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Man sagt – Neues aus Dystopia
Lesedauer 2 MinutenMan saß in Reihen. Nicht zu nah, nicht zu weit.Man sprach leise, wenn überhaupt.Die Gespräche begannen fast immer gleich: „Man sagt“„Man hat gehört…“„Man weiß ja…“„Man sollte…“ Es war nicht unhöflich, nur… unpersönlich.Kein Name, kein Ich, kein Du.Nur das, was man eben so sagte. Der Junge bemerkte es zuerst in sich selbst.Ein Wort, das ihm auf der Zunge lag.„Ich.“Er sprach es nicht aus. Aber es wuchs. In der Schule wurde gelehrt, wie man spricht.„Man sagt Danke.“„Man sagt Entschuldigung.“„Man fragt nicht zu viel.“Die Lehrerin lächelte viel. Aber sie sagte nie: „Ich weiß es.“Nur: „Man weiß es.“ Eines Tages, in einer Pause, sagte der Junge leise:„Ich hab geträumt.“Ein anderes Kind sah…
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Das Elendorhythmische Kalkül – Eine Anthropologie des Elends
Lesedauer 4 MinutenDie Elenden sollen essen. So lässt es Bach singen. Aber elendig sind wir alle. Denn elend ist nicht nur der Hungernde. Elend ist, wer isst. Wer kauen, schlucken, verdauen muss. Wer an seinen Leib gefesselt ist, wer dem Rhythmus der banalen Notwendigkeiten nicht entkommt. Der Mensch träumt von Freiheit, von Geist, von Ewigkeit. Er schreibt Bücher, predigt Tugend, spricht von Schönheit und Moral. Aber was ist das Erste, was er morgens tut? Er steckt sich etwas in den Mund und scheidet aus. Und was ist das Letzte, bevor er schläft? Er frisst, als wäre die Nacht eine Entbehrung. So hoch er sich auch erhebt, am Ende bleibt eine…
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Der Blick – Neues aus Dystopia
Lesedauer 2 MinutenDer Blick – Neues aus Dystopia Man durfte schauen.Aber nicht zu lang. Nicht zu direkt. Nicht zu offen.Es gab Regeln. Sie hingen an den Wänden, auf kleinen, dezenten Tafeln: „Augenkontakt max. 2,7 Sekunden.Seitlicher Blick: empfohlen.Direktes Ansehen: nur mit Blicklizenz.“ Er saß in der Bahn.Gegenüber eine Frau.Sie blickte aus dem Fenster.Er wagte einen kurzen Blick.Nicht weil er etwas wollte – sondern weil er sich vergewissern wollte, dass sie da war. Nach exakt 2,7 Sekunden summte sein Armband.„Blickdauer überschritten. Bitte wenden Sie den Blick ab.“ Er senkte den Kopf.Vor ihm: seine Hände.Sie waren ruhig. Seine Augen nicht. Früher, so hatte man erzählt, konnte man jemanden einfach ansehen.Einfach so.Ohne Erlaubnis. Ohne…
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Neues aus Dystopia: Warten
Lesedauer 3 MinutenWarten Er stand an der Haltestelle. Der Pfosten war schief, das Schild darauf verwittert. In ausgeblichenen Buchstaben stand dort: „Es wird kommen.“Keine Uhr. Kein Fahrplan. Nur ein langer Bordstein, der ins Ungewisse führte. Der Asphalt davor schien unberührt – keine Reifenspuren, kein Staub. Als wäre hier nie etwas gefahren. Neben ihm stand ein älterer Mann, regungslos. Seine Hände tief in den Taschen, der Blick auf den Horizont gerichtet.Der Jüngere fragte leise: „Wie lange warten Sie schon?“Der Alte zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Ich war schon hier, als ich ankam.“Dann schwiegen sie wieder. Ein paar Schritte weiter stand eine Frau. Sie trug einen Koffer, der aussah, als sei…
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Die Zeremonie – Neues aus Dystopia
Lesedauer 2 Minuten„Die Zeremonie“ Sie versammelten sich jeden Abend zur selben Stunde. Niemand wusste mehr, wann es begonnen hatte. Oder warum. Aber es stand im Kalender. Es war eingetragen, abgestimmt, bestätigt. Also kamen sie auch. Man stand im Halbkreis. Drei Schritte Abstand, kein Lächeln, kein Blick zu viel. Die Kleidung war schlicht, aber sorgfältig gewählt. Grau, Schwarz, ein Hauch von Blau bei den Jüngeren. In der Mitte: der Tisch. Immer leer. Manchmal lag eine Blume dort, manchmal ein Stück Stoff. Nie das Gleiche. Es wurde nie erklärt. Es wurde einfach hingelegt. Der Zeremonienleiter trat vor. Ein Mann mittleren Alters mit einer Stimme, die weder laut noch leise war. Er sagte:…
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Arbeit ist wichtig – Neues aus Dystopia
Lesedauer 5 MinutenArbeit ist wichtig Er trat durch das große Tor zur Halle. Ein kleiner Mann kam mit engagiertem Schritt auf ihn zu. Sein Gesicht war auffallend glatt. Die Brille, dünn und randlos, saß merkwürdig auf halber Höhe zwischen Nase und Augen, so als hätte er sie gerade erst abgesetzt und vergessen, sie wieder richtig aufzusetzen. Seine Lippen bewegten sich, als probte er im Stillen einen Satz, den er gleich aussprechen würde. „Sie sind pünktlich. Sehr gut. Das ist wichtig.“ Er nickte. „Folgen Sie mir“ Die Halle erstreckte sich weit in die Tiefe. Die Luft war trocken, ein beständiges Summen lag in ihr, wie das Echo einer Maschine, die man…
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Man lebt nicht vom Brot allein – Neues aus Dystopia
Lesedauer 5 MinutenMan lebt nicht vom Brot allein Ein Mann sitzt an einem Tisch. Vor ihm ein Teller, darauf eine Gabel, ein Messer, eine Serviette, gefaltet zu einem Dreieck. Der Teller ist leer. Man hat ihm gesagt, das Essen sei auf dem Weg. Er nickt. Wartet. Wartet weiter. Ein Kellner tritt heran, mit einer Kanne Kaffee. „Ein wenig Geduld“, sagt der Kellner und gießt ein. Der Kaffee dampft, er riecht nach nichts. Der Mann betrachtet die Tasse, hebt sie an die Lippen. Die Flüssigkeit ist heiß, aber geschmacklos, oder vielleicht ist er es, der nichts mehr schmeckt. Er blickt um sich. Andere Tische, andere Menschen. Sie alle warten. Manche haben…
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Möglichkeit und Notwendigkeit: Wie Freiheit Wirklichkeit schafft
Lesedauer 4 MinutenMöglichkeit und Notwendigkeit: Wie Freiheit Wirklichkeit schafft Das Leben beginnt mit einem nahezu endlosen Möglichkeitshorizont. Je älter wir werden, desto mehr Verantwortung tragen wir und desto häufiger stehen wir vor Entscheidungen, in denen sich unsere Möglichkeiten konkretisieren. Man könnte auch sagen, dass jede Wirklichkeit immer auch die Verneinung vieler anderer Möglichkeiten bedeutet. In dem Moment also, in dem etwas wirklich wird, verlieren unzählige andere Möglichkeiten ihre Potenzialität. Kierkegaard spricht davon, dass im Akt der Wahl, das Selbst sich festlegt – und jede Wahl schließt andere Wege aus. In dieser Synthese wird das Potenzial der Möglichkeiten aufgehoben, und zwar im doppelten Sinne: Einerseits wird es verwirklicht (ein Teil der…