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Sündenfall: Eva, Eden und die Illusion der Freiheit
Lesedauer 4 MinutenDie Geburt der Ordnung aus dem Geist des Ungehorsams – und warum der Sündenfall bis heute unser Denken von Freiheit bestimmt Der Sündenfall erzählt von einem Anfang – und zugleich von einer Verstrickung. Eva, die erste Frau, greift nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis, isst davon und gibt sie an Adam weiter. Mit diesem einen Akt, so heißt es, tritt das Menschengeschlecht aus der Unschuld heraus und wird erkenntnisfähig. Gut und Böse sind fortan unterschieden, Scham und Schuld treten in die Welt. Oft liest man die Geschichte aber auch als einen Mythos der Befreiung. Denn ohne Evas Mut zum Ungehorsam, so die Deutung, wären wir heute nicht…
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Sprache: Die Welt ist ein Wort
Lesedauer 4 MinutenSprache: Die Welt ist ein Wort Stell Dir vor, Du erwachst in einer Welt ohne Sprache. Keine Worte, keine Sätze, keine Geschichten. Wie würdest Du diese Welt verstehen? Ohne Sprache bleibt alles um uns herum ein wildes Durcheinander von Eindrücken und Empfindungen. Du sieht, hörst, riechst, fühlst, aber was siehst Du? Da ist kein „Baum“, kein „Himmel“, kein „Ich“. Alles bleibt stumm, formlos, zusammenhanglos. Wer ist dieser Mensch, der keinen Namen hat? Was soll er von sich denken, ohne ein „Denken“ zu haben, das sich benennen kann? Was bleibt, wenn alles Erleben formlos ist, jedes Gefühl namenlos, jede Wahrnehmung nur ein dahinschießender Strom von Eindrücken? Er wird wohl…
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Ökonomie und Macht – oder wie Theorien die Welt formen
Lesedauer 4 MinutenÖkonomie und Macht – oder wie Theorien die Welt formen In den Naturwissenschaften bleibt Erkenntnis meist ein offener Prozess. Auch wenn dort Interessen und Ideologien nie ganz fehlen, geht es im Kern um Fragen, die selten unmittelbare gesellschaftliche Relevanz haben. Ob das Quantenfeld existiert oder dunkle Materie sich anders verhält als erwartet – solche Fragen lösen keine gesellschaftlichen Konflikte aus. Sie berühren das Leben der meisten Menschen kaum. Hypothesen werden aufgestellt, geprüft und widerlegt, ohne dass daraus politische Schlachten entstehen. In der Ökonomie ist das anders. Ökonomische Modelle, Empfehlungen und Narrative greifen tief in die Gesellschaft ein. Sie prägen Gesetze, steuern Märkte und beeinflussen politische Entscheidungen. Neutralität bleibt…
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„Liebe Dich selbst“- Die Ideologie der Selbstfürsorge
Lesedauer 4 Minuten„Liebe Dich selbst.“ – Die Ideologie der Selbstfürsorge oder der Tyrann im Spiegel Es beginnt meist ganz harmlos. Ein Spruch auf dem Teebeutel-Fähnchen, ein Instagram-Post im Abendlicht oder ein gut gemeinter Ratschlag unter Freunden nach dem dritten Glas Wein: „Du musst Dich erst selbst lieben, bevor Du andere lieben kannst.“ Klingt wie warmer Kakao, Wollsocken und innerem Frieden. Wie die ultimative Wahrheit, gegen die sich kaum etwas einwenden lässt. Wer will schon gegen Liebe sein? Doch je öfter dieser Satz durch unsere Timelines und Wohnzimmer geistert, desto schaler wird der Nachgeschmack. Denn hinter der weichen Verpackung der Achtsamkeitsindustrie verbirgt sich ein harter Kern. Was als freundliche Einladung zur…
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„Du musst nur wollen“ – Der Mythos vom Willen in Zeiten der Erschöpfung
Lesedauer 5 Minuten„Du musst nur wollen“ – Der Mythos vom Willen in Zeiten der Erschöpfung Er erinnerte sich noch gut an diesen einen Nachmittag. Er war etwa zehn Jahre alt. Damals, auf dem Bolzplatz. Er hatte wieder einmal danebengeschossen, wieder einmal den Ball nicht richtig getroffen. Einige rollten mit den Augen. Und sein Vater rief von der Seite: „Auf gehts, Du musst es nur wollen!“. Damals klang es wie ein Ansporn. Heute aber weiß er: Es war ein Urteil. Denn nicht der Fuß war das Problem. Nicht die Technik, nicht die Kraft. Sondern der Glaube, dass das Innere über das Äußere herrscht. Dieser Satz auf dem Bolzplatz war die erste…
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Ich will frei sein – sagt das Ich.
Lesedauer 3 MinutenIch will frei sein – sagt das Ich. „Frei sein. Ich sein!“ Ich hab diese Worte erst kürzlich in einem Facebook-Kommentar gelesen. Ich musste ein wenig schmunzeln, denn da steckt ja doch eine ordentliche Portion Romantik und Nostalgie drin. Das „freie Ich“, das ganz es selbst sein darf. Das klingt fast wie das Glaubensbekenntnis einer ganzen Epoche, die für Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung steht. Dabei sind gerade diese beiden Konzepte in der letzten Zeit mächtig unter Druck geraten.Freiheit lässt sich in der physikalischen Welt nicht finden. Empirisch ist sie nicht nachweisbar – weder im Kosmos der Teilchen noch in den neuronalen Bahnen unseres Gehirns. Dort herrscht ganz nüchtern…
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Das „Ich“ als Ort: Poststrukturalismus und das Ende des Subjekts
Lesedauer 4 MinutenDas „Ich“ als Ort: Poststrukturalismus und das Ende des Subjekts Bei Descartes beginnt alles mit dem Denkenden „Ich“ – jener unbezweifelbaren Gewissheit, aus der alles andere abgeleitet wird. Bei Kant wird das „Ich“ zur moralischen Instanz, die sich selbst als Zweck erkennt und nach dem kategorischen Imperativ handelt. Kierkegaard radikalisiert das „Ich“ existenziell – als Aufgabe, als Entscheidung, als Ringen mit sich selbst vor dem Abgrund der Freiheit. Husserl sah im „Ich“ die Quelle, den Ursprung für Sinngebung. Kurzum: In der klassischen Philosophie galt das „Ich“ als Ursprung von Sinn und Weltdeutung. Der Poststrukturalismus stellt das Bild vom „Ich„, vom „Subjekt“ und von einem „Selbst„ radikal infrage: Genauer…
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Wenn Eltern schreien – Die Macht der mimetischen Prägung
Lesedauer 4 MinutenWenn Eltern schreien – Die Macht der mimetischen Prägung Wenn Eltern in Gegenwart von Kindern laut werden – schreien – sei es aus Überforderung, Wut oder Kontrollverlust –, hinterlässt dies Spuren. Nicht nur emotionale, sondern auch soziale Spuren. Es handelt sich um mehr als einen Ausbruch: Es ist ein Moment stiller Prägung. Denn Kinder beobachten nicht nur – sie ahmen nach. Dieser Beitrag untersucht, wie Kinder durch Beobachtung elterlicher Verhaltensmuster, insbesondere beim Schreien, soziale Strategien internalisieren. Anhand dieses konkreten Phänomens wird die grundlegende Bedeutung mimetischer Prozesse im frühkindlichen Lernen und darüber hinaus aufgezeigt. Schreien als performatives Modell Eltern oder Bezugspersonen, die in Stresssituationen in der Gegenwart ihrer Kinder…






















