
Jürgen Habermas – der Philosoph des besseren Arguments
Jürgen Habermas und der Diskurs: Der Philosoph des besseren Arguments
Die Nachricht von Jürgen Habermas’ Tod wirkt wie ein jäher Bruch. Mit ihm ist nicht nur ein Philosoph gegangen, sondern wohl der geduldigste und hartnäckigste Verteidiger der modernen Idee von Vernunft, Demokratie und Menschenrechten.
Habermas hat nie aufgehört, an ein Projekt der Aufklärung zu glauben, das viele längst aufgegeben haben – vielleicht, weil seine Philosophie eine Haltung voraussetzt, die heute fast schon altmodisch wirkt: das unerschütterliche Vertrauen in das Gespräch.
Eine kurze Einführung in Habermas‘ Idee von Diskurs und Ethik.
Habermas und der Diskurs: Vom Gewissen zum Gespräch
Habermas steht in einer kantischen Tradition. Aber er verschiebt etwas Entscheidendes. Der kategorische Imperativ, wie ihn Immanuel Kant formuliert hat, prüft sich im Inneren des Subjekts. Man fragt sich selbst, ob eine Maxime allgemeines Gesetz werden könnte.
Bei Jürgen Habermas passiert dieser Test nicht mehr im stillen Denken. Er passiert im Gespräch.
Moral entsteht für Habermas dort, wo Menschen miteinander sprechen und versuchen, einander Gründe zu geben. Eine Norm ist nur dann moralisch gültig, wenn alle Betroffenen ihr zustimmen könnten – nicht unter Zwang, nicht aus Angst, sondern weil die besseren Gründe überzeugen. Dahinter steht das Vertrauen in das, was Habermas das „eigentümlich zwanglose Moment des besseren Arguments“ genannt hat.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Gedanke fast selbstverständlich. Tatsächlich ist er aber ziemlich radikal.
Denn plötzlich hängt Moral an den Bedingungen des Gesprächs. Habermas’ Ethik sagt nicht in erster Linie, wie wir handeln sollen, sondern wie wir miteinander sprechen müssen, wenn wir herausfinden wollen, was richtig ist. Jede Norm, jedes Handeln steht unter der Pflicht der Rechtfertigung. Wer handelt, muss seine Gründe vor anderen darlegen können.
Wer spricht – und wer nicht?
Und gerade deshalb wird entscheidend, wer überhaupt an diesem Gespräch teilnehmen kann.
Wer darf sprechen? Wer wird gehört? Wer wird ausgeschlossen?
Habermas nennt das den herrschaftsfreien Diskurs – ein Gespräch, in dem nicht Macht entscheidet, sondern Argumente.
Die Voraussetzung für eine Teilnahme am Diskurs ist das Sprechen. Doch was ist mit denen, die nicht sprechen können?
Kinder. Menschen mit schweren Einschränkungen. Tiere.
Und zukünftige Generationen. Diejenigen, die erst in fünfzig oder hundert Jahren leben werden. Sie alle können am Diskurs nicht teilnehmen.
Trotzdem betrifft unser Handeln auch sie.
Für Habermas ist der Diskurs mehr als das reale Gespräch zwischen den gerade Anwesenden. Er ist ein Maßstab. Eine Art moralischer Horizont.
Denn wenn ich mich frage, ob mein Handeln gerechtfertigt ist, reicht es nicht, nur die Zustimmung derjenigen einzuholen, die gerade sprechen können. Ich muss mich fragen, ob ich es auch gegenüber denen mit guten Gründen rechtfertigen könnte, die nicht sprechen können.
Der Diskurs wird dadurch größer als das Gespräch selbst.
Genau das ist der Gedanke, der mir an Habermas inzwischen so gefällt. Moral ist bei ihm kein Gebot, das irgendwo feststeht. Sie ist ein Versuch der Rechtfertigung – immer wieder neu, immer wieder gegenüber anderen.
Und manchmal auch gegenüber denen, die noch gar nicht da sind.
Mit dem Tod von Jürgen Habermas endet diese Verteidigung der Moderne vielleicht nicht. Vielleicht beginnt sie gerade erst wieder. Denn wenn Moral ein fortgesetzter Versuch der Rechtfertigung ist, dann ist sein Werk nicht einfach ein abgeschlossenes Denken. Es ist eine Aufgabe. Die Aufgabe, das Gespräch weiterzuführen und weiterhin darauf zu vertrauen, dass am Ende das bessere Argument zählt.
Externe Links:
Deutschlandfunk Kultur: Diskursethik im Realitätscheck
Interne Links:
Schuld und Verantwortung: Macht, Moral und die Angst, schuldig zu werden
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