
Praxis und Poiesis: Aristoteles
Aristoteles: Praxis vs. Poiesis und was das alles mit persönlichem Glück zu tun hat
Die Moderne ist geprägt von den Imperativen der Innovation, Effizienz und Produktivität. Der ständige technologische Wandel und die Beschleunigung unseres Alltagslebens begünstigen ein Denken, das den Wert von Handlungen primär an ihrem messbaren Ergebnis oder ihrem materiellen Erfolg bemisst. In dieser poietisch dominierten Welt geraten Aspekte des Lebens, die keinen unmittelbaren Zahlenwert aufweisen, leicht in die Gefahr der Marginalisierung. Wer sich „unproduktiven“ Tätigkeiten widmet, sieht sich schnell dem Vorwurf der Zeitverschwendung ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund bietet die aristotelische Unterscheidung zwischen Poiesis und Praxis, wie sie in der Nikomachischen Ethik dargelegt wird, einen zeitlosen Reflexionsrahmen über Sinn und Ziel menschlichen Handelns.
Poiesis: Handeln als Mittel zum externen Zweck
Aristoteles definiert Poiesis als eine Form des Handelns, deren Ziel außerhalb der Handlung selbst liegt. Es ist ein Handeln, das strikt als Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zwecks konzipiert wird. Vereinfacht gesagt, ist Poiesis ein instrumentelles Handeln – ein „Handeln, um zu…“.
Dies umfasst beispielsweise die berufliche Tätigkeit, wenn sie primär als Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts oder zur Anhäufung von Vermögen betrachtet wird. Ebenso zählen fremdbestimmte Pflichten oder der tägliche Haushalt, wie das Aufräumen oder Saubermachen, dazu, da sich ihr Wert ausschließlich in der Herstellung eines Zustands (einer ordentlichen Umgebung) erschöpft. Auch die kreative Produktion, wie das Schreiben eines Buches, das Malen eines Bildes oder das Komponieren eines Musikstücks, gilt als Poiesis, sofern die primäre Intention in der Herstellung eines konkreten Produkts oder Werkes liegt.
Poiesis ist demnach fundamental zielgerichtet und produktiv. Der Wert des poietischen Handelns wird erst im Ergebnis – dem ergon – realisiert. Die Handlung selbst verliert nach Erreichung des Ziels ihre Bedeutung.
Praxis: Handeln als Selbstzweck und Verwirklichung des Guten
Im scharfen Gegensatz dazu steht die Praxis. Sie bezeichnet ein Handeln, das seinen Zweck in sich selbst trägt. Die Praxis ist selbstzweckhaft und richtet sich nicht primär auf äußere, materielle oder messbare Ziele.
Aristoteles sieht in der Praxis die Domäne der ethischen und politischen Handlungen sowie der Verwirklichung von Werten und des Tugendstrebens. Praxis umfasst Tätigkeiten, die auf das gute, erfüllte Leben (Eudaimonia) abzielen. Hierzu gehört das tugendhafte Handeln, also ein moralisch richtiges Verhalten, das um seiner selbst willen und aus Einsicht in das Gute geschieht. Ein weiteres zentrales Feld ist die Pflege sozialer Beziehungen mit Freunden und Familie, die nicht auf externen Nutzen ausgerichtet ist, sondern auf die gegenseitige Förderung und die Entfaltung des eigenen Selbst in der Gemeinschaft. Auch die Kultivierung des Geistes, etwa das Lesen eines Buches oder das Musizieren aus purer Freude an der Tätigkeit oder dem persönlichen Wachstum heraus, zählt zur Praxis, wenn die Absicht fehlt, Wissen zu akkumulieren oder eine Karriere zu verfolgen.
Praxis ist die Verwirklichung des eigenen Potenzials als rationales und soziales Wesen. Sie ist ein Prozess des Werdens und der Entfaltung (im Gegensatz zur Produktion eines Endzustands). Die Erfüllung liegt in der Tätigkeit selbst.
Praxis und Poiesis: Die Durchlässigkeit der Kategorien und die Rolle der Prohairesis
Es wäre eine Vereinfachung, Poiesis und Praxis als strikt getrennte Bereiche zu betrachten. Vielmehr existieren fließende Übergänge und mögliche Überlappungen. Dies wird besonders im Bereich des kreativen Schaffens deutlich: Ein Architekt entwirft ein Gebäude mit dem poietischen Ziel, ein funktionelles Bauwerk zu erschaffen. Gleichzeitig kann der Prozess des Entwerfens selbst eine tiefe innere Befriedigung und Selbstverwirklichung darstellen (Praxis).
Die Klassifizierung einer Handlung hängt letztlich von der Prohairesis des Handelnden ab – der bewussten, überlegten Entscheidung.
Prohairesis bedeutet bei Aristoteles die rationale, auf abwägender Überlegung basierende Vorzugswahl. Sie ist nicht nur ein rationaler Entscheidungsakt, sondern die Verschmelzung von Denken und innerem Antrieb. Nur wenn wir mit Prohairesis handeln, können wir die Handlung tatsächlich als unsere eigene anerkennen – sie wird zu einem Ausdruck unseres Charakters und unserer Werte. Die Prohairesis entscheidet darüber, ob der primäre Wert einer Handlung im Produkt (Poiesis) oder im Vollzug (Praxis) gesehen wird.
Praxis und Poiesis: Die Überbetonung der Poiesis und der Weg zur Eudaimonia
In der modernen Gesellschaft herrscht eine strukturelle Dominanz der Poiesis. Angetrieben durch ökonomische Zwänge, technologische Leistungssteigerung und die vergleichende Kultur der sozialen Medien, werden sichtbare Leistung und äußerer Erfolg zum Maßstab für ein gelungenes Leben.
Aristoteles hält dem das Konzept der Eudaimonia entgegen, oft unzureichend mit „Glück“ oder treffender mit „Glückseligkeit“ oder „gelungenem Leben“ übersetzt. Eudaimonia ist kein Augenblicksglück, sondern der dauerhafte Zustand der Lebenszufriedenheit, das höchste Gut und Endziel menschlichen Strebens.
Eudaimonia wird nicht durch äußeren Zufall oder materiellen Besitz erreicht, sondern durch das Leben in Übereinstimmung mit der Vernunft und die Ausübung der Tugend. Diese Ausübung ist untrennbar mit der Praxis verbunden. Da der Mensch primär ein rationales und soziales Wesen ist, kann er sein höchstes Potential nur in selbstzweckhaften, tugendhaften Handlungen entfalten. Die Pflege ethischer Tugenden und die aktive Teilnahme am Gemeinschaftsleben – also die Praxis – bereichern das Leben intellektuell, emotional und sozial. Im Gegensatz dazu liegt wahre Erfüllung nicht in der Anhäufung poietischer Güter (Reichtum, Status), sondern in der Entwicklung des Charakters und der inneren Werte.
Die aristotelische Unterscheidung ist somit eine Einladung zur Reflexion. Sie fordert uns auf, die Balance in unserem eigenen Leben kritisch zu hinterfragen und bewusst Momente der Praxis zu schaffen. Ein erfülltes Leben (Eudaimonia) entsteht dort, wo wir handeln, nicht weil wir müssen, sondern weil wir es wollen – weil die Tätigkeit selbst uns mit Sinn und Zufriedenheit erfüllt.
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Externe Links:
Spektrum.de: Metzler Lexikon Philosophie – Poiesis
Interne Links:
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