Sartre und der Kellner: Wenn Authentizität zur Rolle wird
Sartre und der Kellner: Wenn Authentizität zur Rolle wird
Im letzten Text ging es um Sartre und das Nichts — darum, was in der Lücke passiert, die wir mit unseren Handys zuschütten. Diesmal geht es um das Gegenteil. Nicht um die Leere, sondern um jemanden, der zu voll ist. Und zwar von sich selbst.
Es gibt diese eine Szene bei Sartre, die viele kennen. Es geht um einen Kellner in einem Pariser Café, der seine Arbeit ein bisschen zu gut macht. Seine Schritte sind etwas zu lebhaft, seine Verbeugung etwas zu gewissenhaft, die Bestellung nimmt er auf, als hinge sein Leben davon ab. Und dann die Sache mit dem Tablett. Er balanciert es, als würde er eine kleine Aufführung geben. Was er im Grunde auch tut.
Sartre beobachtet das und sieht darin mehr als eine Berufsauffälligkeit. Der Kellner spielt Kellner. Nicht weil er schlecht ist in seinem Job, sondern weil er versucht, restlos in ihm aufzugehen. Er will nichts anderes sein als Kellner. Kein Mensch mit Zweifeln, Plänen, schlechten Nächten. Nur Kellner. Die Rolle soll dicht sein, ohne Widersprüche, ohne Blick dahinter. Und genau das, sagt Sartre, ist Unaufrichtigkeit.
Mauvaise foi. Schlechter Glaube. Ein etwas sperriger Begriff für etwas, das eigentlich ziemlich alltäglich ist. Sich selbst so mit seiner Rolle gleichzusetzen, dass man sich die Frage erspart, ob man auch etwas anderes sein könnte. Der Kellner tut es aus Geschäftssinn — und jeder weiß, ein Kellner, der träumt, ist schlecht fürs Trinkgeld. Aber Sartre meint etwas Grundsätzlicheres. Der Buchhalter, der sagt, er sei eben kein kreativer Typ. Die Mutter, die sagt, sie habe sich eben für die Familie entschieden. Der Angestellte, der sagt, in seinem Alter wechsle man nicht mehr. Alle drei beschreiben sich wie Gegenstände — mit festen Eigenschaften, klaren Grenzen, ohne Spielraum. Und genau das ist Sartres Punkt. Sie machen sich zu etwas, das man beschreiben und abhaken kann. Sartre nennt das An-sich-sein. Ein Stein ist An-sich. Er ist was er eben ist. Ein Stein. Ein Sein, das ist, was es ist. Ein Mensch, der sich zum Stein macht, ist für Sartre unaufrichtig.
Der Kellner auf LinkedIn
Interessant wird es, wenn man diesen Kellner ins Jahr 2026 versetzt. Er arbeitet nicht mehr im Café. Er hat, wie die meisten, die etwas auf sich halten, ein LinkedIn-Profil.
„Passionate about disruption.“ „Purpose-driven leader.“ „Helping brands find their voice.“ Das sind keine Sätze, die ein Mensch sagt. Das sind Sätze, die eine Funktion sagt. Jemand hat sich hingesetzt und die Frage beantwortet: Was bin ich? Und die Antwort ist mehr eine Produktbeschreibung.
Sartres Kellner wäre beeindruckt. Der hat wenigstens noch gewusst, dass er spielt. Die Leute auf LinkedIn wissen es oft gar nicht mehr. Oder schlimmer. Sie halten die Rolle für das Gegenteil von Rolle. Sie nennen es Authentizität.
Das ist der Witz an der Sache. Und es ist kein lustiger.
Sartres Gegengift
Denn Sartres Lösung für die Unaufrichtigkeit war genau das: Authentizität. Hör auf, dich hinter deiner Rolle zu verstecken. Nimm deine Situation an. Wähle dich selbst. Klingt gut, und 1943 war das auch ein radikaler Gedanke. Das Problem ist nur, dass diese Antwort seitdem eine ziemlich steile Karriere gemacht hat.
„Sei authentisch“ steht heute in jedem Branding-Ratgeber. „Find your purpose“ ist keine existenzialistische Zumutung mehr, sondern ein Workshop-Titel. „Werde, wer du bist“ verkauft Coaching-Programme für 3.000 Euro das Wochenende. Sartres Gegengift ist ein Geschäftsmodell geworden. Das passiert Philosophen selten, und wenn, dann ist es meistens kein gutes Zeichen.
Was ist passiert? Die Authentizität hat die Seiten gewechselt. Bei Sartre war sie ein Bruch, der Moment, in dem jemand aufhört zu funktionieren und anfängt, sich zu seiner Situation zu verhalten. Heute ist Authentizität selbst eine Funktion. Eine besonders effektive sogar, weil sie glaubwürdiger wirkt als das offene Rollenspiel. Der Kellner, der zugibt, dass er manchmal keine Lust hat, wirkt sympathischer als der mit dem perfekten Tablett. Also gibt man zu, dass man manchmal keine Lust hat. Aber nur so viel, dass es sympathisch wirkt. Nicht so viel, dass es jemanden beunruhigt.
Die mauvaise foi hat ein Upgrade bekommen. Sie heißt jetzt Personal Brand.
Das Problem hinter dem Problem
Man könnte Sartre vorwerfen, dass er das nicht hat kommen sehen. Aber fairerweise muss man sagen, dass er auch nicht auf LinkedIn geschaut hat. Sein Fehler liegt woanders, und er liegt in der Theorie selbst.
Sartre geht davon aus, dass es hinter der Rolle ein Bewusstsein gibt, das frei ist und sich frei entwerfen kann. Dass die Authentizität im Grunde nur eine Entscheidung braucht — die Entscheidung, aufzuhören mit dem Spiel und sich zu wählen. Aber was, wenn die Rolle tiefer sitzt, als Sartre dachte? Was, wenn das Spiel nicht vor dem Bewusstsein stattfindet, sondern in ihm? Wenn die Sprache, in der wir über uns nachdenken, schon die Sprache der Produktbeschreibung ist?
Dann hilft „Wähle dich selbst“ nicht weiter. Denn womit soll man wählen, wenn selbst das Nachdenken über sich schon in Kategorien stattfindet, die man nicht selbst erfunden hat?
Das ist kein Argument gegen Sartre. Er hat das Problem gesehen, klarer als die meisten. Ein Kellner, der in seiner Rolle verschwindet — das ist 1943, und es stimmt heute noch. Nur seine Lösung ist Teil des Problems geworden. Die Authentizität war als Ausweg gedacht. Inzwischen ist sie das, wovon man ausbrechen müsste.
Die Reise
Sartres Kellner balanciert immer noch sein Tablett. Er tut es jetzt auf Instagram, und er nennt es „meine Reise“. Er dokumentiert seine Entwicklung, teilt seine Einsichten, zeigt auch mal die schwierigen Momente. Das Publikum findet ihn authentisch. Er findet sich selbst authentisch. Alle sind zufrieden.
Sartre wäre es vermutlich nicht. Aber was er stattdessen vorschlagen würde — das ist die Frage, die er uns schuldig geblieben ist.
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