Superhelden
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Existenzphilosophie,  Metaphysik

Mythen der Moderne: Mit Superhelden gegen den Nihilismus

Lesedauer 7 Minuten

Sie haben der Bedeutungslosigkeit des Daseins den Kampf angesagt – nicht mit philosophischen Abhandlungen oder metaphysischen Debatten, sondern mit einem umfangreichen Arsenal aus Superkräften, hautengen Kostümen und aller Eigentümlichkeiten zum Trotz, einem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit. In einer Welt, die Nietzsche einst als gottlos und ziellos beschrieb, erheben sich Superhelden wie Götter in einer gottlosen Welt. Als bunte Antagonisten symbolisieren sie den Widerstand gegen den Nihilismus, die in einer Ära der Unsicherheit und moralischen Mehrdeutigkeit eine klare Linie zwischen Gut und Böse ziehen.

Diese moralische Mehrdeutigkeit, die wir heute erleben, steht mindestens teilweise in Zusammenhang mit Nietzsches Verkündung des „Tod Gottes“. Mit dem Schwinden traditioneller religiöser und moralischer Autoritäten werden die einst festen Normen und Werte zunehmend hinterfragt. Zugleich führt die Globalisierung und die wachsende Vielfalt von Perspektiven und Lebensweisen zu einem pluralen Spektrum an Überzeugungen in dem verschiedene moralische und ethische Ansichten aufeinandertreffen.

In diesem Durcheinander sind Superhelden wie Leuchttürme. Sie sind nicht nur coole Charaktere in schicken Kostümen, sondern auch Symbole moralischer Klarheit und Orientierung. Sie zeigen uns, dass trotz aller Verwirrung und Vielfalt, der Kampf um das Richtige noch lange nicht verloren ist.

Eine komplizierte gottlose Welt und die Suche nach Einfachheit, Sinn und neuen Idealen

Ja, die Welt ist kompliziert, viel zu kompliziert und es geht nichts über einfache Weltbilder. Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum Superhelden beliebter sind, denn je. Schon als einfache Comics, erfunden in den unruhigen Zeiten der 1930er-Jahre waren sie erfolgreich. Das Schema ist so bekannt wie einfach. Gut gegen böse, Gerechtigkeit gegen Ungerechtigkeit. Als Hollywood das narrative Potential dieser Geschichten erkannte, wurden sie zu mehr als nur bunten Seiten in einem Heftchen – sie wurden zu Ikonen einer Kultur, die nach Helden dürstet.

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Diese moderne Sehnsucht nach Superhelden kommt uns jedenfalls bekannt vor, denn sie findet sich bereits in den Mythen der Antike. Betrachtet man die lange Geschichte der Heldenerzählungen, stellt man fest, dass die Faszination für übermenschliche Charaktere weit in die Vergangenheit reicht. Die griechischen Mythen mit ihren heldenhaften Figuren wie Herakles oder Perseus, zeigen bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu unseren heutigen Superhelden. Diese historische Perspektive zeigt, dass der Wunsch nach heroischen Vorbildern eine universelle menschliche Konstante zu sein scheint.

Die Überlegungen des französischen Soziologen Emilé Durkheim zu Religion und Mythologie bieten interessante Einblicke für unser Verständnis von Superhelden. Durkheim betont, dass Mythen die Realität nicht nur darstellen, sondern auch idealisieren und umgestalten (Durkheim 2007, S. 617) – ein Muster, das sich auch in den „Universen“ von „Marvel“ und „DC“ zeigt. Diese Superhelden, ähnlich den Figuren antiker Mythen, sind idealisierte Menschheitsversionen, ausgestattet mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und einem ausgeprägten moralischen Bewusstsein. Sie repräsentieren somit mehr als nur übermenschliche Retter; sie sind Symbole für neue Ideale in einer Welt, die, wie Nietzsche es ausdrückte, ihren moralischen Kompass verloren hat.

Durkheims Beobachtung, dass die alten Götter gestorben, neue aber noch nicht geboren sind (Durkheim 2007, S. 626), spiegelt Nietzsches „Tod Gottes“ wider und die daraus resultierende Suche nach neuen moralischen und spirituellen Orientierungen. Superhelden wie Batman, Captain America, Spiderman und Co., könnten in diesem Sinne als moderne Mythen betrachtet werden, die in einer Zeit des moralischen Wandels neue Wege der Sinnfindung und moralischen Orientierung aufzeigen.

Die Ergebnisse der Studie „The Mythos of the Modern Superheroes“ von der „International Society for the Science of Existential Psychology“ spiegelt diese Ansicht wider. Die Forscher argumentieren, dass das wachsende Interesse an Superhelden möglicherweise mit einem Rückgang der Religiosität und einer Zunahme von existenziellen Ängsten zusammenhängt. Menschen, die religiös aufgewachsen sind, aber ihre Glaubensüberzeugungen hinterfragen, zeigen ein gesteigertes Interesse an der Superheldenkultur, insbesondere nach Konfrontation mit dem eigenen Tod. Die Studie legt nahe, dass Superhelden für einige Menschen eine Art Ersatzreligion bieten könnten, die ein Gefühl existenzieller Sicherheit und Orientierung in einer immer weniger religiösen Welt erzeugt.

Superhelden – Moralische Vorbilder?

Vielleicht kennen Sie Spidermans Motto, das auch als Peter-Parker-Prinzip bekannt ist: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“. Auch wenn der Ursprung dieses Prinzips bis in die Französische Revolution zurückreicht, wurde es ohne Zweifel, vor allem von Spiderman-Erfinder Stan Lee populär gemacht. Und ja, es soll die Bedeutung von Integrität und Selbstlosigkeit unterstreichen.

Captain America, der ursprünglich, ganz amerikanisch, ein Symbol patriotischer Ideale während des Zweiten Weltkriegs darstellt, verkörpert oft unerschütterliche moralische Werte und Integrität. Seine Figur steht für das Ideal des selbstlosen Helden, der sich für Gerechtigkeit und das Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Seine Konflikte, besonders in Filmen wie „The Winter Soldier“, wo er sich gegen korrupte Elemente innerhalb des Systems stellt, dem er bisher vertraute, machen ihn zu einem Charakter, der die Spannung zwischen idealisierten Werten und der realen Welt widerspiegelt.

In Gotham City, eine Stadt, so düster, dass man sich fragt, ob die Sonne dort überhaupt aufgeht, verkörpert Batman als Bruce Wayne einen komplexen Charakter. Batman ist der vielleicht umstrittenste Superheld, was mitunter auch an seiner schwierigen Kindheit liegen dürfte. Als Kind musste er die Ermordung seiner Eltern mit ansehen und befindet sich seither auf Rachefeldzug in einer düsteren und korrupten Welt. Trotz seiner menschlichen Schwächen und ohne übernatürliche Kräfte nutzt Batman seine Intelligenz, seinen Reichtum und seine Fähigkeiten, um Gerechtigkeit zu suchen. Seine oft umstrittenen Methoden, die sich außerhalb des Gesetzes bewegen, machen ihn zu einer Figur, die zwischen Rächer und Held balanciert und die moralische Frage aufwirft, wie weit man gehen darf, um das Richtige zu tun.

Nun, interessant ist in diesem Zusammenhang die Studie „Superheroes and Ethical Philosophy“. Die Untersuchung der ethischen Dimensionen von Superheldencharakteren in dieser Studie offenbart, dass Superhelden durchaus komplexe moralische Fragen aufwerfen. So veranschaulichen Batman, Captain America, Spiderman und Co. nicht nur verschiedene moralische Werte, sondern zeigen auch die Schwierigkeiten, diese in einer mehrdeutigen Welt umzusetzen. Diese Superhelden stellen traditionelle Konzepte von Richtig und Falsch in Frage und regen uns dazu an, unsere eigenen moralischen Überzeugungen zu hinterfragen ( Gavaler 2023).

Vielleicht erinnern Sie sich. In „Captain America: The Winter Soldier“ sieht sich etwa Captain America einem schwerwiegenden ethischen Dilemma gegenüber: Ein von Terroristen entführtes Flugzeug droht, in ein volles Stadion zu stürzen. Soll er das Flugzeug abschießen und die Passagiere opfern, um Tausende im Stadion zu retten, oder soll er nichts unternehmen und hoffen, dass sich eine andere Lösung ergibt, auch wenn das bedeutet, das Risiko eines größeren Unglücks in Kauf zu nehmen? Dieses Szenario veranschaulicht die Komplexität realer moralischer Dilemmata, bei denen die Unterscheidung zwischen richtig und falsch keineswegs eindeutig ist. Aus der Perspektive von Kants Pflichtenethik wäre das Opfern der Passagiere moralisch falsch, da es ihre Würde verletzt. Der Utilitarismus hingegen könnte das Abschießen des Flugzeugs rechtfertigen, um das größere Übel zu verhindern. Diese ethische Spannung illustriert, wie Superheldenfilme uns dazu anregen, über komplexe moralische Entscheidungen und unsere eigenen ethischen Grundsätze nachzudenken.

In einer Welt, die nach Klarheit und ethischer Orientierung sucht, bieten Superheldengeschichten einen Raum, in dem die moralische Mehrdeutigkeit unserer Gesellschaft reflektiert wird. So wird deutlich, dass die idealisierten Darstellungen in Superheldenfilmen und -comics mehr als nur Unterhaltung sind; sie sind vielmehr eine Auseinandersetzung mit den ethischen und existentiellen Herausforderungen unserer Zeit.

Ein solches Beispiel aktueller und zeitgenössischer Themen liefert die Marvel-Serie „Invasion“. Hier wird eine galaktische Flüchtlingskrise immensen Ausmaßes inszeniert, die auf eindrückliche Weise die Herausforderungen und Konflikte unserer heutigen Welt spiegelt. Die „Skrulls“, ein außerirdisches Volk von Reptilhumanoiden und einst mächtige Wesen und Gestaltwandler, wurden von noch mächtigeren Wesen, den Kree, von ihrem Heimatplaneten vertrieben und sind von nun an verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Heimat. Sie versuchen sich zunächst mit Hilfe von Agent Nick Fury auf der Erde niederzulassen, was zu Spannungen und Misstrauen zwischen ihnen und den Menschen führt. Ihre Fähigkeit, ihr Aussehen zu ändern, führt zu Angst und Paranoia, da sich niemand sicher sein kann, wer tatsächlich ein Skrull ist. Dieser Konflikt eskaliert, als einige Menschen beginnen, die Skrulls als Bedrohung zu sehen und gegen ihre Anwesenheit Widerstand leisten, während andere für ihre Rechte und Integration eintreten. Diese Situation spiegelt die realen Ängste und Vorurteile wider, die oft mit Flüchtlingen und Migranten in unserer Gesellschaft verbunden sind.

Indem die Serie nun aber das Schicksal der Skrulls in den Mittelpunkt stellt, fordert sie uns auf, unsere Perspektive zu erweitern und die universellen Themen von Verlust, Hoffnung und der Suche nach Zuflucht aus einem anderen, vielleicht einem neuen Blickwinkel zu betrachten. „Invasion“ ist mehr als eine bloße Science-Fiction-Heldengeschichte; sie ist ein Spiegel, der die drängenden gesellschaftlichen und moralischen Fragen unserer Zeit reflektiert und uns dazu anregt, über die Bedeutung von Empathie, Menschlichkeit, Identität und Zugehörigkeit nachzudenken.

Und dennoch:  Die heldenhaften Taten und oftmals schwarz-weißen moralischen Entscheidungen dieser übermenschlichen Figuren spiegeln nicht immer die komplexen und vielschichtigen Realitäten unseres Alltags wider. Sie regen sicherlich zum Nachdenken an und können als metaphorische Darstellungen moralischer Prinzipien dienen, doch ihre Distanz zur menschlichen Erfahrung begrenzt ihre Fähigkeit, als direkte Vorbilder für moralisches Verhalten zu fungieren.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass Superhelden mehr sind, als nur fiktive Figuren in der Welt der Unterhaltung. Als Kulturphänomene verkörpern sie den menschlichen Wunsch nach Klarheit und moralischer Orientierung in einer zunehmend ungewissen Welt. Während sie uns mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen und klaren moralischen Dichotomien versorgen, offenbart sich doch eine tiefere Ebene.

Sie spiegeln die menschliche Sehnsucht nach Sinn und Zweck wider, die in einer postmodernen, von Nihilismus geprägten Gesellschaft besonders hervorsticht. Doch so sehr sie auch als moderne Mythen und Symbole dienen, die uns helfen, den Verlust traditioneller moralischer Strukturen zu kompensieren, stoßen sie wie andere postmoderne Sinnsgebilde an ihre Grenzen. Sie bieten durchaus eine Form der Transzendenz, doch können sie das tiefe existenzielle Vakuum, das Nietzsche beschrieb, nicht vollständig füllen. In dieser Hinsicht erinnern uns Superheldengeschichten daran, dass unsere Suche nach Sinn und moralischer Richtung eine ständige und persönliche Reise ist, die über die einfache Dichotomie von Gut und Böse hinausgeht.

Auch wenn sie ihnen ähneln, im Vergleich zu den alten griechischen Mythen, die menschliche Wahrheiten in zeitlosen und universellen Erzählungen einfingen, stehen Superhelden trotz ihrer Faszination und ihres symbolischen Wertes hinter dem Erbe ihrer Urahnen zurück. Sie erreichen trotz voller Kinosäle nicht die epische Größe und Bedeutsamkeit dieser antiken Legenden, die fest in der Alltagskultur und im geistigen Leben der Menschen verwurzelt waren – Göttergestalten wie Zeus, Herakles oder Perseus waren nicht nur Teil der Mythologie, sondern auch des täglichen Lebens und der moralischen Orientierung.

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Die Superhelden unserer Zeit halten uns den Spiegel vor und sie reflektieren die Facetten unserer heutigen Gesellschaft, doch in ihrer Fähigkeit, die tiefsten Rätsel unserer Existenz zu ergründen, stehen sie Marvels Multiversum zum Trotz, weiterhin im Schatten der großen Erzählungen der Antike.


Literaturverzeichnis:

Durkheim, É. (2007). Die elementaren Formen des religiösen Lebens.

Gavaler, C. (2023). Superheroes and Ethical Philosophy. In: Encyclopedia of Heroism Studies. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-031-17125-3_138-1

Scott, A., & Schimel, J. (Jahr der Veröffentlichung). The mythos of modern superheroes. International Society for the Science of Existential Psychology. URL: https://www.issep.org/article/modern-superheroes


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