Thanos
Aisyaqilumar, stock.adobe
Marvel philosophisch,  Philosophie

Thanos – Nihilist, Utilitarist oder radikaler Ökoaktivist? Marvel philosophisch

Getting your Trinity Audio player ready...
Lesedauer 4 Minuten

Marvel philosophisch: Thanos – Nihilist, Utilitarist oder radikaler Ökoaktivist?

Thanos hatte es nicht leicht. Eine genetische Mutation machte ihn bereits als Kind zum klassischen Außenseiter. So entwickelte sich Thanos zum Bösewicht unter den Bösewichten. Nachdem sein einst mächtiges Volk der „Titanen“ aufgrund mangelnder Ressourcen ausstarb, blieb er als einziger zurück. Daraufhin fühlte er sich dazu berufen, das Universum vor demselben Schicksal zu bewahren.

Als ehrgeiziger Retter widmete er sich von nun an leidenschaftlich der Bevölkerungskontrolle auf intergalaktischer Ebene. Mit einem etwas rigiden Ansatz im Thema Ressourcenmanagement, versucht er das Universum vor der Überbevölkerung und einer daraus resultierenden Ressourcenknappheit zu retten. Zudem ist er ein Familienmensch mit komplizierten Beziehungen, der sich offenbar schwer damit tut, von seinen Adoptivkindern Anerkennung zu bekommen.

Der Plan

Thanos Plan war es, alle sechs Infinity-Steine zu sammeln, die ihm zu unermesslicher Macht verhelfen sollten. Sein Ziel ist die periodische Auslöschung der Hälfte des Lebens im Universum – ein Plan, den er in früheren Zeiten bereits erfolgreich umgesetzt hatte. 

Dabei opferte er sogar seine geliebte Adoptivtochter Gamora, um den Seelenstein zu erhalten. Ein Akt, der aus einer düstersten griechischen Tragödie hätte stammen können oder aber an den frommen Abraham erinnert, der bereit war seinen eigenen Sohn zu opfern. Jedenfalls mutierte von nun an die ohnehin schon angespannte Familiensituation zu einem waschechten kosmischen Familiendrama.

Zur Sache

Marveltypisch werden auch hier komplexe gesellschaftliche Probleme bildgewaltig in einer simplen Schwarz-Weiß-Rahmung präsentiert. Doch werfen wir einen genaueren Blick auf Thanos‘ philosophische Ausrichtung.

Thanos – ein Nihilist?

Der Nihilismus, wie ihn Friedrich Nietzsche formulierte, besagt, dass das Leben, im Grunde das ganze Universum keine inhärente Bedeutung hat. Thanos scheint auf den ersten Blick ein klassischer Nihilist zu sein: Er löscht Leben aus, ohne zu zögern, als ob es keinen höheren Wert hätte. Doch dieser Eindruck täuscht. Thanos‘ Handlungen sind nicht aus einer Bedeutungslosigkeit geboren, sondern aus Überzeugung und einem verzweifelten Versuch, ein als sinnvoll erachtetes Ziel zu erreichen. Dies zeigt vor allem seine Aussage gegenüber Gamora im „Soul Stone Realm“ als er ihr sagte: „Ich habe einmal mein Schicksal ignoriert, das kann ich nicht noch einmal tun. Nicht einmal für dich.“ Offenbar ist Thanos im Bewusstsein, einer (seiner) Bestimmung folgen zu müssen, was darauf hindeutet, dass er eben kein Nihilist ist.     

Thanos – ein Utilitarist?

Der Utilitarismus, verkörpert durch Philosophen wie Jeremy Bentham und John Stuart Mill, strebt danach, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl zu schaffen. Thanos‘ radikale Methode der Halbierung könnte auf den ersten Blick utilitaristisch erscheinen: Durch die Reduktion der Bevölkerung möchte er langfristig mehr Leid verhindern und mehr Wohlstand für die Überlebenden sichern. In „Avengers: Infinity War“ erklärt Thanos diese Vision gegenüber Doctor Strange auf Titan. Er sagt: „Die schwierigsten Entscheidungen erfordern den stärksten Willen.“ Thanos beschreibt dann, wie er sein eigenes Volk vor der Überbevölkerung retten wollte und dass sein Plan, die Hälfte der Bevölkerung auszulöschen, auf ein langfristiges Wohlstandsziel ausgerichtet war.

Allerdings wird hier wird der klassische utilitaristische Ansatz pervertiert – das Mittel – eine genozidale Auslöschung kosmischen Ausmaßes – widerspricht eher dem Ziel des maximalen Glücks.

Thanos – Radikaler Ökoaktivist?

Vielleicht ist Thanos am ehesten als radikaler Ökoaktivist zu verstehen. In „Avengers: Endgame“ lebt Thanos nach der erfolgreichen Auslöschung der Hälfte des Universums auf einer abgelegenen Farm und genießt einen Moment der Ruhe, während er über die neue Balance im Universum spricht. Diese Szene verdeutlicht Thanos’ Vision einer neuen ökologischen Balance und symbolisiert seine Überzeugung, dass drastische Maßnahmen notwendig waren, um das Universum zu retten.

Diese Einstellung spiegelt eine radikale Form des Umweltaktivismus wider, die davon überzeugt ist, dass extreme Probleme extreme Lösungen erfordern. Radikale Umweltaktivisten sind dafür bekannt, drastische Maßnahmen zu fordern, auch wenn diese, hohe ökonomische und soziale Kosten verursachen, um die Natur zu schützen. Thanos sieht sich als Wächter einer kosmischen Balance, die, ohne sein Eingreifen aus der Bahn zu geraten scheint. Seine Sorge um die Ressourcenknappheit und das Überleben des Universums reflektiert aktuelle ökologische Ängste und Debatten über Überbevölkerung und nachhaltige Entwicklung.

Das zentrale Problem bei Thanos‘ Ansatz liegt in seiner Selbstermächtigung: Er nimmt sich das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, ohne jegliche Legitimation oder ethische Rücksichtnahme. Allerdings wählt er nicht aktiv aus, wer leben darf und wer sterben muss. Thanos‘ Plan zur Halbierung des Lebens im Universum erfolgt nach dem Zufallsprinzip, was seiner Meinung nach die einzige gerechte Methode ist. Diese Gleichgültigkeit gegenüber individuellen Schicksalen soll die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit seines Handelns unterstreichen.

Fazit

Thanos ist ein ebenso interessanter wie umstrittener Charakter, weil er Elemente aller drei philosophischen Strömungen in sich vereint. Er ist kein einfacher Nihilist, da er ein klares, ja sogar ein höheres Ziel verfolgt. Sein utilitaristisches Denken ist durch radikale Mittel verzerrt. Und als radikalster Ökoaktivist ist er extrem konsequent. In der dichotomen schwarz-weiß gezeichneten Welt von Marvel bleibt Thanos eine Figur voller Grautöne – ein Antagonist, dessen Handlungen uns an die Grenzen der Philosophie führen und uns zwingen, über die moralischen Implikationen von Macht und Verantwortung nachzudenken. Was würde so mancher ebenso radikaler Ökoaktivist tun, wenn er die Macht von Thanos besäße?

Obwohl Thanos’ Methoden für die meisten inakzeptabel sind, spiegeln seine Handlungen aktuelle ethische Dilemmata wider, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist. Die Sorge um die endlichen Ressourcen ist eine ebenso reale wie drängende Frage. Der ökologische Fußabdruck der Menschheit und die Forderungen nach einer nachhaltigen Menschheitsentwicklung stehen im Zentrum vieler politischer Debatten. Thanos’ extreme Maßnahme zwingt uns, über die ethischen Grenzen der Bevölkerungs- und Ressourcenpolitik nachzudenken. Wie können wir eine Balance finden, ohne in autoritäre Maßnahmen zu verfallen?

Die Klimakrise hat eine neue Generation von Aktivisten hervorgebracht, die teils drastische Maßnahmen fordern, um das Schlimmste zu verhindern. Während die meisten Vorschläge weit entfernt von Thanos’ Extremen sind, zeigt sein Charakter die Gefahr auf, wenn die Grenze zwischen radikalem Aktivismus und ethisch vertretbaren Maßnahmen überschritten wird. Welche Maßnahmen sind legitim, um die Umwelt zu schützen, und wo überschreiten wir eine ethische Grenze?

Thanos ist (jedenfalls für die meisten) sicher kein Vorbild als vielmehr eine Mahnung – eine Warnung davor, dass gute Absichten ohne ethische Rücksichtnahme in Tyrannei und Zerstörung enden. Die Reflexion über Thanos Charakter fordert uns auf, über die ethischen Grundlagen unserer eigenen Handlungen nachzudenken. Es ist entscheidend, dass wir bei der Lösung globaler (Klima-)Probleme nicht nur auf Effizienz, sondern auch auf Menschlichkeit und Gerechtigkeit achten. Denn nur so gelingt es, eine nachhaltige und ethisch vertretbare Zukunft gestalten.



Externe Links:

Marvel-Filme Fandom

Schurken.Fandom

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner