im Reinen sein
Existenzphilosophie,  Philosophie

„Mit sich im Reinen sein“

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Lesedauer 3 Minuten

„Ob man mit sich im Reinen steht“. Hast Du Dich jemals gefragt ob Du mit Dir im Reinen stehst? Nun, ganz offenbar ist der Gedanke als gelegentlicher Abgleich der Innenperspektive wohl kein ungebetener und schon gar kein seltener Gast. Hat er sich doch in den Mantel einer Redewendung geworfen und schleicht so in den stillen Momenten der Reflexion durch die dunklen Gassen unseres Bewusstseins.  

„Mit sich im Reinen sein“, mutet beinahe idyllisch an – in jedem Fall aber beruhigend. Ein Bild des inneren Friedens, der Harmonie, des Einklangs und der Eintracht. Für mich klingt es wenig nach einer psychologischen Utopie, in der man vollkommen akzeptiert was und wer man ist. Und je mehr ich darüber nachdenke, erscheint es mir eher als ein paradoxes Konzept.  

So stelle ich mir die Frage, „ist es überhaupt möglich, mit sich im Reinen zu sein?“ Und wie kann ich in einer Welt, die von ständigem Wandel und Veränderung geprägt ist, mit mir im Reinen sein? Wie kann ich in einem Leben, das selbst ein Prozess des Werdens, des ständigen Erlebens und ein Fluss von Veränderungen und Herausforderungen ist, „mit mir im Reinen sein“? Ich müsste es wohl ständig neu verhandeln.

„Mit sich im Reinen sein“ – könnte es also sein, dass diese Phrase weniger einen dauerhaften Zustand beschreibt, als vielmehr einen Moment der Selbstwahrnehmung, einen flüchtigen Zustand, in dem wir uns unserer selbst bewusst sind, unserer Stärken, Schwächen, Erfolge und Misserfolge? Es könnte ein Moment sein, in dem wir eine Art vorübergehenden Frieden mit unserer momentanen Existenz finden.

Die Idee, immer mit sich im Reinen zu sein, wirft Fragen auf. Bedeutet es, alle inneren Konflikte gelöst zu haben? Oder ist es ein Zustand des Akzeptierens der eigenen Unvollkommenheit? Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem – ein flüchtiger Augenblick des Friedens inmitten des ewigen Strebens und Wachsens.

Doch bei all diesen Überlegungen darf eine kritische Frage nicht ungestellt bleiben: Täuschen wir uns vielleicht selbst, wenn wir glauben, mit uns im Reinen zu sein? In einer Welt, die voller Komplexitäten und Widersprüche ist, könnte dieser vermeintliche Zustand der Harmonie nur eine Illusion sein, ein bequemer Schleier, hinter dem wir die Unordnung unseres inneren Lebens verbergen.

Reden wir uns vielleicht ein, im Reinen mit uns selbst zu sein, nur um nicht in die tieferen Schichten unseres Innersten zu vorzudringen, die von Zweifeln, Ängsten oder ungelösten Konflikten geprägt sind? Es ist eine verlockende Vorstellung, zu glauben, dass wir in völliger Harmonie mit uns selbst leben können, aber vielleicht ist die Idee, mit sich im Reinen zu sein, nur ein Weg, um nicht mit den schwierigeren Aspekten unseres Innersten konfrontiert zu werden. Eine Selbsttäuschung, die uns daran hindert, unser wahres Selbst zu erkennen und ehrlich mit unseren tiefsten Konflikten umzugehen.

So komme ich zu dem folgenden Schluss: „Mit sich im Reinen zu sein“ ist weniger eine konkrete, dauerhafte Realität, sondern vielmehr ein Ideal, ein Leitbild, das uns anspornt, uns selbst ständig zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Es ist kein Ziel, das endgültig erreicht wird, sondern ein Prozess, ein ständiger Weg des Hinterfragens, des Wachsens und der Selbsterkenntnis.

Wer allerdings am Ende ohne jeden Zweifel seinen letzten Atemzug nimmt, der ist mit sich selbst im Reinen.


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Externe Links:

Deutschlandfunk: Ich tanze nicht (Kierkegaard)

Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik: Selbsttäuschung

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