Identität Grenzen
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Philosophische Anthropologie

Grenzen und Identität: Wie Grenzen unsere Identität formen

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Lesedauer 7 Minuten

Grenzbeziehungen: Die Grenze als fundamentale Erfahrung zur Prägung von Identität

Ein wesentlicher Aspekt des Lebens eines jeden Organismus ist seine Abgrenzung vom übrigen Raum. Man könnte auch sagen, dass lebende Organismen ihre eigene Umgebung von der Außenwelt unterscheiden und kontrollieren. Dies kann etwa durch Zellmembranen, Haut oder andere Barrieren geschehen. Die Beziehung zu den eigenen Grenzen, nennen wir sie Grenzbeziehungen, sind ein wesentlicher Aspekt für die Entstehung und Entwicklung der eigenen Identität. Diese Grenzbeziehungen sind vielschichtig. Sie haben nicht nur eine biologische, sondern auch eine psychologische und soziokulturelle Dimension und sie sind ein zentraler Aspekt menschlicher Erfahrung.

Denken wir daran, wie es ist, wenn wir frieren, berührt werden oder uns eine Wunde zugezogen haben. Auf der psychologischen Ebene erfahren wir unsere eigene zeitliche Begrenztheit, Grenzen der Belastbarkeit oder interpersonelle Grenzen, also die Frage welche Grenzen wir in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen setzen. Soziokulturell zeigen sich Grenzen etwa in kulturellen Grenzen wie Sprache, Traditionen oder Glaubenssysteme, Grenzen durch gesellschaftliche Normen und Konventionen oder ethnische Zugehörigkeit bzw. die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation oder Kultur.  

Grenzen und Identität: Biologische Grenzbeziehungen

Die Erfahrung, eigene Grenzen zu haben und diese zu schützen, ist ein wesentlicher Aspekt des Lebens selbst. Alle Lebewesen, von den kleinsten Bakterien bis zu den größten Tieren, haben Mechanismen entwickelt, um ihre physischen und biologischen Grenzen zu verteidigen. Dieses Schutzbedürfnis der eigenen Grenze ist grundlegend für das Überleben und für die Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts.

Wenn wir uns verletzen und unsere „Außengrenze“ durchdrungen wird, erleben wir ein starkes Gefühl der Verletzlichkeit und den Drang, diese Grenze zu schützen. Dies verdeutlicht, wie tief das Bedürfnis nach Schutz unserer physischen Grenzen in uns verankert ist.

Wer mit seinen Kindern zum Arzt muss weiß, Kinder schützen ihre körperliche Integrität mit beeindruckender Vehemenz. Eigentlich reicht sogar schon das Haare kämmen oder das Fingernägel schneiden, um deutliche Abwehrreaktionen hervorzurufen. Diese Reaktionen eines Kindes zeigen, dass die Achtung vor Grenzen nicht nur eine erlernte, sondern eine intuitiv empfundene und tief verankerte Erfahrung ist.

Diese frühkindliche Erfahrung bildet möglicherweise die Grundlage für das Verständnis und die Entwicklung psychologischer Grenzen im weiteren Lebensverlauf. Diese Grenzen sind entscheidend für die Bildung der individuellen Identität und Selbstwahrnehmung – was in Identitätstheorien lange vernachlässigt wurde. Viele Identitätstheorien stehen in der cartesianischen Tradition – sie kennen den bekannten Satz „cogito ergo sum“ („ich denke also bin ich“). Er legt den Schwerpunkt auf das denkende Selbst als den Kern der Identität.  Allerdings ist der Mensch nicht nur durch kognitive und soziale Faktoren geprägt, sondern ganz wesentlich auch durch leibliche Empfindungen und Affekte. 

Biologisch gesehen spielen Grenzmechanismen eine entscheidende Rolle beim Schutz und der Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts eines Organismus. Ein fundamentales Beispiel hierfür ist die Zellmembran, die als selektive Barriere dient und den Stoffaustausch zwischen der Zelle und ihrer Umgebung kontrolliert. Auf einer größeren Skala fungiert die Haut bei Tieren als physische Barriere. Sie bietet Schutz gegen mechanische Verletzungen, Schadstoffe und den Verlust von Körperflüssigkeiten.

Diese biologischen Grenzen, wie die Haut bei Tieren und Menschen, aber auch unsere Körperform sind weit mehr als nur eine Kontur im Raum. Die Haut ist nämlich nicht nur das größte und sichtbarste Organ, sie ist auch ein wesentlicher Faktor für unser persönliches Erscheinungsbild. Sie ist wie eine lebendige Karte unserer eigenen Identität. Jede Falte, Narbe und jede Nuance der Hautfarbe erzählt eine Geschichte, die in unserem Selbst verankert ist. Diese biologischen Merkmale spiegeln unsere Lebenserfahrungen wider und prägen, wie wir uns selbst und wie andere uns wahrnehmen. Die Art und Weise, wie wir unsere körperlichen Grenzen akzeptieren, schützen und präsentieren, spielt somit eine entscheidende Rolle in der Konstruktion unserer Identität. So betrachtet, sind unsere physischen Grenzen nicht nur Schutzbarrieren, sondern auch wesentliche Bausteine des Selbst.

Psychologische Grenzbeziehung – oder das Grenzmanagement

Im Hinblick auf die psychologischen Aspekte der Beziehung zur eigenen Grenze ist ein Aspekt von zentraler Bedeutung. Nennen wir ihn das Grenzmanagement. Gemeint ist damit vor allem der Umgang und das Verhältnis zur eigenen Grenze. Es geht darum, ein Gleichgewicht zwischen Offenheit und Abgrenzung zu finden, was für zwischenmenschliche Beziehungen und das eigene Wohlbefinden unerlässlich ist.

Grenzmanagement ist eng mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion verbunden. Es erfordert Klarheit darüber, wie unsere Handlungen die Grenzen anderer beeinflussen und wie wir auf Grenzüberschreitungen reagieren. Dieses Bewusstsein ist grundlegend für das Aufbauen von Empathie und das Verständnis für die Perspektiven anderer. Es hilft uns, unsere Identität zu festigen und unsere Unabhängigkeit zu wahren, während wir gleichzeitig respektvolle und unterstützende Beziehungen zu anderen pflegen.

Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Fähigkeit, „Nein“ zu sagen, wenn jemand uns um einen Gefallen bittet, der unsere Kapazitäten übersteigt. Das Setzen und Verteidigen eigener Grenzen ist ein Akt der Selbstfürsorge und der Selbstachtung.

Helmut Plessners „Exzentrische Positionalität“

Spricht man über das Verhältnis eines Individuums zu seinem eigenen Grenzen, im biologischen wie auch im psychologischen Kontext, ist ein Blick auf Helmut Plessners Theorie der „Exzentrischen Positionalität“ (Plessner 1928, S. 291) durchaus lohnenswert. Nach Plessner zeichnet sich alles Lebendige durch seine „Positionalität“ aus. Dies beschreibt, wie Lebewesen in ihrer Umgebung verankert sind und mit ihr interagieren. Jedes Lebewesen hat eine einzigartige Art, sich in Bezug auf seine Umwelt zu positionieren und auf sie zu reagieren.

Pflanzen haben eine „offene“ Organisationsform, was bedeutet, dass sie eng mit ihrer Umgebung verbunden sind und nicht völlig unabhängig existieren. Tiere hingegen haben eine „geschlossene“ Organisationsform. Sie sind selbstständiger, da sie entwickelte Organe und die Fähigkeit zur Bewegung besitzen. Ihre Existenz ist um sich selbst zentriert. (Plessner 1928, S. 226).

Menschen besitzen ein Selbstbewusstsein, das sie in eine „exzentrische Position“ bringt – sie können sich selbst aus einer Außenperspektive betrachten (Plessner 1928, S. 291). Dies ermöglicht es ihnen, aktiv ihr Leben zu gestalten und sich mit ihrer Existenz und der Welt auseinanderzusetzen. Ein Beispiel ist der Blick in den Spiegel: Wir sehen nicht nur unser physisches Erscheinungsbild, sondern reflektieren auch über uns selbst, unsere Gedanken und Gefühle. Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion erlaubt es uns, über unser Leben nachzudenken und Entscheidungen zu treffen, die über instinktive Reaktionen hinausgehen. Wir planen, setzen Ziele und reflektieren über die Konsequenzen unseres Handelns. Dies unterscheidet uns von anderen Tieren, die zwar auch auf ihre Umwelt reagieren, aber nicht in gleicher Weise über sich selbst reflektieren können. Hier entsteht laut Plessner eine Differenz – der Mensch steht in Differenz zu sich selbst.

Die „reflexive Distanz“ des Menschen bedeutet, dass wir unser Leben bewusst gestalten und über unsere Rolle in der Welt nachdenken (Plessner 1928, S. 291). Beispielsweise geht der Entscheidung für einen Beruf eine Reflexion darüber voraus, wer wir sind, was wir können und was wir in dieser Welt erreichen möchten. Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion führt dazu, dass Menschen ihre Existenz und die Welt um sie herum hinterfragen und bewusst gestalten, im Gegensatz zu anderen Lebewesen, die hauptsächlich instinktiv handeln.

Was hat dies nun mit dem Thema Grenzbeziehungen zu tun? Plessners Theorie der „Exzentrischen Positionalität“ ergänzt das Thema Grenzbeziehungen, indem sie aufzeigt, wie das menschliche Selbstbewusstsein unsere Beziehung zu unseren eigenen Grenzen und der Welt um uns herum beeinflusst. Menschen haben die einzigartige Fähigkeit, sich selbst und ihre Grenzen aus einer Außenperspektive zu betrachten. Dies führt zu einer bewussten Gestaltung des Lebens und der eigenen Identität, was wiederum unsere Interaktionen und Grenzsetzungen in der Welt beeinflusst.

Soziale und kulturelle Grenzen

Soziale und kulturelle Grenzen spielen ebenfalls eine zentrale Rolle in der Prägung unserer Identität. Wir haben nicht nur eine Beziehung zu den Grenzen unseres Körpers, sondern auch zu den Grenzen unserer sozialen und physischen Umgebung. Denken wir etwa an den uns umgebenden, persönlichen Lebensraum. Wir leben in einem Haus, einer Wohnung oder einem Zimmer.  Dieser Lebensraum definiert eine der grundlegendsten Grenzen unseres Daseins. Diese physischen Grenzen schaffen einen privaten Raum, der Sicherheit und Komfort bietet. Sie spiegeln unsere persönlichen Vorlieben und Werte wider und sind letztlich Ausdruck unserer Identität.

Denken wir nur an die Gestaltung unserer eigenen Wohnung. Jeder Gegenstand, jede Farbe an der Wand und jedes Möbelstück ist eine Entscheidung, die unseren persönlichen Geschmack und unsere Werte widerspiegelt. Diese Elemente schaffen einen Raum, in dem wir uns wohl und sicher fühlen. Diese physische Abgrenzung zu der Außenwelt ist ein praktisches Beispiel dafür, wie wir durch unseren Lebensraum unsere Identität ausdrücken und unsere Grenzen definieren.

Wenn wir nun den Bogen ein ganzes Stück weiterspannen, gelangen wir an die Grenzen unserer Stadt, Region, des Landes oder Staates in dem wir leben. Diese Grenzen haben eine weitreichende Bedeutung für unsere Identität und Zugehörigkeit. Sie definieren nicht nur geografische und politische Räume, sondern auch kulturelle und soziale Identitäten. Diese Grenzen beeinflussen unsere Weltanschauung, unsere Rechte, Pflichten und oft auch unsere Lebensweise.

Wie wir bereits gesehen haben, sind Grenzen nicht nur physischer Natur. Unsichtbare soziale Grenzen, wie die in Familien und Freundeskreisen, sind geprägt von Beziehungen und emotionalen Bindungen. Sie bestimmen, wie wir interagieren, Vertrauen aufbauen und Unterstützung erfahren. Diese Grenzen sind oft flexibel und verändern sich im Laufe des Lebens und formen unsere soziale Identität und unseren Platz in der Gemeinschaft. Denken sie dabei etwa daran, wie Familienmitglieder miteinander umgehen im Vergleich zu Fremden.

In einer Familie gibt es oft eine implizite Erlaubnis, persönlichere Fragen zu stellen oder körperlich näher zu sein, was tendenziell bei Fremden als Grenzüberschreitung gelten würde. Diese unsichtbaren Grenzen zeigen sich auch darin, wie Vertrauen aufgebaut wird – Familienmitglieder teilen häufig persönliche Informationen, die sie außerhalb dieses Kreises nicht preisgeben würden. Diese Grenzen und die damit verbundenen Beziehungen entwickeln sich im Laufe des Lebens weiter und prägen unsere soziale Identität.

Grenzen und Identität: Schlussbetrachtung

Die Betrachtung von „Grenzen“ im Kontext unserer Identität, wie in diesem Essay dargestellt, bietet eine mögliche Sichtweise auf ein grundlegendes menschliches Phänomen. Sie soll darstellen, wie biologische, psychologische und soziokulturelle Grenzen nicht nur Barrieren darstellen, sondern auch wesentliche Bausteine unserer Identität sind.

Unsere Identität formt sich in der Auseinandersetzung mit und durch unsere Grenzen. Von der physischen Hülle unseres Körpers bis zu den psychologischen und sozialen Schranken, die wir aufbauen und erfahren definiert die Art und Weise, wer wir sind und wie wir von anderen wahrgenommen werden. So betrachtet sind Grenzen nicht nur Einschränkungen, sondern auch Möglichkeiten zur Selbstdefinition und zur Selbstverwirklichung.

Die Diskussion über die „Begrenztheit“ unserer Existenz hebt hervor, dass das Bewusstsein für und das Management von Grenzen entscheidende Aspekte der menschlichen Erfahrung sind. Dies spiegelt sich sowohl in der individuellen Selbstwahrnehmung als auch in der Art und Weise wider, wie wir uns in gesellschaftliche Strukturen einfügen und interagieren.

Die Reflexion über unsere Grenzen kann Selbsterkenntnis fördern und uns befähigen, bewusstere Entscheidungen zu treffen. Sie bietet eine Grundlage für den Aufbau von Empathie und das Verständnis für die Grenzen anderer, was unerlässlich für den Aufbau von respektvollen Beziehungen ist.

Letztlich dient dieser Essay der Eröffnung eines Dialogs über die Rolle von Grenzen in der sozialen Konstruktion von Identität – eine Diskussion, die in einer zunehmend vernetzten und doch fragmentierten Welt immer relevanter wird. In der Anerkennung und im Verständnis der Bedeutung unserer eigenen Begrenztheit, können wir nicht nur unser eigenes Leben bereichern, sondern auch zum sozialen Zusammenhalt und zum gegenseitigen Verständnis in unserer Gemeinschaft beitragen.

Diese Betrachtung ist somit ein Vorschlag, wie wir Identität verstehen können, und lädt dazu ein, weitere Perspektiven zu erforschen und zu diskutieren, die unser Verständnis von uns selbst und unserer Rolle in der Welt vertiefen könnten.


Literaturverzeichnis:

Plessner, H. (2011). Die Stufen Des Organischen Und Der Mensch: Einleitung in Die Philosophische Anthropologie (3. Aufl.). de Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110845341



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