Philosophie

Ein Universum das sich selbst erkennt: Eine poetische Phänomenologie des Absurden

Lesedauer 2 Minuten

Ein Universum das sich selbst erkennt: Eine poetische Phänomenologie des Absurden

13,8 Milliarden Jahre lang passiert nichts — jedenfalls nichts, was irgendwer bemerkt. Kein Auge, kein Gedanke, kein Wort. Nur Kollisionen, Gravitation, Strahlung und endloses Schweigen. Ein Universum, das sich ausbreitet, ohne zu wissen, dass es existiert. Und dann, irgendwann auf einem mittelmäßigen Planeten am Rand einer mittelmäßigen Galaxie, passiert etwas das sich nicht ankündigt: Materie fängt an zu denken. Und kurz darauf fängt sie an zu reden.

Es fängt klein an. Bakterien, Einzeller. Blinder Stoffwechsel. Keine Absicht, kein Bewusstsein. Nur Reize und Reaktionen. Dann Nervensysteme. Sinne. Bewegung, die zielgerichtet wird. Aus Leben wird Wahrnehmung, aus Wahrnehmung so etwas wie ein Innen. Und irgendwann — niemand weiß genau wann — taucht ein Wesen auf, das nicht nur lebt, sondern weiß, dass es lebt. Etwas in diesem Universum beginnt, sich selbst zu bemerken.

Der amerikanische Astronom Carl Sagan hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Wir sind eine Art, wie der Kosmos sich selbst erkennt.“ Was so poetisch klingt, ist es eigentlich nicht. Es ist, konsequent gedacht, eine Ungeheuerlichkeit. Denn es kehrt alles um. Nicht wir blicken auf das Universum. Das Universum blickt — durch uns — auf sich selbst. Kein göttlicher Plan, kein Ziel. Nur die Eskalation von Struktur. Alles, was wir sehen, denken und fühlen, entsteht in der Welt, nicht außerhalb von ihr. Wir sind keine Ausnahme vom Universum — wir sind seine Entfaltung.

Materie organisiert sich. Sie denkt, träumt, zweifelt — und fängt irgendwann an, Existenzkrisen zu haben. Aus Sternenstaub wird Selbstwahrnehmung. Und plötzlich ist da nicht nur ein Universum — plötzlich ist da ein Ich, das wissen will, was das alles soll.

Aber Materie, die sich selbst bemerkt, hält nicht die Klappe. Irgendwann, zwischen Grunzen und Gesten, entsteht Sprache. Ein Primat sitzt am Feuer und erzählt seinen Artgenossen von Sternen, Ängsten und Träumen. Es ist Materie selbst — verdichtet zu Nervenzellen, verschaltet zu Bedeutung, geformt zu Stimmen, die Geschichten erzählen. Und damit verschiebt sich alles noch einmal. Denn wenn man Sagans Gedanken konsequent zu Ende führt, dann ist Sprache nicht nur der Moment, in dem das Schweigen aufhört, sondern der Moment, in dem das Universum sich selbst beim Denken zuhört.

Und das ist vielleicht das eigentliche Wunder. Nicht Bewusstsein. Nicht Denken. Sondern dass irgendwann etwas beginnt, Spuren zu hinterlassen, die gelesen werden können.

Vielleicht verstummt es eines Tages wieder. Die Sonne wird sich aufblähen, die Erde verbrennen, und irgendwann wird kein Mund mehr da sein, der etwas sagt. Aber jetzt gerade spricht es. Durch uns. Nicht zielgerichtet. Nicht vollkommen. Ein Primat der am Bildschirm sitzt und von Sternen redet — und damit, ohne es zu wissen, das Schweigen von 13,8 Milliarden Jahren bricht.

Und vielleicht — nur vielleicht — ist das schon genug.



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2 Comments

  • Vollmer Stefan

    Sehr schöner Text! In diesem Sinne ein altbekannter Witz:

    „Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: ‚Du siehst aber gar nicht gut aus!‘ – ‚Ich habe Homo sapiens.‘ – ‚Das geht vorbei!‘“

    • Marc-Anthony Widmann

      Danke! Ja, möglicherweise die Pointe des Ganzen: Das Universum bringt endlich etwas hervor, das über Sterne sprechen kann — und es nutzt die Gelegenheit für Kriege, Steuererklärungen und Plastikstrohhalme

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