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Die Diagnose – Wer Gesellschaft krank nennt, sollte aufpassen, wer am Ende auf dem OP-Tisch liegt
Lesedauer 2 MinutenDie Diagnose – Wer Gesellschaft krank nennt, sollte aufpassen, wer am Ende auf dem OP-Tisch liegt Die Gesellschaft ist krank. Das sagen beinahe alle. Links sagt es, rechts sagt es, die Mitte sagt es, wenn sie sich traut. Spaltung, Vertrauensverlust, Orientierungslosigkeit, Polarisierung – die Diagnosen liegen auf dem Tisch wie Befunde beim Hausarzt. Jeder nickt, aber niemand scheint sich zu fragen, wer hier eigentlich die Therapie verschreibt. Dabei hat die Sache mit den kranken Gesellschaften eine lange Geschichte. Rousseau sah den Sittenverfall. Hegel sah Entzweiung. Marx Entfremdung. Axel Honneth hat irgendwann ein ganzes Programm daraus gemacht. Sozialphilosophie als Wissenschaft der sozialen Pathologien. Also all jene Formen des Leidens,…
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Ein Universum das sich selbst erkennt: Eine poetische Phänomenologie des Absurden
Lesedauer 2 MinutenEin Universum das sich selbst erkennt: Eine poetische Phänomenologie des Absurden 13,8 Milliarden Jahre lang passiert nichts — jedenfalls nichts, was irgendwer bemerkt. Kein Auge, kein Gedanke, kein Wort. Nur Kollisionen, Gravitation, Strahlung und endloses Schweigen. Ein Universum, das sich ausbreitet, ohne zu wissen, dass es existiert. Und dann, irgendwann auf einem mittelmäßigen Planeten am Rand einer mittelmäßigen Galaxie, passiert etwas das sich nicht ankündigt: Materie fängt an zu denken. Und kurz darauf fängt sie an zu reden. Es fängt klein an. Bakterien, Einzeller. Blinder Stoffwechsel. Keine Absicht, kein Bewusstsein. Nur Reize und Reaktionen. Dann Nervensysteme. Sinne. Bewegung, die zielgerichtet wird. Aus Leben wird Wahrnehmung, aus Wahrnehmung so etwas…
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Der Dritte im Raum
Lesedauer 3 MinutenDer Dritte im Raum Zwei Menschen sitzen in einer Bar. Sie reden. Nichts Besonderes. Irgendwann betritt ein Dritter den Raum. Er setzt sich nicht zu ihnen und er sagt auch nichts, er ist einfach nur da. Mit einem Mal kippt alles. Die Stimmen werden leiser oder lauter. Die Worte vorsichtiger oder schärfer. Die Blicke wandern. Das Gespräch, das eben noch zwischen zwei Leuten stattfand, steht plötzlich unter Beobachtung. Die westliche Philosophie beginnt gern beim Ich. Descartes allein vor dem Ofen, auf der Suche nach der einen unbezweifelbaren Gewissheit. Er findet sie in sich selbst. Das Ich als Fundament. Kein Du, kein Raum, nur ein Bewusstsein und ein Ofen,…
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Mäßigung: Meden agan – oder die Arbeit gegen sich selbst
Lesedauer 3 MinutenMäßigung: Meden agan oder die Arbeit gegen sich selbst „Halte Maß“ – das klingt nach dem Rat dieses Onkels, der selbst keines hält. Nach Mäßigung als bequemer Tugend, die man sich leisten kann, wenn die Leidenschaften ohnehin schon erschöpft sind. Aber darum geht es nicht. Solon, einer der sieben Weisen Griechenlands, begegnete der Inschrift im Tempel des Apollon zu Delphi: meden agan – nichts zu viel. Er machte daraus keine Privatmaxime. Er machte daraus Politik. Seine Reformen in Athen zielten auf eine Gesellschaft, die zwischen Arm und Reich zerrissen war, weil beide Seiten zur Maßlosigkeit neigten. Die Reichen häuften an, die Armen verarmten weiter, das Gleichgewicht kippte. Auf…
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Foto: Elekes Andor, via Wikimedia Commons, CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ )Bürgerlich, berechnend, unverdächtig: Die Funktion von Alice Weidel in der AfD
Lesedauer 4 MinutenBürgerlich, berechnend, unverdächtig: Die Funktion von Alice Weidel in der AfD Eine Ex-Investmentbankerin, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, als Aushängeschild der extremen Rechten? Was beim Ersten hinsehen wie ein eklatanter Widerspruch wirkt, ist in Wahrheit ein eiskaltes Machtkalkül. Alice Weidel ist der Türöffner für die AfD – doch wer im Hintergrund wirklich durch das Hintertürchen marschiert, sitzt auf einem Rittergut in Sachsen-Anhalt. Alice Weidel wirkt nach außen wie ein Angebot an die bürgerliche Mitte. Wenn sie ans Rednerpult tritt, sitzt der Maßanzug perfekt. Die Sprache ist geschliffen, der Habitus kühl und bürgerlich. Mit scharfer Zunge wettert sie gegen Steuern, Bürokratie und das Establishment. Dinge, bei denen viele…
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Jürgen Habermas – der Philosoph des besseren Arguments
Lesedauer 3 MinutenJürgen Habermas und der Diskurs: Der Philosoph des besseren Arguments Die Nachricht von Jürgen Habermas’ Tod wirkt wie ein jäher Bruch. Mit ihm ist nicht nur ein Philosoph gegangen, sondern wohl der geduldigste und hartnäckigste Verteidiger der modernen Idee von Vernunft, Demokratie und Menschenrechten.Habermas hat nie aufgehört, an ein Projekt der Aufklärung zu glauben, das viele längst aufgegeben haben – vielleicht, weil seine Philosophie eine Haltung voraussetzt, die heute fast schon altmodisch wirkt: das unerschütterliche Vertrauen in das Gespräch. Eine kurze Einführung in Habermas‘ Idee von Diskurs und Ethik. Habermas und der Diskurs: Vom Gewissen zum Gespräch Habermas steht in einer kantischen Tradition. Aber er verschiebt etwas Entscheidendes.…
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Oktagon – Die Arena der Zeichen
Lesedauer 3 MinutenOktagon – Die Arena der Zeichen: Ein poststrukturalistischer Blick auf MMA Das Oktagon ist eine halbwegs runde Form, die trotzdem Kanten hat. Vielleicht ist es auch ein Kreis, der beschlossen hat, etwas aggressiver zu werden. Jedenfalls ist es nicht irgendein Ort. Es ist ein Ort, der entscheidet, wie Gewalt aussehen darf. Wenn sich dann der Käfig öffnet, sieht der unbedarfte Beobachter vor allem eines: Gewalt. Für alle beginnt eine Schlacht der Bedeutungen. Denn selbst dort, wo zwei Menschen sich schlagen, ringen und würgen, sehen wir nie nur biologische Unmittelbarkeit. Die Idee eines reinen Kampfes gehört zu den hartnäckigsten metaphysischen Illusionen. Wir sehen Regeln, Rollen und Erwartungen, die das Fleisch…
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Wikipedia und Wissen: Wahr ist, was überlebt
Lesedauer 3 MinutenWikipedia und Wissen: Wahr ist, was überlebt Wer wissen will, wann Napoleon gestorben ist, muss weder in eine Bibliothek gehen, noch den Telefonjoker anrufen. Er fragt eine KI oder landet, einen Umweg später, bei Wikipedia. Was dort steht, gilt. Zumindest so lange, bis jemand es ändert. Das hier ist keine Medienschelte, sondern eine Beobachtung. Wikipedia ist bequem und so verdammt ordentlich. Die Seite simuliert mit ihren eckigen Klammern und Quellenangaben akademische Endgültigkeit, die wir früher nur nur von gedruckten Werken kannten und die jahrzehntelang unhinterfragt im Regal verstaubten. Alles sieht nach Gewissheit aus. Und nach jemandem, der das schon überprüft hat. Irgendwer. In Wirklichkeit ist es das Ergebnis…

























