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Philosophie,  Sozialphilosophie

Die Diagnose – Wer Gesellschaft krank nennt, sollte aufpassen, wer am Ende auf dem OP-Tisch liegt

Lesedauer 2 Minuten

Die Diagnose – Wer Gesellschaft krank nennt, sollte aufpassen, wer am Ende auf dem OP-Tisch liegt

Die Gesellschaft ist krank. Das sagen beinahe alle. Links sagt es, rechts sagt es, die Mitte sagt es, wenn sie sich traut. Spaltung, Vertrauensverlust, Orientierungslosigkeit, Polarisierung – die Diagnosen liegen auf dem Tisch wie Befunde beim Hausarzt. Jeder nickt, aber niemand scheint sich zu fragen, wer hier eigentlich die Therapie verschreibt.

Dabei hat die Sache mit den kranken Gesellschaften eine lange Geschichte. Rousseau sah den Sittenverfall. Hegel sah Entzweiung. Marx Entfremdung. Axel Honneth hat irgendwann ein ganzes Programm daraus gemacht. Sozialphilosophie als Wissenschaft der sozialen Pathologien. Also all jene Formen des Leidens, die nicht daran liegen, dass ein einzelner Chef ausbeutet. Sondern die Prinzipien, nach denen Ausbeutung funktioniert. Nicht die persönliche Gemeinheit. Die Struktur, die Gemeinheit belohnt. So weit, so überzeugend. Aber der Begriff hat eine Rückseite, über die ungern gesprochen wird. Und ich glaube, das ist kein Zufall.

Wer „krank“ sagt, sagt implizit auch „gesund“. Wer eine Pathologie diagnostiziert, unterstellt einen Normalzustand, von dem abgewichen wird. Und wer einen Normalzustand unterstellt, muss irgendwann sagen, wie der aussieht. Das klingt harmlos. Ist es nicht.

Denn wo es Krankheit gibt, gibt es Erreger. Und wo es Erreger gibt, gibt es den Impuls, sie zu beseitigen. Man kennt das. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat es vorgemacht. Gründlich. Jene, die nicht passen, werden nicht kritisiert. Sie werden als Infektion behandelt. Aussortiert. Isoliert. Entfernt. Der Schritt von der Diagnose zur Säuberung ist kürzer, als man denkt. Manchmal ist es gar kein Schritt. Nur der Moment, in dem aus Sorge Ekel wird.

Und jetzt wird es unangenehm. Denn das Problem ist nicht, dass die Diagnose falsch wäre. Gesellschaften können sehr wohl Zustände hervorbringen, die systematisch Leiden erzeugen. Arbeit, die abstumpft. Märkte, die vereinzeln. Institutionen, die demütigen. Das zu benennen, ist kein Fehler. Der Fehler beginnt dort, wo die Metapher anfängt, ein Eigenleben zu führen. Wo aus der Beschreibung ein Körper wird, aus dem Körper ein Organismus, und aus dem Organismus etwas, das Antikörper braucht.

Dann wird die Frage nicht mehr: Was läuft falsch? Sondern: Wer ist falsch?

Das ist der Moment, in dem Gesellschaftskritik kippt. In dem aus der Analyse ein Finger wird, der auf Menschen zeigt. Die Arbeitslosen, die den Sozialstaat belasten. Die Fremden, die etwas zersetzen. Die Abweichler, die den Zusammenhalt gefährden. Jede Säuberungsfantasie beginnt mit einer Diagnose. Keine beginnt mit Bosheit. Alle beginnen mit Sorge. Das sollte einem zu denken geben.

Honneth hat das gesehen, muss man fairerweise sagen. Seine Definition ist vorsichtig. Es geht um die gesellschaftlichen Bedingungen, die ein gelingendes Leben ermöglichen oder verhindern. Nicht: Wer ist krank? Sondern: Was macht krank? Klingt nach einem kleinen Unterschied. Ist aber der Unterschied zwischen Kritik und Verfolgung. Die eine richtet sich gegen Verhältnisse. Die andere gegen Gesichter. Nur ist er dünn, dieser Unterschied. Und er hält nur, solange man ihn bewacht.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe der Sozialphilosophie: Nicht die Diagnose zu liefern, sondern aufzupassen, was mit ihr gemacht wird. Die Krankheitsmetapher benutzen und ihr gleichzeitig misstrauen. Wissen, dass man sie braucht – und wissen, dass sie gefährlich wird, sobald man aufhört, sich vor ihr zu fürchten.

Wer Gesellschaft heilen will, sollte sich fragen, ob er nicht gerade operiert.


Externe Links:

Wikipedia: Axel Honneth


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2 Comments

  • Laszlo Toth

    Sehr geehrter Herr Widmann,

    Ihr Artikel über die Krankheitsmetapher in gesellschaftlichen Diagnosen hat mich sehr bewegt. Beim Lesen kam mir ein Gedanke, der aus meiner eigenen Erfahrung stammt und keinerlei Anspruch erhebt, etwas zu ergänzen oder zu korrigieren.

    Wenn wir von „kranker Gesellschaft“ sprechen, denke ich oft daran, dass Gesellschaft letztlich aus einzelnen Menschen besteht — aus ihren inneren Spiegelungen, Selbstbildern und Verletzlichkeiten. Bevor gesellschaftliche Strukturen kippen, müssen viele Individuen innerlich in eine bestimmte Richtung geraten sein.

    Für mich persönlich spielt dabei die Fähigkeit zur Selbstspiegelung eine große Rolle. Identität entsteht für mich nicht nur durch äußere Anerkennung, sondern auch durch die innere Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und anzunehmen. Diese Wechselwirkung zwischen innerer und äußerer Spiegelung scheint mir bedeutsam, gerade wenn man über gesellschaftliche Entwicklungen nachdenkt.

    Ich wollte diesen Gedanken lediglich mit Ihnen teilen, weil er sich beim Lesen Ihres Textes in mir gemeldet hat.

    Mit freundlichen Grüßen
    Laszlo

    • Marc-Anthony Widmann

      Lieber Laszlo,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und dass Sie Ihren Gedanken teilen. Ich möchte ehrlich darauf antworten, weil er etwas zeigt, das genau im Kern meines Textes liegt.
      Sie sagen, bevor Strukturen kippen, müssen Individuen innerlich in eine bestimmte Richtung geraten sein. Das klingt vernünftig. Aber ich glaube, genau darin steckt die Bewegung, die mein Text als gefährlich beschreibt: Das Gesellschaftliche wird ins Innere verlegt. Aus „Was macht krank?“ wird „Wer ist nicht stabil genug?“ Und das ist kein Zufall, denn die Gravitationskraft nach innen ist enorm. Man liest einen Text über strukturelle Diagnosen und die erste Reaktion ist: Aber was ist mit dem Inneren?
      Und genau hier wird es gefährlich. Wenn wir gesellschaftliche Probleme psychologisieren, passieren zwei Dinge. Erstens: Die Verhältnisse verschwinden aus dem Blick. Niemand muss sich mehr fragen, ob die Arbeitswelt Menschen kaputt macht, wenn die Lösung „mehr Resilienz“ heißt. Oder daraus der Vorwurf entsteht: „Du bist nicht resilient genug“. Und zweitens, und das ist das Beunruhigende: Wer die Ursache ins Individuum legt, erzeugt irgendwann Individuen, die als Ursache gelten. Die, die sich nicht genug gespiegelt haben. Die, die innerlich in die falsche Richtung geraten sind, wie Sie es formulieren. Und dann richtet sich die Heilung nicht mehr gegen Verhältnisse, sondern gegen bestimmte Menschen. Das ist der Schritt, den mein Text beschreibt – und er beginnt nicht mit böser Absicht. Er beginnt mit genau der wohlmeinenden Wendung nach innen, die Sie beschreiben.

      Was ich sagen möchte, ist: Eine Gesellschaft ist nicht einfach die Summe ihrer Individuen. Sie bringt Logiken hervor, die sich verselbständigen – emergente Mechanismen, die wirken, egal wie reflektiert die einzelnen Menschen darin sind. Ein Arbeitsmarkt, der Menschen verschleißt, tut das nicht, weil zu wenige meditieren. Und ein Behördenmitarbeiter, der ein Anliegen ablehnt, tut es nicht, weil er innerlich in die falsche Richtung geraten ist. Er füllt eine Funktion aus. Das System braucht keine schlechten Menschen. Es braucht nur funktionierende.
      Ganz herzliche Grüße
      Thony

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