Wikipedia und Wissen: Wahr ist, was überlebt
Wikipedia und Wissen: Wahr ist, was überlebt
Wer wissen will, wann Napoleon gestorben ist, muss weder in eine Bibliothek gehen, noch den Telefonjoker anrufen. Er fragt eine KI oder landet, einen Umweg später, bei Wikipedia. Was dort steht, gilt. Zumindest so lange, bis jemand es ändert.
Das hier ist keine Medienschelte, sondern eine Beobachtung. Wikipedia ist bequem und so verdammt ordentlich. Die Seite simuliert mit ihren eckigen Klammern und Quellenangaben akademische Endgültigkeit, die wir früher nur nur von gedruckten Werken kannten und die jahrzehntelang unhinterfragt im Regal verstaubten. Alles sieht nach Gewissheit aus. Und nach jemandem, der das schon überprüft hat. Irgendwer.
In Wirklichkeit ist es das Ergebnis eines langen Prozesses – manchmal echter Einigung, manchmal stiller Kapitulation, manchmal einfach kollektiver Gleichgültigkeit. Wie die meisten Kompromisse.
Wahrheit ohne Gesicht
Früher hatte Wahrheit einen Namen darunter. Mitunter landete dieser Name sogar im Gefängnis. Denn Wissen war gefährlich und Verantwortung persönlich. Denken wir dabei etwa an Diderot, der im 18. Jahrhundert die große Encyclopédie der Aufklärung mit herausgab und dafür tatsächlich einige Monate im Gefängnis landete. Heute dagegen hat ein Artikel eine Versionshistorie. Das Schlimmste, was hier passieren kann, ist ein Editorenkrieg mit einem Anonymen aus Bielefeld, der sonst eigentlich regelmäßig über Schienenfahrzeuge schreibt.
Was sich verändert hat, ist die Frage, wer bürgt. Früher war es ein Mensch mit Namen. Heute ist es ein Pseudonym und ein Regelwerk. Wer darf schreiben? Was gilt als Quelle? Was braucht einen Beleg – und was darf einfach stehen bleiben? Diese Fragen entscheiden keine Redakteure, sondern Richtlinien. Das wirkt demokratischer. Ob es das tatsächlich auch ist, ist eine andere Frage.
Foucault würde die Auffassung vertreten, dass Wissen nie unschuldig ist – sondern immer eine Machtfrage. Gemeint sind Verhältnisse, die bestimmen, wer sprechen darf und wer nicht. Die Macht, die still und leise entscheidet, welche Quellen zählen, was als Relevanz gilt und welche Perspektiven es nie bis zur Artikelseite schaffen. Bei Wikipedia hat diese Macht keinen Namen. Sie hat Richtlinien. Und Richtlinien klingen vernünftiger als sie tatsächlich sind.
Konsens ist kein Zufall
„Neutralität“ – NPOV, Neutral Point of View – ist einer der Grundpfeiler von Wikipedia. Das klingt beruhigend. Man darf trotzdem fragen, wie diese Neutralität entsteht.
Irgendjemand hat geschrieben
Irgendjemand hat widersprochen.
Irgendjemand hat zurückgeschrieben.
Irgendjemand hat einen Absatz gelöscht.
Irgendjemand hat ihn wieder eingefügt.
Und irgendwann steht da ein Satz, der niemanden mehr genug stört, um ihn noch einmal anzufassen. Wahrheit ist manchmal eben einfach der Moment, in dem alle müde geworden sind.
Die Ehrlichkeit der Baustelle
Trotzdem – oder gerade deshalb – hat Wikipedia einen Charme, den das klassische Lexikon nie hatte. Denn sie ist verdammt ehrlich in ihrer Konstruktion.
In einem Fachbuch erscheint Wissen als fertiges Monument, in Hardcover gebunden, mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der nicht gefragt werden möchte und dessen Name auf dem Umschlag größer gedruckt ist als der Titel. Wikipedia dagegen zeigt einen Prozess. Eine Baustelle des Wissens. Man kann die Diskussionen lesen. Man kann sehen, wie sich Begriffe verschieben, wie Formulierungen unter dem Druck von Meinungen entstehen und wieder verschwinden. Jacques Derrida würde sagen: Es gibt kein letztes Signifikat, nur Verweise auf andere Verweise. Wikipedia ist die einzige Enzyklopädie, die genau das zugibt.
Wikipedia ist keine heilige Stätte des Wissens. Kein Ort, an dem Wahrheit entsteht – nur einer, an dem sie zwischengeparkt wird. Das ist ehrlicher als ein Buch, das so tut, als wäre es direkt vom Olymp gefallen.
Wikipedia und Wissen: Die Falle der Aufklärung
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Wikipedia die Wahrheit enthält.
Sondern ob wir längst akzeptiert haben, dass Wahrheit etwas ist, worauf man sich einigt. Nicht im Sinne eines geheimen Komplotts. Sondern im Sinne sozialer Stabilisierung. Wahr ist, was ausreichend belegt ist. Wahr ist, was nicht mehr erfolgreich bestritten wird. Wahr ist, was die Versionsgeschichte überlebt.
Das klingt weniger romantisch als die Idee einer ewigen Wahrheit. Aber vielleicht ist es realistischer.
Ob es auch besser ist – da bin ich weniger sicher. Denn man kann eine Konstruktion vollständig durchschauen und trotzdem ihr ausgeliefert sein. Und wer weiß, dass Konsens kein Zufall ist, stimmt ihm trotzdem zu.
Man kann eine Konstruktion vollständig durchschauen und trotzdem in ihr gefangen sein. Das nennt sich dann Aufklärung.
Externe Links:
Wikipedia: Neutraler Standpunkt
Wikipedia: Enzyklopädist (Encyclopédie)
Interne Links:
Disney – oder wie wir lernen, unvollständig zu sein
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