Der Dritte im Raum
Der Dritte im Raum
Zwei Menschen sitzen in einer Bar. Sie reden. Nichts Besonderes. Irgendwann betritt ein Dritter den Raum. Er setzt sich nicht zu ihnen und er sagt auch nichts, er ist einfach nur da. Mit einem Mal kippt alles. Die Stimmen werden leiser oder lauter. Die Worte vorsichtiger oder schärfer. Die Blicke wandern. Das Gespräch, das eben noch zwischen zwei Leuten stattfand, steht plötzlich unter Beobachtung.
Die westliche Philosophie beginnt gern beim Ich. Descartes allein vor dem Ofen, auf der Suche nach der einen unbezweifelbaren Gewissheit. Er findet sie in sich selbst. Das Ich als Fundament. Kein Du, kein Raum, nur ein Bewusstsein und ein Ofen, über den nicht weiter nachgedacht wird.
Schon die Frage „Wer bin ich?“ lässt sich nicht im Monolog beantworten. Rimbaud hat das in vier Worteso gesagt: Ich ist ein Anderer. Vier Worte, und Descartes kann den Ofen ausmachen. Wer ich bin, zeigt sich im Blick eines Gegenübers. Im Du.
Ich-Du-Beziehung
Die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat sich ausgiebig an der Ich-Du-Beziehung abgearbeitet. Buber, Levinas, die ganze Phänomenologie der Begegnung. Das Antlitz des Anderen, Verantwortung, Ethik. Man hat aus der Zweierbeziehung eine feierliche Angelegenheit gemacht. Fehlt nur noch Kerzenlicht. Doch wer bei der Zweiheit stehen bleibt, übersieht etwas Entscheidendes: Das Du ist nie das einzige Gegenüber. Schon die Grammatik weiß das. Sie kennt nicht nur die erste und die zweite Person. Es gibt immer schon einen Dritten.
Und mit dem Dritten ändert sich nicht die Anzahl. Es ändert sich alles.
Die Beziehung zu einem weiteren Anderen ist keine Verdopplung der Beziehung zum Du. Sie ist ein Bruch. Der Dritte relativiert die Zweierbeziehung, bricht sie auf, setzt sie in einen Rahmen, den die Beteiligten nicht selbst gebaut haben. Wer ich für dich bin und wer du für mich bist — das entscheiden weder du noch ich. Institutionen entscheiden es. Normen. Gesetze. Abwesende, die trotzdem am Tisch sitzen und schon bestellt haben.
Der Dritte muss keine Person sein. Er kann ein Regelwerk sein, eine Erwartung, eine Selbstverständlichkeit, die im Raum steht wie Zigarettenrauch in den Achtzigern. Das Standesamt ist ein Dritter. Das Arbeitsrecht ist ein Dritter. Die Sprache, in der wir uns anschreien, ist ein Dritter. Er stellt das Milieu bereit, in dem Begegnungen stattfinden. Wir betreten den Raum. Der Raum war schon möbliert.
Sind wir also nie wirklich allein miteinander? Nein. Sind wir nie. Aber das ist kein Verlust. Ohne den Dritten gibt es keine Verbindlichkeit. Kein Versprechen, das länger hält als die Stimmung, in der es gegeben wurde. Zwei Leute, die sich in die Augen schauen, können sich alles Mögliche schwören. Das hält bis zum nächsten Morgen. Damit daraus mehr wird, braucht es jemanden, den das nicht rührt.
Der Liberalismus erzählt gern die Geschichte vom Schmied des eigenen Glücks. Jeder ist verantwortlich für sich. Jeder muss nur genug tun. Und wer scheitert, hat eben nicht genug gehämmert. In dieser Geschichte kommt der Dritte nicht vor. Keine Herkunft, keine Struktur, kein Raum, der schon eingerichtet war, bevor man ihn betritt. Die Bedingungen verschwinden im Verdienst. Und wer auf sie zeigt, redet sich raus.
Marx hat das gesehen. Hegel auf seine Weise auch. Wir halten uns für frei. Wir wählen unseren Beruf, unsere Waren, unseren Lebensstil. Aber die Regeln, nach denen gewählt wird, standen fest, bevor wir an der Reihe waren. Das nennt sich dann Chancengleichheit.
Zurück in die Bar. Der Dritte sitzt jetzt am Nebentisch und liest Zeitung. Er hört nicht zu. Er interessiert sich nicht. Aber die beiden, die sich vorhin so unbefangen unterhalten haben, wissen jetzt, dass ihr Gespräch nicht mehr nur ihnen gehört. Dass es einen Raum gibt, der größer ist als ihre Beziehung. Dass sie, ob sie wollen oder nicht, Teil einer Ordnung sind, die sie nicht gewählt haben. Der Dritte blättert um. Die beiden bestellen nach.
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