Über Sinn – Und andere Dinge, die man dringend braucht
Sinn ist keine feste Größe, kein Schatz, den man irgendwann einfach hebt. Er lebt in der Bewegung, in der Suche, in den immer neuen Versuchen, die Welt zu ordnen. Vielleicht liegt seine Bedeutung gerade darin, dass er sich nie endgültig festlegen lässt.
Und weil er so beweglich ist, wirkt er zerbrechlich. Sinn scheint daher oft bedroht. Er wird vom Alltag verschluckt, vom Zweifel zernagt und von Routinen überlagert. Manchmal aber auch, weil man merkt, dass er nicht immer hält, was er verspricht.
Und so bleibt er das Einzige, was man sofort und unbedingt haben muss, sobald er verschwindet – und das Erste, was man vergisst, sobald er auftaucht.
Von telos zu purpose
Die Alten nannten ihn telos, ein Ziel. Die Modernen nennen ihn Karriere, Projekt oder Purpose. Manche sagen: Sinn sei, Kinder großzuziehen. Andere, einen Marathon zu laufen. Wieder andere, möglichst viele Streamingdienste zu abonnieren, um bloß nicht an die Frage nach Sinn denken zu müssen.
Philosophen sagen: Sinn sei eine Antwort.
Coaches sagen: Sinn sei eine Investition.
Der Nachbar sagt: Sinn sei, das Auto zu waschen, bevor es regnet.
Heute findet man Sinn nicht mehr in der Kirche, sondern direkt zu Hause bei Amazon Prime: ein Tag Lieferzeit, kostenloser Rückversand. Er verkleidet sich als Buch in der Beststellerliste, als Podcast für unterwegs oder als Retreat in Portugal. Er ist ein Konsumgut – und wer ihn nicht findet, hat eben das falsche Abo.
Manche behaupten: Sinn müsse groß sein – so etwas wie Welterlösung, Menschheitsfortschritt oder wenigstens eine Stiftung. Andere sind da schon bescheidener: Hauptsache, der Müll wird regelmäßig rausgebracht. Für manche ist der Sinn des Lebens ein ordentlich eingeräumter Kühlschrank. Für andere ein volles Bonuspunkteheft beim Supermarkt.
Er hat also viele Gesichter. Er tritt oft abends als Frage auf, wenn man nicht einschlafen kann. Als Versprechen, wenn man ein Seminar bucht. Als Ausrede, wenn man kündigt.
Manchmal ist er irgendwie auch einfach nur das, was man gerade nicht tut.
Und nun?
Nietzsche schrieb sinngemäß: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Das klingt unfassbar tief – bis man merkt, dass das „Warum“ oft nur aus einer unbezahlten Überstunde besteht.
Sinn taucht meist nur kurz auf – gerade lange genug, damit man merkt, wie sehr er fehlt, wenn er wieder weg ist.
Am Ende bleibt nur dies:
Er ist weniger eine Antwort als ein ständiges Bedürfnis, das nie gestillt wird.
Ein leeres Glas, das man immer wieder füllt – und das immer wieder leer ist, sobald man es braucht.
Vielleicht ist Sinn aber gar kein füllbares Gefäß, sondern eher ein kurzer Blitz von Kohärenz. Ein Moment, in dem alles passt: beim Lachen mit den Kindern, im Blick einer geliebten Person, in völliger Vertiefung in eine Tätigkeit oder im Anblick von etwas Schönem.
Sinn ist vielleicht gar nichts Festes, sondern etwas, das immer wieder neu erfahren wird.
Gerade das macht ihn aber nicht weniger wertvoll, sondern befreit von der quälenden Erwartung, ihn ein für alle Mal „gefunden“ haben zu müssen.
Externe Links:
Friedrich Nietzsche, Götzendämmerung – Sprüche und Pfeile
Wikipedia: Viktor Frankl – Trotzdem ja zum Leben sagen
Interne Links:
„Du musst nur wollen“ – Der Mythos vom Willen in Zeiten der Erschöpfung
Sinn in der Moderne: Warum uns die moderne Welt ratlos macht
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