Ali Abdaal
Kulturkritik,  Kulturphilosophie,  Ökonomie

Wie Ali Abdaal den Kapitalismus spiritualisiert

Lesedauer 4 Minuten

Wie Ali Abdaal den Kapitalismus spiritualisiert

Ein Zimmer voller Ordnung

Er lächelt. Dabei wirkt er hoch motiviert, spricht schnell, fast ein wenig zu schnell. Wie jemand, der keine Zeit verlieren will, während er erklärt, wie man Zeit gewinnt. Seine Worte klingen präzise, rhythmisch, wie ein Algorithmus mit britischem Akzent. Man hört ihm gern zu, auch wenn man nach zehn Minuten bereits das Gefühl hat, das eigene Leben sei zu unübersichtlich. Die Kamera ist weich gestellt, das Licht fällt wie durch milchiges Glas. Alles erscheint ordentlich. Auf dem Schreibtisch ist nichts dem Zufall überlassen. Hinter ihm ein Bücherregal, das Bildung verspricht, aber keine Unruhe. Man spürt, dass hier jemand lebt, der gelernt hat, seine Welt zu kontrollieren. Ali Abdaal ist kein Philosoph, auch kein Prophet aber vielleicht das Gesicht einer neuen Philosophie. Jener der sanften Selbstbeherrschung. Er spricht von Produktivität, als sei sie eine Tugend. Von Leichtigkeit, als wäre sie ein Lebenssinn. Von Glück, als wäre es eine Programmierung.

Er verkauft keine Produkte. Er verkauft eine neoliberale Haltung. Die Idee, dass das Leben gelingt, wenn man es nur richtig organisiert.

Ali Abdaal: Die Disziplin der Selbstliebe

Videos von Ali Abdaal sind Fenster in eine Welt, in der Arbeit nicht mehr Arbeit heißt, sondern Flow.
In der Disziplin nicht mehr Zwang ist, sondern Selbstliebe. Und in der Effizienz sich anfühlt wie Erleuchtung. Die alte Askese der Mönche hat nur das Gewand gewechselt. Heute ist das Kloster ein Studio mit Kamera, der Heilsweg eine Checkliste, das Gebet ein Video-Tutorial mit Selbsthilfetipps. Man muss nichts mehr opfern, nur noch planen. Das Leben erscheint wie ein Dashboard.

Es ist die alte Idee vom gelingenden Leben, nur dass sie heute anders erzählt wird. Ein säkularer Heilsweg für eine gejagte und zugleich erschöpfte Gesellschaft, die Sinn sucht, aber nicht mehr stillsitzen kann.

Die sanfte Diktatur des Ichs

Ali Abdaal steht für das, was Michel Foucault als Gouvernementalität bezeichnete. Es ist die hohe Kunst, Menschen dazu zu bringen, sich selbst zu regieren. Nur dass die Peitsche heute Mindset heißt und der Zwang nach Freiheit klingt.

Er verkörpert das unternehmerische Selbst. Der Mensch ist für ihn Unternehmer seiner eigenen Existenz. Jede Minute wird bilanziert, jede Pause optimiert. Selbst das Innehalten ist bei ihm ein geplanter Programmpunkt.

Er spricht selten von Arbeit. Er spricht von Flow, von Deep Work, von Effortless Output.
Es ist die Sprache einer Generation, die sich selbst managt, während sie glaubt, sich zu befreien. Was nach Autonomie klingt, ist in Wahrheit die verinnerlichte Logik des Kapitalismus. Effizienz als Daseinsform, Selbstverwertung als Erfüllung. Eine Ökonomie des Selbst.

Abdaal perfektioniert den Kapitalismus, indem er ihn psychologisch verinnerlicht. Mit Lächeln, Routinen und der warmen Grammatik des Sinns. Es ist eine Macht, die nicht mehr von außen kommt, sondern aus dem Innersten. Eine Macht, die uns dazu bringt, uns selbst zu steuern während wir es Freiheit nennen.

Ali Abdaal: Therapeut des Systems

Möchte man Abdaal philosophisch einordnen, dann würde man ihn als neostoischen Therapeuten bezeichnen. Er nimmt immer wieder Bezug auf den Stoizismus, allerdings mit neoliberaler Färbung. Dabei predigt er Kontrolle über das Kontrollierbare und Gelassenheit gegenüber dem Rest. Eine Haltung, die in Zeiten permanenter Überforderung zwar tröstet, aber auch dazu führt, dass man sich an Bedingungen gewöhnt, die man eigentlich hinterfragen müsste. Gefühle werden nicht mehr ernst genommen, sondern wegdiszipliniert. Unruhe wird nicht als Hinweis verstanden, sondern als Störung, die man regulieren soll.

Denn was bleibt vom Menschen, wenn jedes Gefühl in Funktion übersetzt, jede Leere verwaltet,
und jedes Scheitern als „Mindset-Problem“ diagnostiziert wird? Man erkennt hier den neuen Humanismus der Optimierten. Ein Leben in perfekter Oberfläche, frei von Widerspruch, frei von Unordnung, aber eben auch frei von Tiefe.

Abdaal spricht dabei von „meaningful productivity“. Das klingt einerseits interessant, ist andererseits aber auch seltsames Paradox. Denn Produktivität kann zwar Sinn stiften, aber sie kann ihn auch entleeren, wenn sie zum Selbstzweck wird. Abdaal sucht das Echte im Effizienten, das Wahre im Geplanten und wird so zum Sinnbild einer Zeit, die sich nach Bedeutung sehnt, aber vor lauter Optimierung kaum noch Raum für sie lässt.

Die Tragödie der Effizienten

Es scheint die subtile Tragödie unserer Zeit, dass selbst das Streben nach Sinn zu einem Produkt geworden ist. Ali Abdaal befindet sich mitten in dieser Paradoxie. Ein ehrlicher Vermittler eines unehrlichen Systems. Unehrlich deshalb, weil es vorgibt, durch individuelle Optimierung systemische Krisen zu lösen. Weil es Burnout, Prekarisierung, persönliches Scheitern, Krankheit, soziale Herkunft, die Klimakrise, die Erschöpfung des Planeten und das Leid generell psychologisiert. Die großen Probleme werden privatisiert und die Vermeidung des Leidens wird zur Bringschuld des Einzelnen.

Und während er uns zeigt, wie man produktiver lebt, zeigt er vor allem, wie sehr uns diese Logik bereits vereinnahmt hat. Eine Logik, die nicht mit Druck arbeitet, sondern mit Versprechen. Sie klingt wie Freiheit und fühlt sich an wie Orientierung und gerade deshalb bemerken wir sie kaum.

Das Narrativ des Gelingens

Vielleicht liegt die wahre Tiefe nicht in der perfekten Organisation des Tages. Vielleicht bleibt vom Menschen am Ende der unvorhersehbare Augenblick, der durch jede Routine fällt. Ein Moment, der nichts leisten muss, außer zu zeigen, dass Leben mehr ist als Optimierung.

Und vielleicht macht gerade dieser Moment sichtbar, wie sehr wir daran gewöhnt sind, alles am Maß der Leistung zu messen. Wie sehr wir uns eine Geschichte erzählt haben, die zu gut klingt, um wahr zu sein. Die Geschichte, dass Erfolg eine Frage von Disziplin, Härte und Selbstvervollkommnung sei, dass die Großen groß wurden, weil sie mehr taten, mehr opferten, mehr an sich arbeiteten. Eine Geschichte, die den Zufall überspringt, die Herkunft übergeht, die Privilegien verschweigt.

Vielleicht ist das die letzte Illusion unserer Gegenwart, dass Erfolg der Beweis von Tugend sei
und nicht oft genug einfach der Zufall einer Welt, die ihre eigenen Geschichten für Gesetze hält.



Externe Links:

Wikipedia: Gouvernmentalität

Interne Links:

„Liebe Dich selbst“- Die Ideologie der Selbstfürsorge


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