Tierwohlcent
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Ethik und Moralphilosophie

Tierwohlcent: Das Problem mit dem rationalen Menschenbild

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Lesedauer 3 Minuten

Das Problem mit dem rationalen Menschenbild: Führen Tierwohlcent oder Mehrwertsteuererhöhung zu einer Lenkungsfunktion zur Reduzierung des Fleischkonsums

Eine klare Antwort auf die Frage, ob der Tierwohlcent oder die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleischprodukte die Haltungsbedingungen verbessern oder politisch eine Lenkungsfunktion zur Reduzierung des Fleischkonsums erfüllen soll, bleibt der Landwirtschaftsminister Cem Özdemir bisher schuldig.

Gerade letzteres wäre jedoch ein bekanntes politisches Manöver, das bereits in der Vergangenheit nie funktioniert hat. Das Problem ist nämlich, dass dieser Annahme ein falsches Menschenbild zu Grunde liegt – und zwar jenes eines rational entscheidenden Menschen. Diese Annahme erinnert stark an den „homo oeconomicus“, dessen Konzept ebenfalls auf ähnliche Weise gescheitert ist.

Der „homo oeconomicus“ ist eine theoretische Figur in der Wirtschaftswissenschaft, die davon ausgeht, dass Menschen rational und eigeninteressiert handeln, um ihren Nutzen zu maximieren. Das Modell wurde oft kritisiert, weil es die Komplexität menschlicher Entscheidungen und die Vielzahl von Faktoren, die unser Verhalten beeinflussen, nicht adäquat widerspiegelt. Ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung, dass höhere Preise für Fleischprodukte durch Steuern oder Abgaben automatisch zu einem verringerten Konsum führen würden.

Der Einfluss des Preises auf das Konsumverhalten

Ökonomische Theorien legen zwar nahe, dass Preiserhöhungen wie durch den Tierwohlcent beabsichtigt, zu einer Verringerung des Konsums führen, doch die Realität ist weitaus komplexer. Konsumenten treffen ihre Entscheidungen nicht nur aufgrund von Preisen. Soziale Normen, kulturelle Gewohnheiten, emotionale Bindungen und ethische Überzeugungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Wahl der Lebensmittel und damit auch beim Essverhalten. Fleisch ist tief in vielen Kulturen verankert, symbolisiert oft Wohlstand und Genuss und schmeckt einfach einer Mehrheit von Menschen zu gut. Selbst signifikante Preiserhöhungen könnten daher nur begrenzte Auswirkungen auf den Fleischkonsum haben.

Psychologische Faktoren und Gewohnheiten

Menschen sind Gewohnheitstiere. Verhaltensänderungen benötigen mehr als nur wirtschaftliche Anreize; sie erfordern Zeit, Informationen, Einsicht und zusätzlich oft auch emotionale Unterstützung. Ein Schlüsselelement dabei ist das Verständnis, dass Emotionen eine tiefgreifende Rolle in der Entscheidungsfindung spielen, oft sogar stärker als rationale Überlegungen. Emotionen beeinflussen, wie wir Ziele bewerten und Entscheidungen treffen, was essentiell für die Gestaltung effektiver politischer Maßnahmen ist (Psychology Today: 2023, Psychology Today)​. Die Einführung des Tierwohlcent oder die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleisch könnten zwar kurzfristig zu einem Anstieg der Preise führen, aber ohne flankierende Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung und Förderung alternativer Ernährungsweisen werden die Effekte wahrscheinlich gering bleiben. Wissenschaftliche Belege, wie ernährungsphysiologische Studien oder Untersuchungen zum Erleben und Bewusstsein von Tieren, könnten ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Kampagnen zur Förderung des Tierwohls und zur Aufklärung über die ökologischen und gesundheitlichen Vorteile einer fleischreduzierten Ernährung könnten diese Maßnahmen wirksam unterstützen, indem sie sowohl emotionale als auch informative Strategien nutzen, um Verbraucherentscheidungen positiv zu beeinflussen (Frontiers: 2023, Frontiers)​.

Erfolgsbeispiele und deren Bedingungen für einen erfolgreichen Tierwohlcent

In Dänemark und Schweden wurden verschiedene steuerliche Maßnahmen und politische Strategien implementiert, um den Konsum von Fleisch zu reduzieren und den Konsum von Bio-Lebensmitteln zu fördern. Diese Länder haben gewisse Erfolge erzielt, aber diese Erfolge basieren meist auf einem Bündel von Maßnahmen, die über reine Preisänderungen hinausgehen. Beispielsweise umfasst die dänische Politik zur Förderung des Bio-Konsums eine breite Palette von Instrumenten, die sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite betreffen. Diese Maßnahmen umfassen Subventionen für Bio-Landwirte, umfassende Aufklärungskampagnen und die Förderung von Bio-Produkten in öffentlichen Einrichtungen

In Schweden haben Supermärkte wie Coop Kampagnen gestartet, um das Bewusstsein der Verbraucher für die Umweltauswirkungen des Fleischkonsums zu schärfen und pflanzliche Alternativen zu fördern. Diese Kampagnen sind Teil einer breiteren Strategie zur Förderung nachhaltiger Konsummuster(Financial Times: 2024 , University of Copenhagen)​.

Diese Beispiele zeigen, dass eine reine Erhöhung der Preise, ganz gleich ob durch den Tierwohlcent oder durch Steuern oder Abgaben wahrscheinlich nicht ausreicht, um signifikante Verhaltensänderungen zu bewirken. Vielmehr sind umfassende Maßnahmen erforderlich, die Informationskampagnen, kulturellen Wandel und politische Unterstützung beinhalten. Ein Ansatz, der allein auf dem rationalen Menschenbild basiert, vernachlässigt die Komplexität menschlicher Entscheidungen und die Vielzahl der Einflussfaktoren, die das Konsumverhalten bestimmen.

Insgesamt bestätigen diese Erkenntnisse, dass eine erfolgreiche Lenkungsfunktion zur Reduzierung des Fleischkonsums eine holistische Herangehensweise erfordert, die weit über die bloße Preispolitik hinausgeht. Jedenfalls wird bei näherem Hinsehen vor allem eines deutlich. Der politischen Forderung nach einer Preiserhöhung durch einen Tierwohlcent als erfolgreiche Lenkungsfunktion zur Reduzierung des Fleischkonsums, läge mit hoher Wahrscheinlichkeit ein falsches Menschenbild zu Grunde.


Literaturverzeichnis:

Financial Times. „Denmark leads the way in incentivising low-meat diets.“ Financial Times (Abgerufen am 13. Mai 2024).

International Public Policy Association (IPPA). „Policies and measures to promote sustainable food consumption: Lessons from Denmark and Sweden.“ IPPA (Abgerufen am 13. Mai 2024).

Mlodinow, Leonard. (2022). „Emotional: How Feelings Shape Our Thinking.“ Psychology Today. Verfügbar unter: https://www.psychologytoday.com/us/articles/emotional-how-feelings-shape-our-thinking (Abgerufen am 12.05.2024).

Frontiers Editorial Office. (2023). „Emotion, rationality, and decision-making: how to link affective and social neuroscience with social theory.“ Frontiers in Psychology. Verfügbar unter: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2023.00001/full (Abgerufen am 12 Mai 2024)



Interne Links:

Aristoteles: Nikomachische Ethik – Zeitlose Einsichten für die moderne Welt

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