Blick nach oben
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Existenzphilosophie,  Metaphysik

Der „Blick nach oben“

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Lesedauer 5 Minuten

Vielleicht gehen Sie gerne in die Berge, vielleicht gehen Sie gerne Wandern oder vielleicht lieben es, einfach nur aufs offene Meer hinauszuschauen. Wie dem auch sei, aber all das entspringt demselben Wunsch. Dem Wunsch mit Ihrem Blick dem Alltäglichen, dem umtriebigen Alltag des weltlichen Daseins zu entfliehen. Doch für die Verwirklichung dieses Wunsches bedarf es nicht immer großer Reisen oder außergewöhnlicher Orte. Denn heute möchte ich über etwas schreiben, das auch in diese Kategorie fällt: Den Blick nach oben.

Seit langem beschäftigt mich dieser Gedanke. Das Konzept und die Bedeutung des „Nach-Oben-Blickens“. Ich schreibe diesem besonderen Blick, der oft nichts Konkretes und doch so vieles ins Auge fasst, besondere Eigenschaften zu. Aber es ist nicht allein der Blick nach oben selbst der wertvoll ist, sondern auch die Haltung die sich dahinter verbirgt.

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Vor allem in dieser kalten und regnerischen Zeit, wenn der Himmel grau und undurchdringlich scheint, vermisse ich sie, die lauen Nächte im Sommer. Wenn ich eingehüllt in die wärmende Dunkelheit, am Rande der Unendlichkeit, in meinem Garten am Feuer sitze, umgeben vom sanften Knistern des Feuers, und meinen Blick nach oben, hinaus ins Weite gleiten lasse. Über mir der weite Sternenhimmel.

Doch der Zauber des Blicks nach oben beschränkt sich nicht allein auf die nächtliche Pracht des Sternenhimmels. Er umfasst ebenso die vielen Facetten des Tageslichts, von der sanften Morgendämmerung, die den Himmel in zarte Farben taucht, bis hin zum leuchtenden Blau eines klaren Tages. Es ist der Anblick der vorüberziehenden Wolken, die in ihrer ständigen Verwandlung Geschichten von Freiheit und Veränderung erzählen. Manchmal ist es auch einfach nur die Haltung die wir einnehmen indem wir unseren Blick nach oben richten – weg von den Ablenkungen des weltlichen.

Demut und Anerkennung

Auf der einen Seite ist der Blick nach oben immer ein Aufschauen, eine Haltung der Demut, der Anerkennung für das, was unser alltägliches Dasein übersteigt – sei es die Unendlichkeit des Kosmos, die Suche nach spiritueller Führung oder die ruhige Schönheit des nächtlichen Himmels. Diese Haltung erlaubt es uns, über den engen Rahmen des Hier und Jetzt hinauszublicken und uns mit einer Welt zu verbinden, die sowohl unsere Vorstellungskraft als auch unsere Sehnsüchte herausfordert.

Der Blick nach oben lehrt uns, unsere eigene Existenz in Relation zum grenzenlosen Universum zu sehen, uns selbst als winzige, aber dennoch bedeutungsvolle Teile eines unfassbar großen Ganzen zu begreifen. Er zeigt uns, dass unsere Sorgen und Kämpfe, so überwältigend sie uns manchmal auch erscheinen mögen, in der Ewigkeit des Kosmos ihren Klang verlieren.

In dieser Erkenntnis liegt eine tiefe Bescheidenheit, die uns erdet und gleichzeitig erhebt, indem sie uns mit der faszinierenden Komplexität und Schönheit dessen verbindet, was über uns schwebt. Der Blick nach oben wird so zu einer existenziellen Erfahrung, einem stillen Dialog mit dem Unbekannten, der uns dazu ermutigt, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen und vielleicht auch in der stummen Unendlichkeit eine Form der Führung oder des Trostes zu finden.

Eine Geste der Offenheit und des Staunens

Auf der anderen Seite ist es eine Geste der Offenheit, der Neugier, eine Geste des Staunens über die Wunder dieser Welt. Er ist eine Einladung, nicht nur über die Grenzen unseres Alltags, sondern über die Grenzen unseres Verstandes hinwegzublicken. Nach oben zu schauen, heißt nicht nur mit dem Auge zu sehen. Es ist auch kein Blick in eine Leere als vielmehr ein Blick in eine Welt voller Möglichkeiten, die sich hinter unseren alltäglichen Sorgen und Routinen verbirgt. Aber erst wenn wir uns von diesen befreien, öffnet sich das Tor zu einer unendlichen Vielfalt von Perspektiven und Ideen, die unser Denken bereichern und unseren Horizont erweitern. Es ist ein, vom weltlichen Dasein entfesselter Blick, es ist der Blick der Freiheit.

Der Blick nach unten

Alltag
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Betrachten wir für einen Moment das Gegenteil, also Blicke die nicht nach oben gerichtet sind – bezeichnen wir sie im Gegensatz als „Blick nach unten“. Anders als das Aufschauen, ist der Blick nach unten, ein Blick ins weltliche. Er bildet die Verbindung zur materiellen Welt, die wir für unsere täglichen Verrichtungen brauchen. Die Aufmerksamkeit ist in diesem Fall auf das Greifbare und Profane gerichtet, eingefasst in eine stringent konstruierte Struktur von Raum und Zeit. Mit ihm einher geht oftmals auch eine gewisse Begrenztheit, der Fokus liegt auf dem Oberflächlichen, dem Unmittelbaren.

Dieser Blick nach unten ist notwendig für unser Überleben und unser alltägliches Funktionieren. Er verankert uns in der Realität, erinnert uns an unsere unmittelbaren Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Er hält uns in Kontakt mit der physischen Welt, mit dem Boden, auf dem wir stehen, und den praktischen Aspekten des Lebens, die unsere Aufmerksamkeit und unser Handeln erfordern.

Dieser Blick ist essenziell, denn er ermöglicht es uns, uns zu orientieren, Gefahren zu erkennen und zu navigieren, sowohl im übertragenen Sinne in unserem sozialen und beruflichen Umfeld als auch im buchstäblichen Sinne, wenn wir durch unsere Umwelt gehen. Er ist ein Symbol für die Sorge um das Hier und Jetzt, für das Kümmern um das, was unmittelbar vor uns liegt – sei es die Arbeit, die wir verrichten, die Menschen, die wir lieben, oder die kleinen Freuden und Herausforderungen des täglichen Lebens.

Kultivierung zweier Perspektiven

Doch so wichtig dieser Blick auch ist, sollte er nicht unsere einzige Perspektive bleiben. Es ist entscheidend, sich bewusst Zeit zu nehmen, um sich von den Fesseln des Alltags zu befreien und nicht in ihnen gefangen zu sein. Oftmals können wir so sehr in den Routinen und Sorgen des täglichen Lebens verstrickt sein, dass wir vergessen, nach Luft zu schnappen, innezuhalten und unsere Perspektive zu erweitern. Diese bewusste Entscheidung, uns gelegentlich von diesen Ketten zu lösen, ist nicht nur befreiend, sondern auch notwendig. Indem wir uns diese Freiräume schaffen, befreien wir und von der Last des Alltags, von den Sorgen und Vorhaben der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Leben offenbart sich erst in seiner ganzen Pracht, wenn wir beide Perspektiven Kultivieren und die Balance zwischen dem Unmittelbaren und dem Unendlichen, dem Abstrakten und Konkreten, zwischen Materiellem und Spirituellem suchen.

Nach oben zu schauen ist eine Chance, sich von den Fesseln des Materiellen zu lösen und in eine Welt einzutauchen, die von zeitloser Schönheit und unendlicher Weite geprägt ist. Es erinnert uns daran, dass es trotz aller Unruhe und aller Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, es eine Ebene der Existenz gibt, die von einer tiefen Ruhe und einem friedvollen Gleichgewicht geprägt ist. Dieser Blick ist aber nicht nur eine phantastische Naturerfahrung, der von der Schönheit des Universums geprägt, er ist auch eine Metapher für die unbegrenzten Möglichkeiten unseres Geistes und unserer Vorstellungskraft.

So wird der Blick nach oben zu einer tiefen psychologischen Erfahrung, die weit über die ästhetische Bewunderung des Himmels hinausgeht. Er wird zum Symbol für unsere Fähigkeit, über den Rand unserer persönlichen Erfahrungen hinauszusehen und uns eine Welt vorzustellen, die reicher und voller ist, als unsere alltäglichen Sorgen es uns oft glauben lassen. Und dabei entlasten wir uns vom Druck des Alltäglichen.

Eine Einladung

Also, das nächste Mal, wenn Sie sich vom Gewicht des Alltags überwältigt fühlen, schauen Sie doch einfach mal nach oben. Lassen Sie Ihren Blick in den Himmel schweifen, betrachten Sie die Sterne, die Wolken oder einfach nur die unendliche Bläue. Vielleicht finden Sie in diesem Blick nach oben einen Moment der Ruhe, eine Quelle der Inspiration oder eine Erinnerung an die unendlichen Möglichkeiten, die das Leben bietet. Es ist eine schlichte Geste, doch eine mit der Kraft, unsere Perspektive zu verschieben, indem sie uns erlaubt, die Fesseln des Augenblicks zu lösen und uns eine Pause vom stetigen Strom des Lebens zu gönnen.


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