Wissenschaft und Philosophie
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Philosophie

Ist das Wissenschaft oder kann das weg? Warum wir nicht nicht philosophieren können

Lesedauer 5 Minuten

Der Siegeszug der Naturwissenschaften ist unumstritten. Getragen vom Geiste der Aufklärung sind im 18. und 19. Jahrhundert die Naturwissenschaften als empirische Wissenschaften angetreten, um alles andere in den Schatten zu stellen. Mit „alles andere“ ist einerseits die Theologie aber insbesondere die Philosophie gemeint. Dabei war es eine lange Erfolgsgeschichte, wenngleich der Begriff der Naturwissenschaft eher eine neuere Erfindung ist, denn was da heute als Wissenschaft bezeichnet wurde, war noch zu Hegels Zeiten, etwa zu Beginn des 19. Jahrhundert, die Philosophie.

Genauso wie man dem österreichischen Philosophen und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick zufolge „nicht nicht Kommunizieren kann“[1], kann man auch sagen, dass man genauso „nicht nicht philosophieren“ kann. Warum diese Aussage stimmt und warum die Philosophie für unser Leben, unsere Gesellschaft und eben auch für die Naturwissenschaften wichtig war und immer wichtig bleiben wird soll im Folgenden deutlich werden.

Es war einst Stephen Hawking der uns wissen ließ, die Philosophie sei tot[2], während er nur etwas später und voller Eifer, über „Kurze Antworten auf große Fragen“ philosophierte. Es ginge sicher zu weit ihm unterstellen zu wollen, dass er den performativen Widerspruch, in dem er sich befindet, nicht erkannt hat, dennoch zeigt dieses Beispiel doch recht eindrücklich, dass es so einfach nicht geht, die Philosophie zu Grabe zu tragen. Denn schon derjenige der die Philosophie für Tod erklärt, muss erklären, an was sie denn gestorben sei und bereits das ist, ja man ahnt es schon, Philosophie. Es ist doch wohl ein bisschen so, als wolle man mit Anspruch auf Wahrheit behaupten, es gäbe sie nicht, die Wahrheit. Diese Widersprüchlichkeit führt uns zu einer wichtigen Überlegung: Ist Philosophie vielleicht viel mehr in der Wissenschaft verankert, als wir gemeinhin annehmen?

Was also ist diese Philosophie, die sich nicht so einfach unterkriegen lässt? Sie ist vor allem eins, menschlich. Denn in der Fähigkeit Fragen zu stellen, etwa jene des „Warum“, wurzelt die Philosophie. Sie erst sind der Grund, warum wir Wissenschaften betreiben, denn die Wissenschaft stellt die Frage nach dem „Wie“, auf dem Weg zum „Warum“. Dies hat Hawking nicht nur einmal gezeigt. Seine Interpretationen zu wissenschaftlichen Ergebnissen, so auch seine Beantwortung „großer Fragen“ sind nichts anderes als eine neue, modernere Naturphilosophie und zwar mit einem metaphysischen Anspruch. Sie sind nicht mehr als eine mögliche Antwort auf die Frage des „Warum“ unter Berücksichtigung des „Wie“. Ähnliche Interpretationen finden sich vielfach in der Naturwissenschaft. So auch in der auf die Aufzeichnungen von Niels Bohr und Werner Heisenberg zurückgehende „Kopenhagen-Interpretation“ der Quantenphysik, nach welcher subatomare Teilchen, die Quanten, eine Doppelnatur aus Wellen und Teilchen besitzen und sich bei Messungen in mysteriöser Weise verhalten. Die Kopenhagen-Interpretation betont die Unmöglichkeit, gleichzeitig genaue Informationen über Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens zu erhalten, und sie betont die Rolle des Beobachters im Messprozess. In gewisser Weise ist die Kopenhagen-Interpretation selbst ein naturphilosophischer Ansatz zur Erklärung der Quantenwelt, der die Frage „Warum verhält sich die Welt auf dieser subatomaren Ebene so?“ aufwirft und versucht, diese Frage im Kontext des „Warum“ auf der Grundlage des „“Wie“ der Quantenmechanik zu beantworten. Ein weiteres Beispiel für die philosophische Signatur der Naturwissenschaften ist eine erkenntnistheoretische, und zwar die Frage nach dem ontologischen Status wissenschaftlicher Theorien, sprich der Frage nach Realismus oder Anti-Realismus innerhalb der Naturwissenschaften. Während die realistische Auffassung davon ausgehet, dass die von den richtigen Theorien beschriebenen Gegenstände tatsächlich, also wirklich existieren, gehen Anti-Realistische Auffassungen davon aus, dass es nicht von Belang sei, ob die von der Theorie beschriebenen Gegenstände tatsächlich, also wirklich existieren, solange die Theorie gute Vorhersagen leistet. Ein Beispiel wäre hier das Elektron, denn ebenjenes entzieht sich einer direkten empirischen Beobachtung.  Die realistische Auffassung geht davon aus, dass dieses tatsächlich existiert, d.h. mit der Theorie eine tatsächlich existierende Entität beschrieben wird, während die Anti-Realistische Auffassung das Elektron leidglich für die Theorie als nützlich betrachtet.[3]

Diese Beispiele sind bei Weitem nicht abschließend, zeigen aber dennoch, wie tief Philosophie und Wissenschaft miteinander verwoben sind und wie sie gemeinsam, und nur gemeinsam dazu beitragen, unsere Welt besser zu verstehen.

Wir Menschen können also gar nicht nicht philosophieren, denn für was wollten wir eine Wissenschaft betreiben, wenn wir sie nicht interpretieren wollten? Philosophie steckt in unserem Denken, unseren kognitiven Fähigkeiten Fragen zu stellen, Fragen darüber zu stellen, was wir überhaupt wissen können, was wir tun sollen und wer wir sind.

Vor allem aber Fragen darüber, was wir tun sollen – Fragen über die menschliche Praxis oder der menschlichen Existenz sind der Philosophie vorbehalten. Ob es um ethische Entscheidungen in der Medizin, Gerechtigkeitsfragen im Rechtssystem oder moralische Überlegungen in der Politik geht – die Philosophie bietet den Raum, solche grundlegenden Fragen aufzuwerfen und zu analysieren, nicht aber die Naturwissenschaft. In dieser Rolle untersucht sie die ethischen Dimensionen unseres Handelns und legt damit nicht nur den Grundstein für eine verantwortungsvolle Gesellschaft, sondern auch für eine verantwortungsvolle Wissenschaft. Sie setzt die Grenzen, nicht um uns einzuschränken, sondern um uns vor den Klippen des Übermuts und der Selbstüberschätzung zu bewahren. In einer Zeit, in der Technologie unsere Möglichkeiten bis ins Unvorstellbare erweitert, bleibt die Philosophie unser moralischer Anker, der sicherstellt, dass wir unser Wissen weise und sinnvoll nutzen.

Resümee und Plädoyer

Aussagen, wie die von Hawking, legen den Verdacht nahe, dass Wissenschaft in Konkurrenz zur Philosophie stünde. Diese Ansicht täuscht aber darüber hinweg, dass die Wissenschaft vielmehr selbst bereits in die Philosophie eingeschrieben ist. Denn was als Wissen gelten soll, Fragen also der Epistemologie, sind und bleiben philosophische Fragen. Stellte man die Philosophie in Frage ist es doch ein bisschen so, als würde man den Ozean in Frage stellen, während man auf einem Schiff segelt, das gerade durch diese Gewässer navigiert. Das Schiff mag durch fortschrittliche Technologie und Wissenschaft gebaut sein, aber der Ozean, auf dem es segelt, die unbeantworteten Fragen, die moralischen Dilemmata, die Interpretation dessen, was das alles zu bedeuten hat – das ist Philosophie. Das Schiff mag sich im Ozean bewegen, aber ohne den Ozean gäbe es keinen Grund, überhaupt ein Schiff zu bauen. Ohne Philosophie wäre die Wissenschaft wie ein Schiff im Trockendock eindrucksvoll anzusehen, aber unfähig, uns zu neuen Horizonten zu führen.

So mag die Wissenschaft in ihrer Präzision und Methodik beeindrucken, aber sie segelt stets auf den Gewässern der Philosophie. Sie erklärt uns, wie sich die Wellen bewegen, aber warum sie überhaupt existieren und wohin wir steuern sollten, bleibt eine Frage der Philosophie. Es ist diese Symbiose, dieses ewig tanzende Paar, das beide Disziplinen nicht nur relevant, sondern unentbehrlich für unser Verständnis über die Welt macht.

Die Philosophie ist daher nicht nur die Grundlage unserer Fragen und unseres Wissens, sondern auch der Kompass, der uns durch moralische und ethische Dilemmata navigiert. Sie zu ignorieren wäre nicht nur ein Fehler, sondern schlicht ein Risiko. Daher ist es unerlässlich, die Philosophie als integralen Bestandteil unseres akademischen und gesellschaftlichen Lebens zu fördern und zu bewahren.

… und wenn das nächste Mal, ein Naturwissenschaftler behauptet, die Philosophie sei tot, sollte er sich vielleicht Fragen, auf welchen Friedhof er sie denn begraben hat. Denn die Chancen stehen gut, dass dieser Friedhof von Philosophen entworfen wurde.


[1] Watzlawik, Paul: Man kann nicht nicht kommunizieren, 1. Aufl., Bern 2011

[2] Scott, Callum. (2013). The death of Philosophy: a response to Stephen Hawking. South African Journal of Philosophy. 31. 384-404. 10.1080/02580136.2012.10751783.

[3] Seidel, M. (2017). Wissenschaftlicher Realismus und Anti-Realismus im Besonderen. In: Schrenk, M. (Hrsg.) Handbuch Metaphysik. JB Metzler, Stuttgart., S. 237 https://doi.org/10.1007/978-3-476-05365-7_32, Stand: 11.09.2023


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Externe Links:

Deutschlandfunk: Forschung – Philosophie als Wissenschaft?

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