Sulutionismus
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Kulturkritik

Solutionismus – Das Problem mit dem Problemlösungsmarkt

Lesedauer 4 Minuten

Heute gibt es scheinbar für alles eine Lösung. Vor allem digitale Problemlöser findet man millionenfach. Die App-Stores sind voll mit allerhand digitalen Helferlein, die allesamt – natürlich, Probleme lösen.

Dabei gibt es Apps wie bspw. „Canhegat“ mit welcher der besorgte Tierfreund den Kalorienverbrauch seines geliebten Vierbeiners überwachen kann. Interessant wird dies vor allem im Zusammenhang mit Lösungen wie dem „Human-Cat-Translator“, mit dessen Hilfe man sich dann abends gemütlich mit Simba auf dem Sofa über dessen Ernährungsgewohnheiten unterhalten kann.

Aber natürlich gibt es auch richtig tolle Problemlösungs-Apps wie etwa jene zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung, To-Do-Listen, die Blitzer-App, um nach dem Feierabend schneller zum Abendbrot zu kommen, den DB-Navigator um zu sehen wieviel Verspätung mein Anschlusszug hat oder eine Pflanzenerkennungs-App, die mir endlich sagen kann, dass vorne neben dem Rosenbeet eine Euphorbia helioscopia wächst. Aber auch Gesundheits-Apps wie etwa der Kalorienzähler, dank dem ich mich jetzt intensiv mit den einzelnen Bestandteilen meines Mittagessens auseinandersetzen kann oder einer Kamasutra-App… nunja.

Ich muss nun leider gestehen, dass ich auch ein Problem habe – und zwar mit dem Problemlösungsmarkt.

Dieser scheint mir nämlich nicht gerade ausgewogen zu sein, denn das Problemlösungsangebot ist scheinbar deutlich größer als die Nachfrage. Das Problem dabei ist nämlich, dass ich das Problem, bevor ich auf die angebotene Lösung gestoßen bin, gar nicht hatte, oder schlimmstenfalls noch nicht einmal kannte. Ich werde also permanent mit Problemlösungen konfrontiert für Probleme, an die ich nicht einmal gedacht habe. Wenn man aber die Lösung vor dem Problem kennenlernt, lässt sich das Problem leider nicht mehr aus der Welt schaffen. Und wenn es schonmal da ist, dann muss es auch gelöst werden.

Alle diese Apps haben also den Anspruch, unser Leben zu erleichtern und uns von Problemen zu befreien. Glaubt man einer Agentur, die ich im Netz gefunden habe, soll eine App-Idee entweder eine Alltags-Erleichterung sein, kurzweiliges Entertainment bieten, Zeit verschaffen, die Effizienz steigern oder eine Verhaltensänderung unterstützen. Dazu stellt man sich eine Gruppe Hippe junge Menschen im Silicon Valley vor, die beim Brainstorming in einem Raum mit bunten Möbeln um ein Flip-Chart sitzen, um Probleme zu finden für die sie eine Lösung mit guter User Experience entwickeln können. Gut vielleicht ist dieses Bild etwas zu überzogen und stereotyp, aber irgendjemand entwickelt doch diese ganzen Lösungen damit wir unser Leben besser, effizienter, zeitsparender oder gesünder bewältigen können. Es gilt die Devise, für jedes Problem gibt es auch eine Lösung. Und das Leben besteht nun mal aus Problemen. Jedenfalls könnte man das meinen.

Sogenannte „Ismen“ gibt es ja bereits fast so viele, wie Problemlösungs-Apps auf dem Markt. Da kommt es auf einen mehr auch nicht mehr an. Denn was hier beschrieben wird, wird als Solutionismus (Morozov: 2013) bezeichnet. Gemeint ist damit ein ideologisches Konzept, dessen Grundhaltung darauf basiert, dass die Welt aus Problemen besteht, die allesamt technologie- und vor allem datengestützt gelöst werden können. Sein Slogan könnte sein, „Sie haben das Problem noch nicht erkannt, wir haben aber schon eine einfache Lösung“. Im Solutionismus geht es aber vor allem um eins: Vereinfachung. Ein Problem, oder ein vermeintliches Problem wird identifiziert und nach einer Lösung dafür gesucht. Die Lösung ist dabei technologisch-digital, datenbasiert aber vor allem einfach – sogenannte „Quick Fixes“. Einfach ist sie vor allem deshalb, weil sie die komplexen Fragen hinter dem Problem schlichtweg ausblendet. Nehmen wir zum Beispiel Fitness-Apps, die einem helfen, „schnell und einfach“ abzunehmen. Diese Apps bieten oft einfache Lösungen wie Kalorienzählprogramme oder vorgefertigte Trainingspläne. Sie befassen sich jedoch selten bis gar nicht mit den tiefergehenden Ursachen für Übergewicht, seien sie psychologisch, sozioökonomisch oder aufgrund von Gesundheitszuständen. Hier wird das Problem der Fettleibigkeit auf die einfache Gleichung „Kalorien rein, Kalorien raus“ reduziert, ohne andere Faktoren wie Stress, Ernährungsungleichheit oder medizinische Zustände zu berücksichtigen. Das Ergebnis solcher vermeintlich einfachen Lösungen ist schlichtweg jenes, dass Nutzer solcher Apps eine unvollständige und irreführende Vorstellung davon bekommen, was es wirklich braucht, um gesund zu sein. Sie bieten eine „Lösung“, die das eigentliche „Problem“ gar nicht vollständig erfasst, geschweige denn gelöst hat. Noch nicht überzeugt. OK.

In einer Welt, die von Effizienz besessen ist, sind wir ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, mehr in weniger Zeit zu erledigen. Nehmen wir die schier endlose Anzahl von E-Mail-Management-Apps als Beispiel. Sie versprechen, unsere Posteingänge automatisch zu sortieren, Junk zu eliminieren und uns letztendlich eine klare Übersicht zu präsentieren. Ein Traum für alle, die sich nach einem aufgeräumten digitalen Leben sehnen.

Auch hier entfällt die Frage, warum erhalten wir überhaupt soviele Emails? Ist es vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir uns in zu vielen Projekten, Netzwerken oder Abonnements verstrickt haben? Anstatt die Gründe für den überquellenden Posteingang zu untersuchen, greifen wir rasch zur nächsten App, die uns verspricht, das Chaos zu bewältigen. Es ist so, als würden wir versuchen, ein überlaufendes Becken zu kontrollieren, indem wir immer größere Eimer hinzufügen, anstatt einfach den Hahn zuzudrehen. Dieser rasche Griff nach technologischen „Heilmitteln“ lenkt uns von den tieferen Fragen hinter dem Problem ab, die unser Leben und unsere Arbeitsgewohnheiten prägen. Genau das ist die Falle des Solutionismus: Wir werden verführt von der Idee, dass es für jedes Problem – ob real oder eingebildet – eine schnelle, technologische Lösung gibt und übersehen die Komplexität hinter dem Problem. Es wird schlicht und einfach isoliert betrachtet. Dabei wäre vielleicht auch noch die Frage zu klären, ob eine derartige Fülle an Problemlösungen, nicht selbst ein wesentlicher Teil des Problems ist.

Am Ende des Tages führt uns der Solutionismus in eine Sackgasse. Er entmenschlicht uns und verengt unseren Blick auf das Leben zu einer Reihe von Problemen und Herausforderungen, die es lediglich zu „lösen“ gilt, als wären wir nichts weiter als Algorithmen. Aber wir sind nunmal mehr als das. Unsere Existenz ist ein kompliziertes Gewebe aus Emotionen, Beziehungen, Erfahrungen und unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Konstitutionen, die sich nicht so leicht in Nullen und Einsen übersetzen lassen. Die Frage ist auch nicht nur, welche Probleme die Technologie für uns lösen kann, sondern auch, was diese technologiezentrierte Weltanschauung mit uns macht. Lässt sie uns vergessen, dass das Leben mehr als eine Serie von Herausforderungen ist, die eine digitale Lösung bedürfen?

„Das Leben ist komplex, chaotisch und wunderschön in all seiner Unordnung. Unsere Überzeugung, dass jedes Problem durch eine App gelöst werden kann, mag uns verlockend erscheinen, doch manchmal liegt das eigentliche Problem nicht im Äußeren, sondern in unserer eigenen Haltung und Betrachtungsweise. Diese Erkenntnis entzieht sich jener Einfachheit digitaler Lösungen.

Literatur:

Morozov, Evgeny (2013): To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. New York: Public Affairs.

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Externe Links:

Deutschlandfunk: Philosophie des Silicon Valley – Der Geist des digitalen Kapitalismus

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