Vernunft ist Gesetz frei von Leidenschaft
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Philosophie

Gesetz ist Vernunft frei von Leidenschaft

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Lesedauer 4 Minuten

Das Gesetz: Leidenschaftslose Vernunft?

Gesetz ist Vernunft frei von Leidenschaft

Aristoteles

Das Zitat „Gesetz ist Vernunft, frei von Leidenschaft“ wird oft Aristoteles zugeschrieben, obwohl ich bislang keine direkte Quelle finden konnte. Für mich bleibt es ein mystisches Zitat. Was damit nämlich konkret gemeint sein soll, ist mir bisher nie ganz klar geworden. Handelt es sich um ein normatives Ideal oder beschreibt es eine vermeintliche Tatsache? In beiden Fällen wirft dieses Zitat jedenfalls eine interessante Frage auf. Durch was sind Gesetze motiviert?

Gesetz als Vernunfttatsache

Man könnte sagen, Gesetze bieten eine systematische Ordnung und Struktur für das gesellschaftliche Zusammenleben. Diese Ordnung basiert sicherlich auf rationalen Prinzipien, die darauf abzielen, Gerechtigkeit, Sicherheit und das Wohl der Allgemeinheit sicherzustellen. Sie dienen zur Konfliktlösung und der Vermeidung von Willkür. Man könnte auch sagen, dass Gesetze durch einen methodischen Prozess entwickelt werden, der darauf abzielt, spezifische soziale Probleme zu adressieren. Sicherlich werden für diesen Prozess, jedenfalls heute, auch Daten und Forschung eingesetzt, um fundierte Lösungen anzubieten. Das alles unterstreicht ihre rationale Basis.

Aber ist das Gesetz deshalb Vernunft, frei von Leidenschaft? Ich würde sagen: Nein. Bei näherem Hinsehen wird nämlich deutlich, dass die Gesetzgebung von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird, wie etwa von politischen und gesellschaftlichen Machtstrukturen, gesellschaftlichen Ungleichheiten oder kulturellen Einflüssen. Die Grundlage der Gesetzgebung erscheint daher auf den ersten Blick rational und methodisch, doch die tatsächliche Motivation hinter dieser rationalen Fassade deutet, aus meiner Sicht, auf etwas ganz anderes hin.

Leidenschaftliche Gesetze

Nehmen wir die Waffengesetze in den USA. Man kann ja davon halten, was man möchte, aber nicht, dass sie leidenschaftslos wären. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass Machtstrukturen eine treibende Kraft für die Gesetzgebung sind, und sie verkörpern den tiefen, kulturell fest verankerten Wunsch nach persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung. Denn diese Gesetze sind Bestandteil einer geschichtlichen Überzeugung, dass das Recht auf Waffenbesitz ein fundamentaler Teil der amerikanischen Identität und Unabhängigkeit ist (jedenfalls eines nicht unbeachtlichen Teils der Bevölkerung). Ich würde daher sagen, dass diese Gesetze einerseits durch ihre verfassungsmäßige Verankerung, eine kulturelle Verwurzelung zum Vorschein bringen und andererseits durch politische und soziale Leidenschaften intensiv debattiert und verteidigt werden.

Oder nehmen wir Umweltgesetze. Natürlich haben auch diese Gesetze eine rationale Basis, aber werden diese nicht etwa durch die Sorge vor der Zerstörung der Umwelt und der Sorge nach einer dramatischen Veränderung des Klimas geschaffen? Was wird hier also letztlich positiviert? Ist es nur rationales Denken oder offenbart sich in diesen Gesetzen eine durch Sorge getriebene Leidenschaft?

Selbst wenn man argumentieren würde, dass Gesetze primär ökonomische Ziele verfolgen oder gar Produkte lobbyistischer Einflussnahme sind, sind sie dann frei von Leidenschaft? Kann ein Gesetz, das speziell bestimmten Interessengruppen Vorteile verschafft, frei von Leidenschaft sein? Ich finde, diese Fragen werfen ein anderes Licht auf die Komplexität und Vielschichtigkeit der Gesetzgebung, die weit über die einfache Dichotomie von Vernunft gegen Leidenschaft hinausgeht. Was meinen Sie?

Soll das Gesetz Vernunft, frei von Leidenschaft sein?

Nehmen wir an, hinter dem Zitat verbirgt sich ein normativer Anspruch. Gesetze sollen also „Vernunft, frei von Leidenschaft“ sein. Dies würde bedeuten, dass Gesetze so gestaltet sein sollten, dass sie ausschließlich auf logischen, objektiven und unparteiischen Überlegungen basieren und frei von persönlichen Vorlieben, Emotionen oder sozialen Vorurteilen sind. Die Idee klingt in ihrer Reinheit verlockend, könnte jedoch in der praktischen Umsetzung problematisch sein. Schauen wir uns das einmal an.

Grenzen der Objektivität

Die vollständige Abwesenheit von Leidenschaft und damit auch von Emotion in der Gesetzgebung würde möglicherweise dazu führen, dass wichtige menschliche Elemente, die etwa Empathie und ethische Überlegungen einschließen, schlicht ignoriert werden. Gesetze, die rein auf Logik basieren, könnten in einigen Fällen zu ungerechten oder unangemessenen Ergebnissen führen, insbesondere in Bereichen, die menschliche Erfahrungen und subjektive Realitäten betreffen, wie das Familienrecht oder das Asylrecht.

Sehr deutlich wird dies bei der Betrachtung eines rein utilitaristischen Ansatzes, der das größte Glück für die größte Zahl anstrebt und als durchaus rationaler und logischer Ansatz angesehen werden kann. Ein solcher Ansatz erscheint zwar effizient, birgt aber das Risiko, dass die Bedürfnisse und Rechte von Minderheiten oder sozial benachteiligten Gruppen übersehen oder sogar geopfert werden. In einer rein utilitaristisch orientierten Gesetzgebung könnten Maßnahmen, die die Mehrheit begünstigen, zu Lasten von Randgruppen gehen, deren Stimmen und Bedürfnisse weniger Gewicht haben.

Solche Szenarien führen uns vor Augen, dass eine ausschließlich auf rationalem Kalkül basierende Gesetzgebung zu einer Vernachlässigung von Gerechtigkeit und Fairness führen kann, besonders wenn es um den Schutz der Schwächsten in der Gesellschaft geht

Die Rolle von Emotionen in der Gerechtigkeit

Emotionen spielen eine wichtige Rolle dabei, den Sinn für Gerechtigkeit zu schärfen. Sie helfen uns, Ungerechtigkeit zu erkennen und darauf zu reagieren, und sind oft der Antrieb für gesellschaftlichen Wandel. Ein Gesetz, das völlig frei von Leidenschaften wäre, könnte somit Risiken bergen, gesellschaftliche Bedürfnisse und die Forderungen nach Gerechtigkeit und Fairness zu übersehen.

Das Problem der praktischen Umsetzung

Selbst wenn das Ideal eines völlig leidenschaftslosen Gesetzes erstrebenswert erscheint, stellt sich die Frage, ob es überhaupt praktisch umsetzbar ist. Gesetzgeber sind letztlich Menschen, und wie jeder Mensch bringen sie in ihre Arbeit ihre eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Interessen und ja, auch ihre Emotionen ein. Dies beeinflusst unweigerlich die Gesetze, die sie schaffen.

Diese Überlegungen führen zu einer differenzierteren Sichtweise auf das, was Gesetze sein können und sollten. Angesichts dieser Überlegungen beantrage ich eine realistischere Sichtweise und die Anerkennung der Leidenschaft als treibende Kraft hinter der Gesetzgebung und die Überarbeitung des Zitats in:

Gesetz ist Vernunft durch Leidenschaft

Aristoteles mag die Vernunft oft überbetont haben, aber ob er wirklich für dieses Zitat verantwortlich ist, bezweifle ich.

Übrigens bleibt das Schmücken einiger Anwaltskanzleien im Internet mit diesem Zitat ein faszinierendes Rätsel. Was genau sie uns damit sagen möchten, verschwimmt im Nebel des Wunschdenkens. Vielleicht ist es nur ein nobler Versuch, sich in einem Gewand der Vernunft zu präsentieren, das in der rauen Wirklichkeit der Rechtspraxis oft mehr von Leidenschaft zerrissen wird, als sie zugeben möchten


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Externe Links:

Nur-Zitate.com – Gesetz ist Vernunft, befreit von Leidenschaft

Interne Links:

Aristoteles: Nikomachische Ethik: Zeitlose Einsichten für die Moderne Welt

Aristoteles: Praxis und Poiesis

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