Disney – oder wie wir lernen, unvollständig zu sein
Wann haben Sie Ihren letzten Disney-Film gesehen? Bei mir ist es jedenfalls nicht lange her. Genauer gesagt gestern. Und vorgestern. Und die Woche davor. Meine Tochter wiederholt die Klassiker mit einer Ausdauer, die ich nur bewundern kann – und die ich, nach dem zwölften Durchlauf von Arielle, auch ein wenig fürchte.
Vor allem Prinzessinnen, Prinzen und alles, was unerwartet singen kann, haben es ihr angetan. Und wie so viele größere Einsichten kam auch diese nicht aus einem klugen Buch. Sondern aus Wiederholung.
Irgendwann schaut man nicht mehr nur zu. Man wartet. Und dann stellt man plötzlich eine Frage, die man vorher nie gestellt hätte. Warum kann eine Krabbe singen? Nein. Das ist offensichtlich. Sondern: Warum enden diese Filme alle gleich?
Sprechen wir also über Disney. Und wenn wir über Disney sprechen, meinen wir nicht nur ein Filmstudio. Wir meinen ein ganz bestimmtes Gefühl. Glitzern im Vorspann. Ein Schloss, das aussieht, als hätte jemand Versailles zu viel Zucker gegeben. Und eine Musik, die sofort signalisiert: Gleich wird jemand gerettet, erlöst oder geküsst. Im Idealfall alles gleichzeitig.
Was hier zu Grunde liegt, ist eine Formel. Sie zieht sich durch Jahrzehnte und funktioniert mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit.
Die Figur – nennen wir sie Cinderella, Arielle, oder irgendjemanden mit auffälligem Haar – lebt zu Beginn ein Leben. Sie spricht, sie bewegt sich, sie singt manchmal schon kurz nach dem Aufwachen, was für sich genommen schon eine gewisse psychische Stabilität voraussetzt, um die man sie durchaus beneiden kann. Und trotzdem stimmt etwas nicht. Kein dramatischer Mangel. Kein akutes Problem. Nur dieses leise Gefühl: Die Figur ist vollständig lebensfähig – aber noch nicht vollständig angekommen.
Dann tritt jemand auf. Manchmal zufällig, manchmal schicksalhaft, manchmal buchstäblich aus dem Wasser. Und plötzlich weiß das Leben, wohin es will.
Das Versprechen
Denn bei Disney ist Liebe keine Begleiterscheinung. Kein Gefühl unter anderen. Sondern Vollendung. Der letzte fehlende Baustein, ohne den das ganze Gebäude irgendwie provisorisch wirkt.
Das Clevere – man muss es so nennen – ist die Rückwirkung. Der Mangel entsteht erst, wenn die Lösung erscheint. Man bemerkt ihn nicht vorher – er war nicht da. Aber sobald jemand mit den richtigen Augen und der richtigen Melodie auftaucht, erscheint plötzlich alles Vorherige als bloßes Warten. Nicht falsch. Aber noch nicht richtig.
Kinder analysieren das nicht. Natürlich nicht. Aber sie verinnerlichen die Struktur. Sie lernen, still und leise, fast nebenbei: Leben bewegt sich auf jemanden zu. Vollständigkeit kommt nicht von innen. Sie ist ein Ereignis, das passiert, wenn der oder die Richtige ins Bild tritt.
Das Ende
Und dann, in dem Moment, in dem die Liebe gefunden ist, passiert etwas Merkwürdiges. Die Geschichte hört auf. Einfach so. Keine Frage, wie zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten im echten Leben mit Spülmaschine, Müdigkeit und schlechter Laune umgehen. Der Vorhang fällt – nicht weil alles erzählt wurde, sondern weil es nichts mehr zu erzählen gibt. Als wäre die Biografie somit abgehakt.
Was für eine seltsame Botschaft. Hier endet nicht nur eine Handlung. Hier endet ein Selbstbild. Du bist nicht jemand, der liebt. Du bist jemand, der vervollständigt wird. Von außen. Einmalig. Mit musikalischer Untermalung.
Und wenn das ausbleibt? Dann liegt der Gedanke nahe, dass mit dir etwas nicht stimmt. Nicht die Umstände. Nicht das Timing. Du selbst. Noch nicht fertig. Noch nicht gefunden. Noch nicht ganz.
Disney nennt das Magie. Die Therapeuten nennen es später etwas anderes.
Meine Tochter summt. Ich analysiere. Sie ist glücklicher.
Entdecke mehr von Finger im Dasein
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


