler werden unterfordert. Disziplin wird verhandelbar. Autorität verliert ihre Selbstverständlichkeit.

Schule war aber auch nie nur Wissensvermittlung. Sie ist der Ort, an dem eine Gesellschaft ihre Normen reproduziert. Wenn dieser Ort überlastet ist, verliert das gesamte System an Spannkraft.

Das ist kein individuelles Versagen von Lehrern oder Schülern. Es ist ein strukturelles Problem, und leider eines mit dramatischen Langzeitfolgen. Die Schule ist natürlich nicht der einzige Grund.

Ordnungskonkurrenz statt Integration

Parallelgesellschaften entstehen nicht durch Herkunft allein, sondern durch konkurrierende Ordnungssysteme. Clanlogiken, religiöse Absolutheitsansprüche, organisierte Kriminalität, linke Milieus, sie alle funktionieren nach demselben Prinzip. Sie ersetzen staatliche Regeln durch eigene, nutzen Lücken, rekrutieren dort, wo der Arm des Staates nicht hinreicht.

Viele fügen sich zwar dem staatlichen Zwang. Aber sie akzeptieren seine Legitimität nicht. Und genau das ist der entscheidende Unterschied.

Eine liberale Ordnung kann mit Kritik leben. Sie kann sogar mit Ablehnung umgehen. Aber sie kann nicht überleben, wenn ganze Milieus sie nur noch instrumentell dulden. Wenn Recht nicht als gemeinsame Errungenschaft gilt, sondern als äußere Macht, der man sich bei Gelegenheit entzieht oder widersetzt. Silvester bietet genau diese Gelegenheit.

Ausschreitungen an Silvester: Innere Stabilität ist keine rechte Fantasie

In Zeiten geopolitischer Unsicherheit wird gern von äußerer Bedrohung gesprochen. Doch Staaten zerbrechen selten an äußeren Feinden allein. Sie zerbrechen an innerer Fragmentierung, an normativer Erosion, an der Unfähigkeit, Loyalität einzufordern, ohne sich dafür zu entschuldigen.

Stärke bedeutet nicht Härte um ihrer selbst willen. Stärke bedeutet Klarheit. Klare Normen. Klare Erwartungen. Klare Sanktionen.

Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Grundlagen aus Angst vor moralischer Zuschreibung nicht mehr verteidigt, schwächt sich selbst.

Was die Ausschreitungen an Silvester wirklich zeigen

Die Ausschreitungen an Silvester ist kein Betriebsunfall. Es ist ein Spiegel.

Nicht jeder, der randaliert, ist ein Feind des Staates.
Aber jeder Staat, der systematische Ordnungsmissachtung relativiert, arbeitet an seiner eigenen Delegitimierung.

Die Frage ist nicht, ob wir Vielfalt aushalten.
Die Frage ist, ob wir noch wissen, was uns zusammenhält
und ob wir bereit sind, es auch tatsächlich durchzusetzen.



Externe Links:

Tagesspiegel: Neujahr: Dutzende Verletzte, 400 Festnahmen zu Silvester in Berlin

NTV – Niederlande erleben zu Silvester Eskalation der Gewalt

Interne Links:

Victor Turner: „Liminalität“ und die transformative Kraft von Ritualen


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