
Metaphern – Sprache ist ein Metapherngefängnis
Sprache ist ein Metapherngefängnis
Es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein und vielleicht sind Sie auch schon einmal aus allen Wolken gefallen. Solche Ausdrücke erkennen wir sofort als Metaphern. Möglicherweise, weil sie sehr bildhaft, ungewöhnlich und manchmal auch fast schon poetisch wirken. Diese Beispiele zeigen gut, wie tief Metaphern in unserer Sprache verwurzelt sind und unser tägliches Denken prägen. Sieht man aber genau hin, dann sprechen wir ständig in Bildern, oft, ohne es zu merken. Der Strom fließt, die Zeit vergeht. Wir sprechen von Teilchen, Kraftfeldern, Energie, Information, so als wären es Tatsachen. Aber was ist denn ein „Teilchen“? Ein Punkt im Universum? Eine mathematische Formel? Oder einfach ein Wort für etwas, das wir nicht verstehen?
In der Psychologie verarbeiten wir Erfahrungen, lösen Blockaden, werfen Ballast ab. In der Wirtschaft brechen Märkte ein, Kosten explodieren, Trends setzen sich durch. In der IT speichern wir in der Cloud, fahren Systeme hoch, binden Schnittstellen ein. Und im Alltag? Da zerbrechen wir uns den Kopf, verlieren den Faden oder suchen Halt.
Diese Formulierungen wirken vertraut – und gerade deshalb vergessen wir, dass sie Bilder sind. Worte, die auf etwas zeigen – aber nicht das sind, was sie zeigen. Und trotzdem glauben wir, dass wir mit ihnen die Welt beschreiben.
Metaphern: Sprache als metaphorische Struktur
Sprache ist kein Abbild der Welt – sie erzeugt eine Vorstellung davon. Jeder Begriff ist immer schon eine Deutung. Wir sprechen nicht über die Welt, sondern innerhalb einer Sprache, die unser Weltverständnis prägt. Metaphern sind keine bloßen Stilmittel, sondern strukturieren unser Denken. Wenn wir etwa von „Verarbeitung im Gehirn“ sprechen, greifen wir auf Begriffe der Technik zurück. Bei emotionaler „Aufarbeitung“ nutzen wir Bilder aus dem Handwerk. Solche Transfers geschehen oft unbewusst, bestimmen aber unsere Sichtweisen.
Die Linguisten George Lakoff und Mark Johnson formulierten es so: „Die Metapher ist nicht nur eine Frage der Sprache, sondern des Denkens und der Vernunft.“ Metaphern bestimmen, was wir sagen – und was wir überhaupt denken können. Sie eröffnen bestimmte Sichtweisen und schließen andere aus.
Hierzu ein Beispiel: Wir sagen, „Ich habe keine Zeit“, „Das kostet mich zwei Stunden“, „Ich spare mir die Zeit“. Zeit erscheint als Besitz, Ware oder als Zahlungsmittel – obwohl sie nichts davon ist. Andere Kulturen denken Zeit als Bewegung oder als etwas Zyklisches. Die Metapher verändert das Denken – und damit auch unser Weltverhältnis.
Friedrich Nietzsche beschrieb Wahrheit als „ein Heer von Metaphern, das vergessen hat, dass es Metaphern ist“. Wir leben in einem System von Bildern, die wir für Wirklichkeit halten.
Metaphernvergessenheit
Metaphern sind hilfreich – solange wir wissen, dass sie Metaphern sind. Genau das gerät aber oft in Vergessenheit. Die Begriffe werden alltäglich, sie erscheinen selbstverständlich. Ein Bild wird zu einem Konzept, das Konzept zur vermeintlichen Wahrheit.
Das ist nicht ungefährlich. Denn wer Metaphern für Wirklichkeit hält, verwechselt Sprache mit Welt. Begriffe wie Markt, Wettbewerb oder Leistungsträger sind keine neutralen Beschreibungen – sie sind ideologisch aufgeladene Bilder. Dennoch erscheinen sie in politischen und wirtschaftlichen Diskursen als objektiv.
Wenn wir sagen, „der Standort muss fit gemacht werden“, behandeln wir Orte wie Körper, die trainiert werden müssen. Hinter solchen Bildern verbirgt sich oft ein ganz reales Programm von Rationalisierung, Verdrängung, Entlassung. Die Metapher macht strukturelle Gewalt sprachlich unsichtbar.
In der Psychologie sprechen wir von Blockaden, Funktionsstörungen oder vom „Energie tanken“. Als sei der Mensch eine Maschine. Auch hier ersetzt das Bild die tatsächliche Erfahrung. Das Subjekt wird zur Funktion, das Erleben zur Störung.
Das größte Risiko liegt darin, dass wir aufhören, Fragen zu stellen. Statt nachzudenken, übernehmen wir vertraute Bilder – und vergessen, dass sie nur Bilder sind. Metaphern können helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Aber sie können auch Sichtweisen verengen.
Metaphern: Die Welt hinter der Sprache
Wenn unsere gesamte Sprache auf Metaphern beruht – was bleibt dann von der Welt an sich?
Die Frage ist, ob es eine Wirklichkeit gibt, die unabhängig von unseren sprachlichen Mitteln existiert. Oder ob alles, was wir wahrnehmen, zwangsläufig durch Sprache gefiltert wird. In diesem Fall wäre das, was wir „Realität“ nennen, nicht das, was ist, sondern das, was sich sprachlich ausdrücken lässt.
Ludwig Wittgenstein formulierte es so: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Damit meinte er nicht, dass außerhalb dieser Grenzen nichts existiert – sondern dass wir darüber nicht sinnvoll sprechen können.
Wenn wir also von einer Welt „hinter“ der Sprache sprechen, dann meinen wir etwas, das sich unserer Beschreibung entzieht. Wir können vermuten, dass es diese Ebene gibt. Aber wir können sie nicht direkt benennen oder vollständig erfassen. Unsere Erkenntnis bleibt an Sprache gebunden.
Was sich nicht sagen lässt, entzieht sich unserem Zugriff. Es kann erlebt, aber nicht erklärt werden. Und jeder Versuch, es zu fassen, nutzt wieder Sprache – also genau das Werkzeug, das uns sowohl Zugang verschafft als auch Begrenzung auferlegt.
Selbst das Unsagbare nennen wir noch: das Unsagbare.
Literaturverzeichnis:
Nietzsche, F. (1873). Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. [online] Zeno.org. Verfügbar unter: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/%C3%9Cber+Wahrheit+und+L%C3%BCge+im+au%C3%9Fermoralischen+Sinn [abgerufen, am 29. Juli 2025].
Lakoff, G., & Johnson, M. (2017). Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern (9. Aufl.). Carl-Auer Verlag.
Externe Links:
Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern (Systemische Horizonte)
Fluidself.org: Metaphors We Live By – by George Lakoff and Mark Johnson
Interne Links:
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