Philosophie

Gieriges Fleisch

Lesedauer < 1 Minute

Zellen binden sich. Zellen lösen sich.
Sie fressen. Sie werden gefressen.
Sie bauen auf, was zerfällt.
Sie ersetzen, was verschwindet.
Stillstand gibt es nicht.
Ständige Bewegung unter der Haut, das Blut im Kreislauf,
Reparaturen im Verborgenen, ohne Pause, ohne Sinn.
Ein unaufhörliches Arbeiten an der eigenen Fortsetzung.

Der Körper will. Und er will nicht morgen – er will jetzt.
Er will essen, er will berührt werden, er will aufnehmen, umschließen, verschlingen.
Ein Organismus, der sich erhalten muss, der sich reproduzieren will,
der überall Reize findet, und alles wird zum Reiz.

Bilder. Gerüche. Formen. Wärme. Essbares Fleisch. Begehrbares Fleisch. Kein Unterschied.
Lust gegenüber allem, was genährt werden kann. Und alles kann genährt werden.
Das ständige Verlangen. Der Hunger, der nie fragt.
Die Sexualität, die sich nicht rechtfertigt.

Das Fleisch kennt kein Ziel. Es will nicht fortpflanzen.
Es will nur nähren, verschlingen, verzehren. Sich reiben. Eindringen. Entladen.
Es will sich spüren, an anderem Fleisch.
Denn das Fleisch weiß nichts von Zukunft. Es will jetzt.

Neues Fleisch, ein neuer Körper ist kein Ziel des Fleisches. Es ist ein Nebenprodukt. Etwas das entsteht ohne gemeint zu sein. Ein Effekt, den das Fleisch nicht kennt und auch nicht braucht.

Wer im Trieb einen Zweck sucht, erfindet ihn nachträglich.
Nicht der Geist begehrt. Nicht die Moral. Nicht die Idee.

Das Fleisch begehrt. Das Fleisch drängt. Das Fleisch fordert. Das Fleisch hört nicht zu.
Und wir erfinden Worte dafür: Schwäche. Sünde. Natur. Manchmal Liebe. Manchmal Askese.

Aber Askese ist auch nur ein anderer Wille, der aus demselben Fleisch erwächst.
Das Drängen, das plötzlich spricht und davon erzählt, wie es sich selbst bändigen will.
Aber es bleibt: das Fleisch.
Stumm. Gierig. Roh. Aber wahr.




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