Raum Leere
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Kulturwissenschaft,  Philosophie

Raum und Leere: Einblicke in verborgene Dimensionen

Lesedauer 8 Minuten

Raum und Leere: Von der physikalischen Dimension zur kulturellen Bedeutung

Ich weiß nicht welches Verhältnis sie zu Raum und Leere haben, aber vielleicht haben sie nach dem Lesen dieses Artikels ein anderes Verhältnis zu Vasen, Eimern oder Tupperdosen.

Die Leere steht nämlich nicht selten im Verdacht, ein Symbol der Nutzlosigkeit oder des Mangels zu sein. In einer Gesellschaft, die oft von der Idee des „Mehr ist besser“ geprägt ist, wird die Leere manchmal als etwas gesehen, das gefüllt werden muss – sei es mit materiellen Dingen oder ständiger Aktivität – sie kennen das vielleicht, wenn sie sich einmal darüber beschwert haben, warum die Schokokugel innen hohl war. Dies jedoch, kann dazu führen, dass die subtileren, aber ebenso wichtigen Werte, die Leere mit sich bringen kann, wie Ruhe, Potential und Raum für Neues, übersehen oder unterschätzt werden. Im Falle der Schokokugel sparen sie sich jedenfalls Kalorien ein.

Was haben wir hier?

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Richtig, eine Vase. Ihre Geschichte, also die der Vase ist alt. Sehr alt. Wie alt genau weiß ich nicht, aber das tut auch nicht unbedingt etwas zur Sache. Wichtiger ist mir nämlich ihre Funktion. Denn es geht mir hier um unser Verhältnis zum Raum und zur Leere.

Die Leere in Gegenständen wie im Falle der Vase, hat dabei eine tiefe, ja fast schon mystische Bedeutung. Denn der leere Raum, den wir in einer Vase schaffen ist schon ein geheimnisvoller Ort.

Eine Vase wird in erster Konsequenz vor allem deshalb sehr geschätzt, weil sie zunächst nichts enthält. Sie ist in ihrem Ursprungszustand leer. Diese Leere ist kein Mangel, sondern vielmehr die inhärente Eigenschaft der Vase. Die Leere ist also nicht ihr Mangel als vielmehr ihr Vorzug.

Die Vase oder das Gefäß ist ein Raum im Raum. Man könnte sagen, dass die Vase eine der ersten und einfachsten Formen der Raumstrukturierung ist. Sie werden das ganz einfach verstehen, denn stellen sie sich vor, sie stehen irgendwo und um sie herum ist nur Raum. Sie sehen nicht wie groß dieser Raum ist, aber er muss riesig sein. Was wollen Sie mit dem ganzen Raum? Sie können mit dem Raum einfach nichts anfangen. Er ist für sie praktisch nutzlos. Ich betone, praktisch nutzlos. Denn sie brauchen ja Raum, denn irgendwo müssen Sie ja stehen, laufen oder was auch immer tun. Sie brauchen also grundsätzlich den Raum, aber wirklich etwas damit anfangen, können sie nicht.

Sie fangen also an sich Gedanken zu machen. Zumeist aus praktischen Situationen heraus. Vielleicht haben sie ein Problem. Die meisten Ideen kommen, wenn zuvor ein Problem besteht. Ihres könnte nun sein, dass sie durstig sind. Dort wo sie sind, ist unweit davon ein Bach, der klares, kühles Wasser führt. Sie wollen aber nicht die ganze Zeit an dem Bach stehen, sie wollen sich im Raum bewegen.

Damit sie nun unabhängiger von diesem Bach sind, fällt ihnen ein, sie könnten doch etwas bauen, womit sie das Wasser transportieren können. Sie kommen auf die glorreiche Idee, sich ein Gefäß aus Lehm herzustellen und es an der Sonne aushärten lassen. Nun, Glückwunsch. Sie haben Raum geschaffen, oder anders gesprochen, sie haben den bestehenden Raum nutzbar gemacht. Ihnen gelingt es nun, das Wasser aus dem Bach im Raum zu transportieren.

Was ist passiert?

Sie haben den Raum um sich herum organisiert. Sie haben ihn nutzbar gemacht. Während sie zuvor einfach nur Raum hatten, haben sie nun durch das Gefäß eine zusätzliche Dimension innerhalb des Raumes geschaffen. In diesem Raum herrscht, jedenfalls aus makroskopischer Sicht, Leere (für den Fall, dass sie Physiker sind und sich nun beschweren, dass der Raum in Wirklichkeit gar nicht leer ist).

Durch das Gefäß fangen sie nun den Raum ein, sie grenzen ein Stück des Raumes vom übrigen Raum ab und machen den Raum auf diese Weise nutzbar. Wenn sie so wollen, haben sie nun etwas technisch gesprochen, die Funktionalität des Raumes erhöht. Die Leere innerhalb der neuen Raumdimension taugt ihnen nun, um andere Dinge im Raum zu transportieren.

Wie bereits gesagt, das Tongefäß oder die Vase ist eine sehr einfache Form der Raumorganisation. Sie können auch ein Hochhaus bauen, in das sie allerhand reinbekommen, das wäre dann aber eine sehr komplexe Struktur mit einem ungeheuren Potential für die darin enthaltene Leere.

Soweit zur rein funktionalen Seite der Raumorganisation. Aber diese Raumorganisation hat nicht nur eine funktionale Seite.

Die Ästhetische Dimension des leeren Raumes

Denn diese innere Leere eines Objekts fügt dem Raum nicht nur eine physikalische, sondern auch eine ästhetische Dimension hinzu, die unsere Wahrnehmung des umgebenden Raums beeinflussen kann.

Nehmen sie das hier.

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Was sehen sie? Natürlich die Form einer Vase. Was sie nicht sofort sehen aber erahnen können ist, dass die Vase ein Objekt ist, das um eine zentrale Leere herum geformt ist. Diese Leere ist zwar eigentlich nichts, aber dennoch definiert sie die gesamte Form und die Funktion der Vase. Ohne diese Leere im Inneren der Vase, wäre sie kein nutzbares Gefäß. Es ist also gerade das Fehlende, was der Vase das verleiht, was sie schließlich ist.

Diese Betrachtung der Vase, bei der der leere Raum im Zentrum steht, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die oft übersehene Bedeutung des Unsichtbaren. Die Leere im Inneren der Vase ist nicht einfach ein leerer Raum, nicht einfach Nichts; sie ist das Herzstück, das Wesen der Vase. Sie gibt ihr nicht nur ihre Funktion, sondern auch ihre ästhetische Identität – sie ist der unsichtbare, ja der stille Schöpfer des Objektes. Sie verleiht ihr ihre ästhetische Erscheinung.

Wenn sie mir nicht glauben, dann stellen sie sich einmal die Vase auf dem Bild oben vor und denken sie als massiven Körper, also ohne Öffnung, einfach als Vollmaterial. Es wäre keine Vase und sie verlöre ihre ästhetische Erscheinung. Zurecht würden sie sich wahrscheinlich fragen, was dieser Gegenstand eigentlich soll. Er wäre seiner gesamten Form beraubt. Zusätzlich aber auch verdammt schwer und dabei nutzlos. Ein solcher Gegenstand, hätte sicherlich nicht eine so umfangreiche Geschichte vorzuweisen wie die Vase. An Hochhäuser oder Tupperdosen wollen wir an dieser Stelle gar nicht denken.

Je funktionaler wir denken, desto klarer wird es. Oder kaufen sie sich den Koffer des Koffers wegen oder doch eher wegen der Leere in diesem Koffer. Keine Frage er soll auch zu ihnen passen, sie müssen sich mit dem Koffer wohlfühlen. Aber den Koffer kaufen sie sich doch nicht, um sich einfach nur mit ihm wohlzufühlen. Sie wollen damit etwas unternehmen. In erster Linie wollen Sie Raum, leeren Raum, der natürlich auch ansprechend eingepackt ist.

Aber dies gilt nicht nur in der funktionalen Sicht. Diese Perspektive nämlich, eröffnet eine neue Art der Wertschätzung für die Dinge um uns herum. Ein leeres Gefäß, ein leerer Raum, selbst eine Pause in der Musik – all diese Dinge haben eine eigene Schönheit und Bedeutung. Sie bieten uns einen Moment des Innehaltens, eine Gelegenheit, die Fülle des Lebens aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Indem wir die Leere als integralen Bestandteil der Ästhetik anerkennen, beginnen wir, die subtilen und oft unsichtbaren Aspekte unserer Welt zu schätzen. Dies führt zu einer tieferen, intuitiven Verbindung mit unserer Umgebung, die über das hinausgeht, was unmittelbar wahrgenommen wird.

In dieser Hinsicht ist die Vase mehr als nur ein Behälter. Sie ist ein Symbol für das Gleichgewicht zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Sie lehrt uns, dass das Nichtvorhandene genauso wichtig sein kann, wie das Vorhandene und dass in der Leere eine eigene Form der Fülle existiert.

Die psychologische Dimension des leeren Raumes

Leerer Raum hat nicht nur eine funktionale oder ästhetische Seite. Er hat auch eine psychologische. Während der Raum in seiner Gesamtheit unstrukturiert, ja unorganisiert ist, bietet die organisierte Raumdimension mit ihrer Leere, Klarheit in einem ansonsten homogenen und unstrukturierten Raum.   

Ich möchte es so erklären: In der Schaffung von Gefäßen sehen wir, wie wir den Raum durch Organisation strukturieren. Diese Organisation schafft Ordnung im Raum und führt zu einer neuen Raumstruktur. Während uns der unendliche, unstrukturierte Raum überfordern kann, gibt uns die bewusste Raumstrukturierung durch Gefäße aber auch durch andere Objekte wie Häuser, Hallen, Zimmer und was auch immer, Sicherheit, Halt und ein Gefühl von Ordnung.

Jedes Gefäß, jedes Objekt, das wir formen oder gestalten, ist eine Art, das Undefinierte zu definieren. Wir nehmen einen Teil des unendlichen Raumes und definieren ihn neu – wir geben ihm Grenzen, eine Form und einen Zweck. In diesem Prozess verleihen wir nicht nur dem Raum eine Struktur, sondern auch unserem Geist. Es ist, als würden wir einen Ankerpunkt im Ozean des Raumes setzen, einen festen Punkt, an dem wir uns orientieren können.

Nehmen wir einmal das hier:

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Ein Raum im Zen-Stil. Ein minimalistisch organisierter Raum, frei von überflüssigem und Ablenkungen. Wie finden Sie das?

Diese geordnete Leere in den Räumen wie diesem, aber auch in Gefäßen spiegelt eine tiefere Sehnsucht nach Struktur und Verständlichkeit in unserem eigenen Leben wider. In einer Welt, die oft chaotisch und überwältigend erscheint, bietet die klare Struktur eines Raumes oder eines Gefäßes ein Gefühl der Kontrolle und des Verständnisses aber auch von Sicherheit. Es ist eine kleine Insel der Ordnung in einem Meer von Möglichkeiten.

Darüber hinaus schafft die Raumstrukturierung uns die Möglichkeit, unsere Umgebung aktiv zu gestalten. Anstatt passive Empfänger des Raumes zu sein, reichen wir etwas ein, werden wir zu aktiven Gestaltern. Dieses Gestalten gibt uns ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Wir sind nicht länger Ausgesetzte unserer Umgebung, sondern Schöpfer unserer eigenen Welt.

Schließlich hilft uns die Organisation des Raumes unser Leben zu ordnen. Jedes Gefäß, das einen spezifischen Zweck erfüllt, jede zusätzliche Raumdimension hilft uns, unsere täglichen Routinen und Aufgaben zu strukturieren. In diesem Sinne sind Räume wie Gefäße nicht nur physische Objekte; sie sind Werkzeuge, die uns helfen, das Leben selbst zu organisieren und zu bewältigen.

Schlussbetrachtung

Finden sie nicht auch, dass die Organisation, die Strukturierung des Raums eine elementare Eigenschaft der Kultur ist? Ich würde es sogar so sagen, es ist eine universelle Eigenschaft jeder Kultur. Das schon zeigen die Funde von Gefäßen oder Räumen jeglicher Art, an nahezu jedem Ort dieser Welt.

Unser Verhältnis zum Raum ist daher fast ausschließlich ein kulturelles. Auch wenn sie der Raum in seiner Ganzheit fasziniert, und ich verstehe das, er fasziniert mich auch, können sie einfach nichts mit ihm anfangen. Sie können ihn bestaunen, ja, sie können Fragen stellen, woher er kommt und warum er da ist, aber irgendwann müssen sie damit anfangen, den Raum zu nutzen, ihn zu organisieren.

Sie werden anfangen ihm Richtungen zu geben, rechts, links, oben, unten, hinten oder vorne, Westen, Osten, Norden und Süden. Sie werden anfangen den Raum physisch zu unterteilen, ihm eine Struktur geben. Sie müssen das tun, sonst werden sie nicht weiterkommen. Aber denken sie jetzt ja nicht, dass dies eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, oder wie erklären sie sich den Nestbau der Tiere, das Netz der Spinne und so weiter.

In der Betrachtung von Raum und Leere entdecken wir nicht nur die subtilen Dimensionen unserer physischen Welt, sondern berühren auch die Grundlagen menschlicher Kreativität und Ordnung.

Die Reise durch die Leere führt uns zu einer tieferen Erkenntnis, zu einer Wertschätzung für das, was nicht sofort sichtbar ist. Sie betont die Bedeutung des Unsichtbaren in unserem Leben. Indem wir Raum und Leere als wesentliche Elemente unserer Existenz erkennen, öffnen wir uns für neue Perspektiven des Verstehens und Gestaltens unserer Welt. Lassen wir also die Leere nicht als Mangel, sondern als Raum für unbegrenztes Potential und Schönheit in unserem Leben und in unserer Welt anerkennen und nutzen

Nun, vielleicht sehen Sie nun all den Raum um sie herum aus einem etwas anderen Blickwinkel. Der Eimer jedenfalls den ich zu Beginn erwähnt habe ist ein Eimer, ja, aber eigentlich ist er ein leerer Raum, dessen Objekteigenschaft sich erst durch seine innere Leere definiert.


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Interne Links:

Raum und Zeit als soziale Konstruktion

Externe Links:

Spektrum: Lexikon der Physik – Raum

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