Das Gute und Affirmation
Metaphysik

Das Gute und Affirmation: Das Gute als affirmatives Prinzip

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Lesedauer 8 Minuten

Eine pragmatische Metaphysik des Guten: Das Gute als affirmatives Prinzip

Seit der Antike ist das Gute Gegenstand philosophischer Reflexion. In Platons Ideenlehre ist das Gute das oberste Prinzip, die höchste aller Ideen, von der alle anderen Ideen abgeleitet werden. Thomas von Aquin prägte in seiner „Summe Theologica“ das Prinzip, dass das Gute zu tun und das schlechte zu meiden ist.  Bei Augustinus ist Gott das höchste Gut, von dem alles Gute abgeleitet wird. Alle Dinge seien ihm zufolge Gut, insofern sie an der göttlichen Ordnung teilhaben. Das Böse leide Augustinus zufolge an einem Mangel an Gutem. Die Liste der Gedanken philosophiegeschichtlicher Ansätze über das Gute liese sich hier schier endlos fortführen. Jeder von uns hat eine Vorstellung von dieser Idee des Guten. Wir haben alle ein Gespür, ein Gefühl für das Gute, sprechen darüber, wünschen es unseren Freunden, Familien und natürlich uns selbst. Wirklich greifen können wir diesen Begriff aber nur schwer. Er scheint sich einer klaren und allgemein anerkannten Definition förmlich zu entziehen.

Mit diesem Essay möchte ich nach dem inneren, elementaren Wesenskern des Guten zu fragen. Ich werde mich dabei ganz bewusst nicht jenen Fragestellungen zuwenden, die sich damit beschäftigen welche Handlungen, Haltungen, Ereignisse oder Gegebenheiten als gut anzusehen sind. Auch werde ich mich bewusst nicht einer ontologischen Einordnung des Guten zuwenden. Es geht mir also nicht um die Frage, ob das Gute ein von uns unabhängiger moralischer Wert oder eine von uns unabhängige Entität ist, die vom Menschen erkannt und verstanden werden kann oder ob es sich um einen nominalen oder konzeptualistischen Begriff handelt, der nur in unserer Sprache oder unserem Denken existiert. Auch wenn diese Fragen für sich genommen überaus interessant sind und gleichsam ebenfalls Gegenstand philosophischer Diskussionen sind und waren, verfolge ich in diesem Essay einen pragmatischen Ansatz und klammere diese Fragen bewusst aus. Dies soll mir erlauben, meinen Fokus gezielt auf die elementarste Eigenschaft des Guten zu richten. Ziel dieser Arbeit ist es also, die Affirmation als Prinzip und als zentrale Funktionsweise des Guten zu untersuchen und damit dessen innere Natur freizulegen

Das Gute – ein affirmatives Prinzip?

Die Bedeutung des Affirmativen

Der Begriff der Affirmation hat seine Wurzeln im lateinischen Wort „affirmatio“, das von „affirmare“ abgeleitet wird. „Affirmare“ setzt sich aus dem Präfix „ad“ (zu) und dem Wort „firmare“ (festigen, stärken) zusammen. In seiner heutigen Verwendung wird der Begriff der Affirmation mit einer Bejahung, Bestätigung oder Zustimmung verbunden. Seine Verwendung findet er in unterschiedlichen Kontexten wie der Philosophie, der Psychologie, Logik aber auch in der Rechtswissenschaft.

In der Philosophie wird der Begriff des Affirmativen dazu verwendet, eine Aussage zu bejahen. So besonders in der Logik oder der Sprachphilosophie. Im ethischen Kontext bezeichnet er eine Haltung des Bejahens ethischer Werte und Normen, allerdings und das ist ganz wesentlich für eine affirmative Haltung etwa gegenüber den Menschenrechten reicht es damit nicht aus, diese lediglich anzuerkennen. So bezeichnet sie nicht lediglich einen passiven Zustand, als vielmehr eine vollziehende Praxis. Im logischen oder sprachphilosophischen Kontext bezeichnet das Affirmative die Bejahung einer Aussage. Eine etwas spezifischere Form findet sich in der politischen Philosophie, und zwar im Begriff der der „affirmative Action“. Affirmative Actions bezeichnen dabei eine Reihe politischer Maßnahmen positiver Diskriminierungen, die darauf abzielen Benachteiligungen bestimmter Minderheiten auszugleichen.  Auch wenn die Bedeutung hier eine recht spezifische Ausprägung erhält, verdeutlicht sie doch auf starke Weise den Grundgedanken des Affirmativen als ein auf Bejahung und Förderung gerichtetes Prinzip. Fast schon evident ist seine Bedeutung in der Lebensphilosophie als lebensbejahende Haltung. In der Psychologie wir der Begriff der Affirmation ebenfalls in verschiedenen Kontexten verwendet, so bspw. in der Selbstbestätigungstheorie (engl. Self-affirmation theory), nach dem Menschen grundsätzlich motiviert sind, ein positives und integres Selbstbild aufrechtzuerhalten[1].

Was können wir nun über die Bedeutung des Affirmativen zusammenfassend sagen? Betrachten wir die unterschiedlichen Bereiche, in denen der Begriff angewendet wird, weist der Begriff kontextunabhängig eine eindeutig richtungsgebende semantische Signatur auf. Er scheint doch auf das Positive hin ausgerichtet zu sein. Besonders deutlich wird diese Ausrichtung, wenn man den Begriff der Affirmation in sein Gegenteil verkehrt. Liegt die Bedeutung der Affirmation in der Zustimmung, der Bestätigung, der Bejahung, dann bildet die Ablehnung, die Negation, den notwendigen Gegenbegriff.

Seine semantische Signatur ist demnach die der Positivität, ohne jedoch selbst positiv zu sein. Affirmation ist vielmehr der Ausgangspunkt von Positivität. So erscheint sie mir wie ein Portal aus dem heraus sich das Positive erst entwickelt.

Affirmation und Positivität

Zwischen Affirmation und Positivität besteht demzufolge eine enge Beziehung, vielfach werden beide Begriffe sogar synonym verwendet. Dies mag auf den ersten Blick zwar überzeugen, bei genauerem Hinsehen, zeigt sich jedoch eine Differenz. Der Begriff „Positiv“ leitet sich vom spätlateinischen Verb „ponere“, welches „setzen“, „stellen“ oder „legen“ bedeutet, sowie vom Partizip Perfekt Passiv „positus“, was „gesetzt“, „gegeben“ oder „hingestellt“ bedeutet, ab[2]. Der feine Unterscheid zwischen beiden Begriffen liegt demzufolge darin, dass die Affirmation den Zustand der Bejahung beschreibt, während das Positive etwas beschreibt, was gesetzt und somit entstanden oder geschaffen ist, und mithin aufgrund dieser Setzung hin erst existiert. Unter diesen Vorzeichen stehen beide Begriffe nicht mehr nebeneinander, sondern es ergibt vielmehr das Bild einer zeitlichen Abfolge, in welcher die Affirmation dem Positiven vorausgeht. Dieser Beschreibung folgend, ist die Affirmation somit die notwendige Bedingung der Möglichkeit des Positiven.

Die Natur des Guten

Wenn Menschen vom „Gutem“ sprechen, beziehen sie sich oft auf ein breites Spektrum von Empfindungen, Erfahrungen und Werten. Dies kann von alltäglichen, scheinbar trivialen Situationen bis hin zu tiefgreifenden moralischen und ethischen Prinzipien reichen. Die häufige Verwendung dieses Begriffs in so vielen unterschiedlichen Kontexten deutet darauf hin, dass „Gut“ nicht nur ein abstrakter philosophischer Begriff ist, sondern tief in unserer menschlichen Erfahrung verwurzelt ist.

Alltägliche Verwendungen von Gut

Oft, wenn wir sagen, „es ist gut“, beziehen wir uns auf etwas, das unseren Erwartungen entspricht oder diese sogar übertrifft. „Etwas gut laufen lassen“ deutet auf ein positives Ergebnis einer Situation oder eines Ereignisses hin. „Die Kinder haben sich gut verhalten“ weist auf die Erfüllung bestimmter sozialer oder kultureller Normen und Erwartungen hin. In diesen alltäglichen Verwendungen bestätigt das „Gute“ stets einen Zustand, der als wünschenswert, förderlich oder positiv angesehen wird.

Wünschen von „Gutem“:

Wenn wir jemandem „alles Gute“ wünschen, drücken wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen aus, dass diese Person positive Erfahrungen machen und von negativen Umständen verschont bleiben wird. Dies ist nicht nur eine Höflichkeitsformel, sondern ein Ausdruck unserer tiefsten Wünsche für das Wohlergehen eines anderen. Hier zeigt sich das affirmierende Prinzip in der aktiven Bejahung und dem Streben nach einer positiven Zukunft für andere.

Das Gute im Menschen:

Dies ist wahrscheinlich der tiefste und komplexeste Aspekt unserer Auseinandersetzung mit dem Guten. Wenn wir vom „Guten im Menschen“ sprechen, beziehen wir uns oft auf eine inhärente Qualität oder Eigenschaft, die es den Menschen ermöglicht, über sich selbst hinauszugehen, Mitgefühl und Wohlwollen zu zeigen, zu lieben und zu verzeihen. Es ist eine Anerkennung des Potenzials für Positives in jedem von uns, unabhängig von äußeren Umständen oder persönlichen Fehlern. Hier wird die Affirmation in ihrer höchsten Form sichtbar, da sie die grundlegende positive Natur des Menschseins selbst bestätigt.

In all diesen Kontexten ist das Gute nicht nur eine passive Zustandsbeschreibung, sondern immer auch eine aktive Bejahung und Bestätigung des Seins. Das affirmative Prinzip durchzieht alle Verwendungen des Begriffs „Gut“. Im Alltag affirmieren wir das Wünschenswerte und Positive. Wenn wir „alles Gute“ wünschen, affirmieren wir die Hoffnung und das Positive für andere. Das „Gute im Menschen“ affirmiert das inhärent Positive in der menschlichen Natur.

Das Gute als affirmatives Prinzip bedeutet daher, dass jede positive Wertung, jede positive Handlung und jedes positive Streben eine Bestätigung und Bejahung des Seins ist. Es geht darum, das Leben und die Welt in einer Weise zu gestalten und zu erleben, die positiv, förderlich und konstruktiv ist. Diese Affirmation ist die Grundlage dafür, warum wir bestimmte Dinge als „gut“ betrachten: weil sie das Sein in seiner Ganzheit und Integrität bejahen und fördern.

Affirmation: Das Gute als grundlegendes affirmatives Prinzip

Der Begriff des „Guten“ durchzieht unsere menschliche Erfahrung in vielfältiger Weise. Doch was diesen verschiedenen Darstellungen des Guten gemein ist, ist sein affirmativer Charakter. Das Gute ist nicht nur in seiner Essenz affirmativ, sondern es drückt stets eine positive Bejahung des Seins aus.

Die alltägliche Verwendung des Wortes „Gut“ bekräftigt Dinge und Situationen, die als förderlich, wünschenswert oder zustimmungswürdig betrachtet werden. Es geht nicht nur darum, dass etwas angenehm oder wünschenswert ist, sondern vielmehr darum, dass es das Seiende in seiner Ganzheit und Integrität erhält. Es drückt eine Bewegung weg von der Negation und hin zur Positivität aus.

Ebenso liegt in dem Wunsch nach „Gutem“ mehr als eine bloße Höflichkeitsfloskel. Es ist ein aktives Anstreben des Positiven für andere, ein Wunsch, dass sie sich in einer affirmativen Realität bewegen, die das Leben fördert und nicht negiert.

Das „Gute im Menschen“ wiederum hebt nicht nur unsere Fähigkeit zur Positivität hervor, sondern bestätigt auch unsere inhärente Neigung dazu. Es ist ein Zeugnis für unser Bedürfnis und unsere Fähigkeit, das Leben und die Welt um uns herum zu bejahen und zu bestätigen.

Die Idee des ersten Guten

Die Idee eines „ersten Guten“ erweitert diese Perspektive und lenkt unseren Blick auf das größte Affirmative überhaupt: die Entstehung des Seins selbst. Das Universum, in all seiner Komplexität und Schönheit, entstand aus einer ursprünglichen Bejahung, als ein erstes Gutes. Diese ursprüngliche Affirmation führte zur Setzung des Universums, wodurch es zu einem Positivum wurde. Dass überhaupt etwas existiert und das Universum sich entwickelt und ins Positive hineinbewegt, zeigt die fundamentale Setzung dieses ursprünglichen Guten. Affirmation geht wie bereits erwähnt der Positivität voraus und fungiert als das Portal, durch das sich die Setzung als Positivum hindurch entwickelt.

Diese Affirmation muss jedoch nicht als Akt einer bewussten Entität (etwa durch Gott) verstanden werden. Vielmehr könnte sie als ein abstraktes, nicht-personifiziertes Prinzip interpretiert werden, das dem Universum innewohnt. In dieser Sichtweise ist die Affirmation eine grundlegende Eigenschaft des Seins selbst, die keine bewusste Intention oder willentliche Handlung voraussetzt (in diesem Zusammenhang auch interessant: „Theorie der Selbstorganisation“).

Weiterführende Gedanken und Implikationen

Deine Idee, dass das Universum als gesetztes Sein aus einer ursprünglichen Affirmation hervorgegangen ist, hat interessante Implikationen. Wenn man diese Idee konsequent weiterdenkt, ergeben sich einige philosophische Überlegungen und Herausforderungen.

Alles Existierende als Positivum

Wenn man konsequent weiterdenkt, dass alles, was existiert, das Ergebnis einer affirmativen Setzung ist, könnte man in der Tat sagen, dass alles, was es gibt, positiv und somit auch gut ist. Dies folgt aus der Annahme, dass Affirmation der Ursprung aller Existenz ist. Jeder Gegenstand, jedes Ereignis und jede Handlung sind demnach Manifestationen dieser ursprünglichen Bejahung.

Ontologische Implikationen

Diese Sichtweise hat tiefgreifende ontologische Implikationen. Es würde bedeuten, dass das Sein selbst als grundsätzlich positiv betrachtet wird. Jede Form von Existenz wäre dann eine Manifestation dieser ursprünglichen Bejahung. Negative Aspekte der Existenz, wie Leid und Zerstörung, müssten entweder als weniger real oder als Epiphänomene betrachtet werden, die aus einem Mangel an Affirmation resultieren. Diese Idee erinnert dann doch ein wenig an Augustinus‘ Konzept, dass das Böse ein Mangel an Gutem ist – also ein Defizit an affirmativer Setzung.

Ethik und Moral

In ethischen und moralischen Kontexten könnte diese Idee weitreichende Auswirkungen haben. Man könnte dazu übergehen, jede Handlung und jedes Ereignis nach ihrer affirmativen Qualität zu bewerten. Handlungen, die das Sein bejahen und fördern, wären demnach moralisch gut. Diese Perspektive würde eine lebensbejahende Ethik fördern, bei der das Ziel ist, das Positive zu vermehren und zu unterstützen. Moralisch gute Handlungen wären jene, die das Sein bestätigen, stärken und weiterentwickeln.

Metaphysische Herausforderungen

Eine Herausforderung dieser Sichtweise besteht darin, Negativität und das Böse zu erklären. Wenn alles Existierende positiv ist, wie passen dann negative Phänomene in diese Struktur? Hier könnte die Idee nützlich sein, dass Negativität als ein Mangel an Affirmation zu verstehen ist. Negative Phänomene wären dann nicht eigenständige Entitäten, sondern das Resultat einer Abwesenheit oder eines Mangels an affirmativer Bejahung, ähnlich wie Dunkelheit die Abwesenheit von Licht ist.

Das Gute als affirmatives Prinzip: Schlussbetrachtung

Vor diesem Hintergrund können wir schließen, dass das Gute nicht nur ein affirmatives Prinzip ist, sondern auch das tiefste Streben des Menschen nach Bejahung, nach Bestätigung des Lebens und des Seins. Lange bevor es festgelegte Definitionen oder Konzepte von „Gutem“ gab, existierte ein tiefer menschlicher Drang, das Leben zu bejahen und ins Positive zu lenken. Es ist diese tief verankerte Tendenz zur Affirmation und Positivität, die als Grundlage für unsere Auffassung und Erfahrung von Gutheit dient.

In diesem Sinne ist das Gute mehr als nur ein Konzept oder eine Idee – es ist eine grundlegende Kraft, die das menschliche Dasein, ja das Sein generell prägt und leitet. Es ist der Kern unserer menschlichen Erfahrung und unserer Existenz. Es ist das ständige Streben des Menschen, die Welt und das Leben zu bejahen und ins Positive zu lenken, ebenso wie das Universum aus einem ersten Guten entstand und sich weiterhin in diese Richtung entwickelt.

Was denkst Du über das Gute?


[1] Vgl. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/selbstbestaetigungstheorie, Stand: 22.08.2023

[2] Vgl. https://www.dwds.de/wb/positiv, Stand: 22.08.2023



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