Hobbes Naturzustand
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Philosophie,  Politische Philosophie

Naturzustand: Thomas Hobbes vs. Pjotr Kropotkin

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Thomas Hobbes vs. Pjotr Kropotkin: Duell über den „Naturzustand“ des Menschen

Haben Sie sich schonmal gefragt, wie menschliches Miteinander ohne den Schutz unseres Rechtsstaats oder gar ohne jegliche staatliche Ordnung aussehen würde? Wie wäre es, in Gemeinschaften zu leben, die nicht von Gesetzen und Rechtsordnungen eines Staates geregelt werden? Könnte unser Leben mehr einem Überlebenskampf ähneln, wo das Recht des Stärkeren dominiert, oder stünde eher gegenseitige Unterstützung im Vordergrund? Wären Konkurrenz oder Kooperation die treibenden Kräfte unseres Miteinanders? Solche Überlegungen zur „wahren Natur“ des Menschen haben eine lange philosophische Tradition. Im Zentrum dieser Überlegungen steht der sogenannte „Naturzustand“ des Menschen und damit verbundene Menschenbilder.

Der Naturzustand ist ein hypothetischer Zustand vor dem Eintritt in ein gesellschaftliches oder staatliches Gefüge. In diesem Zustand gelten keine sozialen Verträge oder rechtlichen Rahmenbedingungen. Es ist ein Zustand, in dem die fundamentalen Triebe und Tugenden des Menschen offenbart werden und die damit verbundenen Menschenbilder in Reinform zum Vorschein kommen.

In der Geschichte der politischen Philosophie stechen dabei zwei Namen besonders hervor, die versucht haben, diesen natürlichen Zustand des Menschen zu beschrieben: Thomas Hobbes und Pjotr Kropotkin. Beide betrachten den menschlichen Naturzustand aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Doch welcher dieser beiden Denker kommt der wahren Natur des Menschen tatsächlich näher?

Naturzustand: Thomas Hobbes und der erbitterte Kampf

Die Frühaufklärung des 17. Jahrhunderts brachte einen tiefgreifenden Wandel in der politischen Philosophie mit sich. Weg von göttlichen Herrschaftsansprüchen und hin zu einer Weltanschauung, die von Menschenrechten und Gewaltenteilung geprägt war. In dieser turbulenten und von Unruhen, Krieg und gesellschaftlichen Veränderungen geprägten Epoche war Hobbes ein Denker, der erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der politischen Theorie hatte und diese bis in die Gegenwart hinein prägen sollte.

Sicherlich geprägt durch die Erfahrungen seiner Zeit, zeichnete er in seinem „opus magnum“, dem „Leviathan“ („Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates“, 1651) nicht nur eine Staatstheorie, sondern auch ein überaus düsteres Bild der menschlichen Natur, das in den folgenden Jahrhunderten als Grundlage der politischen Philosophie übernommen wurde.

Naturzustand: „Homo homini lupus“ – „Der Mensch ist dem Menschen Wolf“

Thomas Hobbes, in seiner prägnanten Analyse im „Leviathan“, sieht die Notwendigkeit eines starken Staates als unumgänglich für ein friedliches Zusammenleben der Menschen. In diesem bahnbrechenden Werk entwirft er ein Bild vom Naturzustand des Menschen, gekennzeichnet durch eine fundamentale Gleichheit unter den Menschen. Diese Gleichheit, argumentiert Hobbes, manifestiert sich sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht, wobei selbst die vermeintlich Schwächsten unter uns die Fähigkeit besitzen, die Stärksten zu überlisten oder zu überwältigen.

Hobbes geht davon aus, dass jeder Mensch in seinem Wesen ähnliche geistige Fähigkeiten besitzt, mit der Ausnahme einiger Gelehrter und Wissenschaftler. Er betont, dass Weisheit und Klugheit aus Erfahrung entstehen und somit für jeden erreichbar sind, der sich mit gleichen Angelegenheiten auseinandersetzt. Eine wahrgenommene Ungleichheit, so Hobbes, entsteht oft aus der Neigung, die eigene Weisheit zu überschätzen, wobei viele Menschen glauben, klüger als der Durchschnitt zu sein (Hobbes 1651: S. 94).

Die Konsequenz dieser universellen Gleichheit ist ein unvermeidlicher Konflikt: Menschen, die nach denselben Zielen streben, werden unweigerlich zu Rivalen, wenn sie diese Ziele nicht gemeinsam erreichen können. Hobbes sieht in der menschlichen Natur drei Hauptursachen für Konflikt: Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht. Diese Triebkräfte führen zu gegenseitiger Vernichtung und Unterwerfung, was die Notwendigkeit eines starken und mächtigen Staates begründet, der die Menschen in Schach hält (Hobbes 1651: S. 95).

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In Hobbes‘ Vorstellung ist ein solches Zusammenleben ohne die Furcht vor einer übergeordneten Macht kaum vorstellbar. Er bedient sich der eindrucksvollen Metapher des Leviathans – des biblischen Seeungeheuers – um einen solchen Staat zu symbolisieren. Dieser Leviathan steht allegorisch für die unumgängliche, autoritäre Macht, die erforderlich ist, um die latenten Konflikte in der menschlichen Natur zu bändigen und ein gemeinschaftliches Leben zu ermöglichen. Die Angst vor dieser mächtigen Autorität, so Hobbes, hält die Menschen davon ab, sich in einem gnadenlosen Kampf um Ressourcen und Macht zu verstricken, der letztlich nur in Chaos und Zerstörung münden würde. Der Leviathan wird somit zur Notwendigkeit, um die aggressive Natur des Menschen zu zähmen und ein friedliches, geordnetes Zusammenleben zu gewährleisten

Während der Naturzustand in Hobbes Darstellung von einem grimmigen Realismus geprägt ist, der den Menschen als grundlegend egoistisch und machthungrig betrachtet, bietet Kropotkin eine radikal andere Perspektive. Wo Hobbes den Menschen als Wolf sieht, der nur durch die strenge Hand des Staates gebändigt werden kann, sieht Kropotkin den Menschen als von Natur aus kooperativ und gemeinschaftsorientiert. Diese kontrastierenden Ansichten spiegeln nicht nur unterschiedliche philosophische Überzeugungen wider, sondern auch die unterschiedlichen Zeiten und Kontexte, in denen diese Denker lebten und arbeiteten.

Pjotr Kropotkin: Der Anarchist mit einer anderen Vision

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Eine empirische Gegenposition zum Hobbesschen Menschenbild finden wir in den Werken des russischen Anarchisten, Wissenschaftler und Abenteurer Pjotr Kropotkin (1842-1921). Kropotkin der als Sohn einer der höchsten und einflussreichsten Adelsfamilien der russischen Aristokratie zur Welt kam, erlebte in seiner Kindheit und Jugend eine Atmosphäre von sozialer Ungleichheit. Seine Familie besaß große Ländereien, auf denen hunderte von Leibeigenen arbeiteten. Dies weckte bereits früh ein Gefühl von Ungerechtigkeit und Empörung bei ihm.

Im Jahr 1862 schloss Kropotkin seine Ausbildung im Pagenkorps ab und trat in ein sibirisches Kosakenregiment in der neu eroberten Amur-Region ein, was für seine gesellschaftliche Klasse äußerst ungewöhnlich war. Dort wurde er erstmals mit radikalen Ideen des Anarchismus und dem Werk von Pierre-Joseph Proudhon vertraut.

Während seines Dienstes in Sibirien wurde Kropotkin von der Verwaltung beauftragt, Berichte über das Gefängnis- und Straflagersystem sowie die kommunale Selbstverwaltung in der Provinz Transbaikalien zu verfassen. Diese Erfahrungen ließen ihn immer mehr an der Bedeutung des Konkurrenzkampfes zweifeln, den Charles Darwin in seiner Evolutionstheorie betonte. Stattdessen erkannte er die Bedeutung gegenseitiger Hilfe und Solidarität.

Kropotkin unternahm ausgedehnte Forschungsreisen in unbekannte Teile des östlichen Sibiriens und sammelte wertvolle geografische Erkenntnisse. Diese Erfahrungen und seine Beobachtungen der Bauern in der Region verstärkten seine Überzeugung von der Bedeutung der gegenseitigen Hilfe und Solidarität in der Gesellschaft.

Ausgangspunkt für Kropotkins Anarchismus lag in der Kritik an Darwins Verabsolutierung des Prinzips des „Kampf ums Dasein“. Kropotkin bestreitet nicht grundsätzlich, dass es in der Natur einen Kampf ums Dasein gäbe, stellen doch bereits die teilweise rauen klimatischen Verhältnisse, die Nahrungsbeschaffung und sicherlich auch eine Konkurrenz um Nahrung und Lebensräume ein ständiger Überlebenskampf dar. Jedoch sei dies nicht der einzige Faktor in der Entwicklungsgeschichte.

Kropotkin und die Evolution der Kooperation

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Die zentrale These Kropotkins verneint den „bitter struggle for the means of existence“, vielmehr herrsche ein Prinzip der gegenseitigen Hilfe. In seinem Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ zeigt Kropotkin auf, dass Menschen, insbesondere in frühen Zivilisationsstufen, stark durch das Prinzip der gegenseitigen Unterstützung geprägt waren. Er betont, dass in primitiven Gesellschaften, trotz ihrer beschränkten individuellen Kräfte, durch die Clanorganisation eine starke Verbindung und Kooperation entstand, die das Überleben sicherte und Fortschritt ermöglichte.

Jedoch, so Kropotkin, führte die Entwicklung hin zu höheren Stufen der Zivilisation und die damit einhergehende historische Aufzeichnung zu einer Verzerrung dieses Bildes. Die Geschichte, so argumentiert er, überbetont Konflikte und Kämpfe und vernachlässigt die friedlichen Aspekte des menschlichen Lebens. Die traditionelle Geschichtsschreibung verliert aus dem Blick, dass die Mehrheit der Menschen meist friedlich arbeitete, während nur wenige in Konflikte verwickelt waren. Kropotkin stellt fest, dass mit dem Aufstieg der Zivilisation die ursprünglichen Bande der gegenseitigen Hilfe zerstört wurden, was zu einem Zustand der Kriege und Unterdrückung führte. Dies steht im starken Gegensatz zu Hobbes‘ Ansicht, dass der Mensch von Natur aus selbstsüchtig und kriegerisch ist.

Durch eine umfassendere Untersuchung historischer Perioden und die Berücksichtigung ethnischer und kultureller Studien argumentiert Kropotkin, dass die gegenseitige Hilfe und Solidarität, die in früheren Gesellschaften vorherrschten, in der Geschichtsschreibung unterrepräsentiert sind. Er fordert eine Neuschreibung der Geschichte, die beide Strömungen des menschlichen Lebens – Konflikt und Kooperation – angemessen berücksichtigt. Kropotkin zeigt, dass trotz der Schwerpunkte auf Konflikten in historischen Aufzeichnungen, die gegenseitige Hilfe ein wesentlicher und oft übersehener Aspekt des menschlichen Zusammenlebens ist und immer war (Kropotkin 1902, S. 114).

Von Anfang an geht es Kropotkin nicht nur um Darwins „bitter struggle“, sondern vielmehr um eine sozialphilosophische Tradition, deren Ausgangspunkt im Hobbesschen Prinzip des Krieges „alle gegen alle“ liegt. Die wissenschaftlichen Grundlagen dazu habe Darwin geliefert. Für Kropotkin geht es um nicht weniger als die wissenschaftliche Begründung der Gegenthese, dass der Mensch nämlich, von Natur aus, ein soziales Wesen, die gegenseitige Hilfe ein Naturgesetz und damit wesentlicher Faktor der Entwicklungsgeschichte sei (Bühler 2015: S. 257)

Schlussbetrachtung

Auch wenn Hobbes in seiner Zeit viel Leid und Krieg erlebte, wird ihm vorgeworfen, sein Menschenbild sei eher rationalistisch als empirisch. Seine Darstellung der Vielfalt menschlicher Anlagen scheint stark vereinfacht und wenig differenziert zu sein. Es handelt sich, wie er selber schreibt, um ein gedankliches Experiment über den Naturzustand, das darauf abzielt, die Notwendigkeit eines starken Staates zur Gewährleistung von Frieden und Ordnung in der Gesellschaft zu begründen. Und dennoch würden viele Hobbes‘ Menschenbild zustimmen. Wir kennen alle die Bilder von Plünderungen und Gewalt nach schwere Naturkatastrophen, von Chaos und Konflikten gerade dann wenn die staatliche Ordnung geschwächt zu sein scheint. In eben solchen Momenten scheinen Hobbes‘ Gedanken über den Naturzustand eine beunruhigende Aktualität zu erlangen. Die Szenen von Plünderungen und Chaos nach Naturkatastrophen oder inmitten politischer Unruhen lassen manche argumentieren, dass Hobbes‘ düsteres Bild des Menschen, in Abwesenheit einer starken staatlichen Ordnung, nicht nur eine theoretische Überlegung, sondern eine empirische Realität ist.

Trotz der scheinbaren Bestätigung von Hobbes‘ Menschenbild in bestimmten Krisensituationen, darf man nicht übersehen, dass es auch zahlreiche Beispiele von Solidarität, Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe unter Menschen in Not gibt. Diese Beispiele stehen eher im Einklang mit Kropotkins Perspektive und zeigen, dass menschliches Verhalten vielschichtiger ist, als es Hobbes‘ reduktionistische Sichtweise Naturzustand nahelegt. Hobbes‘ Leviathan, als Symbol für diese starke Staatsgewalt, bleibt ein kontroverses und zugleich faszinierendes Werk in der Geschichte der politischen Philosophie.

Im Gegensatz zu Hobbes‘ Naturzustand verfolgte Kropotkin einen anderen Ansatz. Er war von der Idee überzeugt, dass der Mensch von Natur aus sozial ist und nicht erst durch den Einfluss eines Staates dazu wird. Durch seine Beobachtungen in der rauen Wildnis Sibiriens wurde Kropotkin Zeuge von Tier- und Menschenkollektiven, die in Harmonie zusammenarbeiteten.

Kropotkin glaubte, dass diese natürliche Neigung zur Zusammenarbeit – die gegenseitige Hilfe – ein Grundpfeiler menschlicher Entwicklung ist. Anstatt Naturzustand bei Hobbes und dem damit verbundenen Krieg alle gegen alle, sah Kropotkin in der Natur eine Gemeinschaft, in der Zusammenarbeit und Solidarität herrschen.

Fazit: Eine unaufhörliche Debatte

Das Duell zwischen Hobbes und Kropotkin stellt uns vor eine faszinierende Frage: Ist der Mensch von Natur aus egoistisch und selbstsüchtig oder neigt er zur Zusammenarbeit und Gemeinschaft? Diese Debatte ist von entscheidender Bedeutung, da sie tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise hat, wie wir politische Konzeptionen und staatliche Gewalt denken.

Hobbes‘ Ideen, die die Grundlage für den modernen Staat bilden, betonen die Notwendigkeit einer starken staatlichen Autorität, um die vermeintliche egoistische und konfliktorientierte Natur des Menschen zu bändigen. Diese Sichtweise hatte einen großen Einfluss auf die Gestaltung von modernen Regierungssystemen, Gesetzen und politischen Institutionen.

Auf der anderen Seite regt uns Kropotkin dazu an, die menschliche Natur jenseits der Strukturen und Zwänge des Staates neu zu betrachten. Seine Vorstellung von der natürlichen Neigung des Menschen zur Zusammenarbeit und Solidarität hat das Potenzial, unser Verständnis von Gemeinschaft, sozialer Gerechtigkeit und der Rolle des Staates zu verändern.

Letztlich mag die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen, und es gibt keinen definitiven Beweis für eine der beiden Positionen. Doch diese Debatte zeigt, wie komplex und vielfältig unsere menschliche Natur wirklich ist. Sie zwingt uns, darüber nachzudenken, wie wir unsere Gesellschaften organisieren, welche Werte wir fördern und wie wir politische Entscheidungen treffen.

In einer Welt, die von politischen Konflikten, sozialen Ungerechtigkeiten und Umweltproblemen geprägt ist, ist die Frage nach der menschlichen Natur und ihrem Einfluss auf unsere Gesellschaften von großer Relevanz. Welche Ansicht dich mehr überzeugt, hängt von deinen eigenen Überzeugungen und Erfahrungen ab. Diese Debatte wird jedoch fortgesetzt und wird auch in Zukunft von großer Bedeutung sein, da sie grundlegende Fragen darüber aufwirft, wie wir unsere Welt gestalten wollen.


Literaturverzeichnis:

Thomas Hobbes: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates

Pjotr Kropotkin: Die historische Rolle des Staates, Hg. Adolf Grunau, Berlin 1898

(Link:https://archive.org/details/DieHistorischeRolleDesStaates/page/n1/mode/1up?view=theater )

Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Hg. Theodor Borken, Berlin 2018

Bühler, Benjamin: Tierische Kollektive und menschliche Organisationsformen: Kropotkin, Canetti, Frisch und Lem. In: Eva Horn/Lucas Marco (Hg.): Schwärme – Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissenschaftsgeschichte zwischen Leben und Information. Bielefeld 2015, S. 191-272


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