Sartre Freiheit
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Existenzphilosophie,  Philosophie,  Sozialphilosophie

Sartre und die Freiheit: Warum seine beste Idee nicht funktioniert

Lesedauer 4 Minuten

Sartre und die Freiheit: Warum seine beste Idee nicht funktioniert

Sartre hat vieles geschrieben, das sich lohnt. Aber fast alles geht auf eines zurück: die Freiheit. Und wer sie so radikal denkt wie Sartre, landet irgendwann bei einem Satz, den man nicht so leicht wegsteckt: Selbst der Sklave, sagt er, ist frei.

Man muss das kurz sacken lassen. Denn Sartre meint das ernst. Der Sklave ist in seinen Handlungen eingeschränkt, soweit so klar — aber frei darin, wie er sich zu seiner Lage verhält. Er kann sie hinnehmen, ablehnen, dagegen aufbegehren. Ketten bestimmen, was er tun kann. Was er darüber denkt, bestimmen sie nicht.

Das ist gleichzeitig das Beste und das Unerträglichste, was Sartre je geschrieben hat. Das Beste, weil es dem Menschen eine Würde gibt, die ihm keine Situation nehmen kann. Das Unerträglichste, weil es nach dem Satz klingt, den man Menschen sagt, bevor man sie mit ihrem Elend allein lässt. Du bist frei. Du musst nur wollen.

Sartre unterscheidet deshalb zwischen praktischer und ontologischer Freiheit. Praktische Freiheit ist das, was man gemeinhin darunter versteht: tun können, was man will. Ontologische Freiheit meint etwas anderes — die Fähigkeit des Bewusstseins, sich zu einer gegebenen Situation ins Verhältnis zu setzen. Das eine hat der Sklave offensichtlich nicht. Das andere, sagt Sartre, nimmt ihm niemand.

Und Sartre wusste, dass das kein Geschenk ist. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, lautet sein bekanntester Satz, und „verurteilt“ heißt verurteilt. Die Freiheit ist bei ihm keine Befreiung, sie ist eine Last. Wir sind frei, ob wir wollen oder nicht, und genau das ist die Tragik: Es gibt keinen Punkt, an dem wir sagen können, wir hätten nicht gewählt. Auch wer nicht wählt, wählt. Auch wer sich drückt, entscheidet sich fürs Drücken. Das ist keine Einladung. Das ist ein Urteil ohne Berufung.

An dieser Stelle müsste man aber fragen: Was, wenn die Ketten nicht nur an den Händen sitzen?

Die Ketten innen

Denn die Frage ist ja: Woher weiß der Sklave, dass er sich verhalten kann? Sartre sagt: Weil er ein Bewusstsein hat, und Bewusstsein ist Freiheit. Aber das setzt voraus, dass das Bewusstsein irgendwie außerhalb der Verhältnisse steht. Dass es von einem Ort aus auf die Lage schaut, den die Lage selbst nicht erreicht.

Bourdieu hat sein Leben lang das Gegenteil gezeigt. Menschen bleiben in den Verhältnissen, in denen sie sind — und zwar nicht, weil sie zu bequem sind oder ihre Freiheit verleugnen. Die Verhältnisse sitzen in ihnen. Im Körper, in der Sprache, im Geschmack, in dem, was sich richtig anfühlt und was nicht. Bourdieu nennt das den Habitus, und der Habitus ist das genaue Gegenteil einer Rolle. Man legt ihn nicht ab. Man merkt nicht mal, dass man ihn trägt.

Sartres Kellner könnte theoretisch aufhören. Er könnte das Tablett abstellen und sagen: Schluss. Bourdieus Arbeiterkind hat es schwerer. Die Möglichkeit, anders zu leben, kommt in seiner Welt kaum vor — nicht weil sie jemand verboten hat, sondern weil sie im Habitus nicht vorgesehen ist.

Natürlich gibt es Arbeiterkinder, die es geschafft haben. Die Neoliberalen lieben diese Geschichten, weil sie das Narrativ bedienen: Wer will, der kann. Aber schaut man genauer hin, hatten auch die Ausnahmen ihre Bedingungen. Ein Lehrer, der etwas gesehen hat. Ein Kontakt, der eine Tür geöffnet hat. Ein Diskurs, der eine Möglichkeit sichtbar gemacht hat, die vorher unsichtbar war. Die Ausnahme widerlegt Bourdieu nicht — sie bestätigt ihn. Auch der Ausbruch hat Strukturen. Er fällt nicht vom Himmel der freien Wahl.

Die Speisekarte

Foucault geht noch weiter. Macht ist bei ihm nicht der Polizist an der Ecke. Macht geht durch uns hindurch, sie produziert Wissen, Normen, Subjekte. Wir werden nicht unterdrückt. Wir werden hergestellt.

Das Bewusstsein, das sich bei Sartre so souverän über die Situation erhebt, ist bei Foucault selbst ein Produkt. von Diskursen, Institutionen, Machtrelationen. Es hält sich für frei, weil es so gebaut wurde. Keine Verschwörung. Funktionsweise.

Und damit die Frage, die Sartre schuldig bleibt: Woher kommt der Entwurf? Er sagt, wir wählen unseren Lebensentwurf frei. Gut. Aber womit wählen wir? Mit einem Bewusstsein, das in einer bestimmten Sprache denkt, in einer bestimmten Gesellschaft aufgewachsen ist, mit Kategorien arbeitet, die es nicht erfunden hat. Die Wahl ist frei. Die Speisekarte nicht. Und wer nur aus der Karte wählen kann, ist so frei wie ein Gast, der glaubt, er habe das Restaurant selbst ausgesucht.

Kein Ausgang

Judith Butler geht den letzten Schnitt. Was wir für unsere tiefste Identität halten — Geschlecht, zum Beispiel — ist keine Eigenschaft. Es ist eine Performance. Jeden Tag, jede Geste, jeder Satz.

Klingt ein bisschen nach Sartre. Der Kellner performt ja auch. Aber bei Sartre steht hinter dem Kellner immer noch jemand — ein Bewusstsein, das die Rolle durchschaut und sich dagegen entscheiden könnte. Der Kellner weiß, dass er spielt. Genau das macht ihn unaufrichtig.

Bei Butler gibt es diesen Jemand nicht. Kein Bewusstsein hinter der Maske, das die Maske abnehmen könnte. Die Performance geht bis auf den Grund. Was wir für unser tiefstes Selbst halten, ist selbst performativ erzeugt. Das ist kein Pessimismus, es ist die Einsicht, dass die Frage „Wer bin ich wirklich?“ falsch gestellt ist. Es gibt kein „wirklich“ hinter dem Tun.

Veränderung ist trotzdem möglich – als Verschiebung innerhalb der Performance. Kleine Risse, Wiederholungen mit Differenz. Das ist bescheidener als Sartres große Geste der freien Wahl. Und vermutlich ehrlicher.

Schmutzige Freiheit

Trotzdem, und das macht die Sache ja so lästig: Sartre hat etwas gesehen.

Er hat gesehen, dass Menschen sich zu ihrer Situation verhalten. Dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, der seine Lage hinnimmt, und dem, der aufbegehrt — auch wenn beide vom selben Habitus geprägt und von denselben Diskursen durchzogen sind. Diesen Unterschied gibt es. Bourdieu, Foucault und Butler können ihn schlecht erklären. Sartre erklärt ihn falsch. Aber wenigstens sieht er ihn.

Sein Fehler war nicht, die Freiheit zu behaupten. Sein Fehler war, sie für sauber zu halten. Rein und unbeeinflusst vor der Welt. Als käme das Bewusstsein nackt in die Situation und entscheide sich dann. Die Wahrheit ist schmutziger. Wir sind frei, aber nie so frei, wie wir glauben. Und geprägt, aber nie so festgelegt, wie die Strukturen es vorsehen.

Klingt irgendwie nach Kompromiss. Ist es aber nicht. Es ist die unbequemste Position von allen, weil sie einem beide Ausreden nimmt. Die sartrianische: Du bist frei, also handle. Und die strukturalistische: Du bist geprägt, also kannst du nichts dafür. Wer beides gleichzeitig denkt, hat es mit keiner Seite leicht.

Sartre hätte das vermutlich Unaufrichtigkeit genannt. Er hätte damit, zum ersten Mal, recht gehabt.


Externe Links:

Deutschlandfunk: Jean Paul Sartre zum 40. Todestag – Zur Freiheit verurteilt

Stanford Encyclopedia of Philosophy: Sartre


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