Wiederholung Erinnerung Augenblicke
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Existenzphilosophie

Die Wiederholung

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Lesedauer 4 Minuten

„Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert.“

Sören Kierkegaard

Neben dem Sprung, dem Augenblick oder der Wahl als wichtige existenzphilosophische Begriffe möchte ich mich nun dem Konzept der Wiederholung zuwenden. Ich habe das Konzept der Wiederholung, ähnlich wie den „Sprung“ und den „Augenblick“, an die Konzeption von Sören Kierkegaard angelehnt, allerdings ohne die religiöse Dimension zu berücksichtigen. Vielleicht aber auch ein wenig auf meine Weise interpretiert.

Alle drei Begriffe haben in der Philosophie Kierkegaards eine besondere Bedeutung und alle drei Begriffe sind miteinander verschränkt. Kierkegaard diskutierte das Konzept der „Wiederholung“ in Bezug auf die menschliche Existenz und die Notwendigkeit, wichtige Entscheidungen im Leben immer wieder zu treffen. Die Wiederholung in Kierkegaards Sinn bezieht sich auf die ständige Erneuerung der individuellen Existenz und die Möglichkeit, sich ständig neu zu entscheiden, indem man existentielle Sprünge macht.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese Ansichten wie so vieles anderes auch, streitbar und kontrovers sind. Hier werden keine ewigen Wahrheiten präsentiert, sondern Konzepte, die den Leser zum Nachdenken anregen sollen. Denn auch die Retrospektive hat ihren Reiz und nicht nur das. Neueste Studien legen nahe, dass auch die Nostalgie in der Emotionspsychologie effektiv Trost spenden, Einsamkeit bekämpfen, den Optimismus und das Selbstwertgefühl steigern kann.[1] Für mich ist das hier dargestellte Konzept dennoch etwas Bestärkendes, da ich es als prozesshaft und motivierend empfinde, und es eine gewisse Wach- und Achtsamkeit für den Moment im Hier und Jetzt erzeugt.  


[1] Vgl.: Journal of Personality and Social Psychology – DOI: 10.1037/pspp0000236, zitiert nach psylex.de, https://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Fpspp0000236, Stand: 07.09.2023

Marc-Anthony Widmann

Wer ist nicht schon einmal diesen Worten begegnet: „das müssen wir unbedingt wiederholen“ oder „lass uns das einmal wiederholen“. In Aussagen wie diesen schwelt die Sehnsucht, jene kostbaren Momente die unser Innerstes zutiefst berührten, wieder aufleben zu lassen, sie noch einmal zu durchleben. Vielleicht war es ein ausgelassener Abend mit Freunden, ein inspirierendes Gespräch, ein magischer Sonnenuntergang, der den Himmel in unvergessliche Farben tauchte oder ein romantischer Abend, in dem sich die Sterne in den Augen eines geliebten Menschen spiegelten. Sie sind wie die Fußabdrücke im Sand der Zeit, Zeugen vergangener Freuden und Glücksmomente, die wir so verzweifelt in unsere Gegenwart zurückholen möchten.

Gepackt von dieser Sehnsucht, begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Wir erinnern uns an jede Einzelheit, die Melodie der Lieder, den Geschmack des Weines, das Ambiente des Raumes, die Gerüche, spüren den Wind, der in jener klaren Sommernacht unsere Haut streichelte. Aber diese Erinnerung allein stillt unsere Sehnsucht nicht. Wir wollen diese vergangenen und wundersamen Momente wieder zum Leben erwecken, sie zurückholen, das Erlebte nochmals erleben. Wir fassen den Entschluss, bereit die Bühne erneut zu betreten. Wir planen jedes Detail mit Eifer und Vorfreude, zählen die Tage, die Stunden und die Minuten bis zum ersehnten Wiedersehen mit dem verlorenen Schatz vergangener Tage.  

Doch dann an jenem Tag, den wir so sehnlich erwarteten, stellen wir fest: Irgendwas ist anders. Die Melodie der Musik ist dieselbe, der Wein schmeckt köstlich der Raum ist genauso eingerichtet, die Gesichter immernoch vertraut wie damals, aber der Zauber, die magische Formel, die jenen Moment, jenen Abend so unvergesslich machte ist verschwunden. Was hat sich verändert? Sind wir es? Sind es die anderen?

Auf einmal wird uns mit erschütternder Klarheit bewusst: Es gibt überhaupt keine Wiederholung.

Die eigentliche Wiederholung

Zu gern erinnern wir uns an jene flüchtigen Augenblicke vergangener Tage, zu gern lassen wir sie in uns aufleben. Zu gern schmecken wir den süßen Geschmack der Erinnerung an jene unvergesslichen Momente, und zu gern würden wir die Zeit zurückdrehen, um sie erneut zu durchleben. Unsere Sehnsucht danach ist so übermächtig, als könnten wir sie berühren, als wäre sie eine verborgene Schatztruhe unserer vergangenen Glücksmomente.

Aber dieses Streben, die Vergangenheit zu reanimieren, wirft auch Schatten auf unsere Gegenwart. Während wir uns nach der Wiedergeburt verlorener Augenblicke sehnen, entgeht uns die Möglichkeit, neue, ebenso bedeutsame Momente zu erschaffen. Vielleicht liegt die wahre Kunst nicht darin, Vergangenes wiederzubeleben, sondern darin, jeden gegenwärtigen Augenblick mit der Intensität zu erleben, als würde er unsere Seele berühren, als würden wir ihn in uns aufnehmen, wie Luft mit der wir in tiefen Atemzügen, unsere Lungen füllen.  

Denn es ist diese Gegenwart – flüchtig und unwiederbringlich – die uns die Möglichkeit bietet, wirklich zu leben, und nicht bloß ein Echo unserer Vergangenheit zu sein. Hier, in diesem Augenblick, formen wir jene Erinnerungen, die unser zukünftiges Ich, dankbar halten wird. Hier, und jetzt, sollten wir uns dem Rausch des Lebens hingeben, statt der Echos vergangener Tage nachzujagen.

Die Wiederholung wie wir sie oft verstehen, ist nichts anderes als eine Illusion. Die eigentliche Wiederholung erinnert nicht nach rückwärts, sondern nach vorwärts, ins Unbekannte, ins Ungewisse hinein. Es ist die Vorfreude auf die Möglichkeit, dass das Neue, das Unvorhersehbare genauso magisch, wenn nicht sogar magischer sein könnte, als jenes, was wir zu wiederholen versuchten. Es ist die Freiheit, jeden Augenblick, jeden Moment als das zu sehen, was er wirklich ist: Einzigartig, unwiederbringlich und voller Potenzial.

Das Streben nach Wiederholung ist menschlich, allzu menschlich, doch es ist auch ein Spiegel unserer Angst vor dem Unbekannten, vor den Möglichkeiten, dem neuen Augenblick. Nur wenn wir uns trauen, loszulassen, jene Fesseln der Erinnerung abzuwerfen und das Risiko des Neuen einzugehen, können wir wirklich leben. Dann, und nur dann, erleben wir jeden Augenblick so, als wäre er der erste und der letzte. Dann, und nur dann, sind wir wirklich frei.

In dieser Freiheit, und nur in dieser, entfaltet sich die Wiederholung in ihrer wahren Form: Nicht als blasses Abbild der Vergangenheit, sondern als ständige Neuschöpfung des Augenblicks. Nur dann lebt in uns die Erkenntnis, dass es in der Endlosigkeit der Zeit keine Wiederholungen gibt, nur Neuanfänge. Und in jedem Neuanfang liegt die Chance, das Wunderbare, das Unerwartete, das Unvergessliche zu erleben.

Am Ende wird klar: Das wahre Geheimnis der Wiederholung liegt in der ständigen Erschaffung im Jetzt. Denn nur in dieser kontinuierlichen Vorwärtsbewegung offenbart sich die eigentliche Bedeutung der Wiederholung.

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Externe Links:

Philosophie-Magazin: Philosophie der zweiten Welle

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