Begriff der Haltung
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Philosophie des Geistes

Über den Begriff der Haltung – was ist Haltung? Teil 1:

Lesedauer 3 Minuten

Über den Begriff der Haltung – was ist Haltung? Teil 1:

Der Begriff „Haltung“ begegnet uns überall. Wir sprechen von Lebenshaltung, Körperhaltung oder moralischer Haltung. Gleichzeitig taucht das Wort in ganz alltäglichen Zusammenhängen auf: Tierhaltung, Buchhaltung, Lagerhaltung, Haushalt.

Offenbar steckt in diesem Begriff mehr, als man zunächst vermuten würde.

In diesem Essay möchte ich versuchen, den Begriff der Haltung genauer zu betrachten. Mich interessiert dabei nicht nur, wie wir ihn im Alltag verwenden, sondern auch, was sich hinter ihm verbirgt. Was bedeutet es eigentlich, eine Haltung zu haben? Worin besteht sie?

Der Text gliedert sich in zwei Teile.
Im ersten Teil geht es um die theoretische Betrachtung des Begriffs – seine Semantik und seine philosophische Bedeutung. Im zweiten Teil wird es um die praktische Seite der Haltung gehen: darum, wie sich Haltung im Leben zeigt und wie wir sie überhaupt ausbilden.

Der Begriff der Haltung – Eine semantische Annäherung

Das Wort „Haltung“ begegnet uns in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Wir sprechen von Tierhaltung oder Buchhaltung, von Lagerhaltung oder Haushalt. Gleichzeitig verwenden wir den Begriff auch für uns selbst: Körperhaltung, Lebenshaltung, Selbsterhaltung, Abwehrhaltung.

Trotz dieser unterschiedlichen Bedeutungen scheint in all diesen Begriffen eine gemeinsame Bewegung zu stecken.

Immer geht es darum, etwas zu halten, zu bewahren oder zu sichern.

Der Haushalt bewahrt die Ordnung des häuslichen Lebens.
Die Buchhaltung bewahrt die kaufmännische Ordnung eines Unternehmens.
Die Selbsterhaltung wiederum bezeichnet den Versuch, das eigene Leben zu bewahren.

Doch der Begriff der Haltung erschöpft sich nicht im bloßen Bewahren.

Wenn wir das Wort „Halt“ hören, denken wir an etwas, das stützt oder Sicherheit gibt. Etwas, das nicht einfach vorhanden ist, sondern aktiv gehalten wird.

Auch die vielen Verben rund um das Wort „halten“ weisen in diese Richtung: durchhalten, zusammenhalten, einhalten, aushalten. In all diesen Formen steckt eine gewisse Anstrengung.

Etwas zu halten bedeutet mehr, als es nur zu berühren. Wer etwas hält, trägt eine Spannung aufrecht. Man hält etwas fest, damit es nicht entgleitet.

Begriff der Haltung: Leibliche und geistige Dimension der Haltung

Zunächst denken wir bei Haltung an etwas Körperliches.

Wir sprechen davon, aufrecht zu stehen oder gerade zu sitzen. Eine Person kann eine stolze Haltung haben oder eine gebeugte. Körperhaltung ist sichtbar und unmittelbar wahrnehmbar.

Der aufrechte Gang gilt sogar als eines der markantesten Merkmale des Menschen. In anthropologischer Hinsicht ist er eine besondere Form menschlicher Haltung.

Doch Haltung ist nicht nur körperlich.

Wir sprechen auch von einer inneren Haltung: von der Einstellung eines Menschen zu sich selbst, zu anderen oder zur Welt. In diesem Sinn umfasst Haltung Überzeugungen, Werte und Weltanschauungen. Sie gibt unserem Handeln Orientierung.

Die körperliche und die geistige Dimension lassen sich daher kaum voneinander trennen. Unsere körperliche Haltung kann Ausdruck unserer inneren Verfassung sein – und umgekehrt kann eine innere Haltung sich im Körper zeigen.

Haltung ist also zugleich leiblich und geistig.

Haltung als Verhältnis

Haltung ist nie isoliert.

Sie entsteht immer in einem Verhältnis. In ihr zeigt sich, wie wir uns zu uns selbst verhalten und wie wir der Welt begegnen. Haltung ist deshalb immer auch ein Selbst- und Weltverhältnis.

Dieses Verhältnis bleibt nicht verborgen. Es wird sichtbar – in unserem Handeln, in unserer Sprache und in der Art, wie wir uns anderen gegenüber verhalten.

In gewisser Weise sind wir daher nichts anderes als unsere Haltungen.

Es ist unmöglich, keine Haltung zu haben. Selbst Gleichgültigkeit oder Passivität sind bereits Formen von Haltung.

Der Begriff hat daher eine existenzielle Dimension. Solange wir leben, nehmen wir unweigerlich eine Haltung ein – gegenüber uns selbst und gegenüber der Welt.

Erst im Tod verschwindet diese Beziehung. Der Tote verhält sich nicht mehr zu sich selbst und nicht mehr zur Welt. In diesem Sinn verliert sich mit dem Tod auch jede Haltung.

Haltung als Spannungsverhältnis

Haltung ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt.

Sie muss aufrechterhalten werden.

Ob körperlich oder geistig – eine Haltung verlangt immer eine gewisse Anstrengung. Sie ist ein fortwährendes Bemühen, eine bestimmte Form des Seins zu bewahren.

Diese Anstrengung kann unterschiedlich stark sein. Manche Haltungen tragen uns scheinbar mühelos, andere verlangen ständige Selbstprüfung oder sogar einen inneren Kampf.

Eine besondere Störung der Haltung erleben wir im Fall.

Im wörtlichen Sinn bedeutet ein Fall zunächst das physische Fallen. Die Haltung des Körpers bricht zusammen. Das Gleichgewicht geht verloren.

Doch auch im übertragenen Sinn sprechen wir vom Fall: wenn jemand „vom Weg abkommt“, die Kontrolle verliert oder seine Haltung verliert.

Der Fall ist gewissermaßen der Moment, in dem das Gehaltene in Unordnung gerät.

Man könnte sagen: Im Fall löst sich die Haltung vorübergehend im Chaos auf.

Dennoch gehört auch der Umgang mit solchen Momenten zur Haltung selbst. Denn wenn wir fallen, brauchen wir wiederum eine Haltung, um wieder aufzustehen.  

Woraus also besteht Haltung?

Fortsetzung in Teil 2


https://www.deutschlandfunk.de/menschsein-wir-sind-unsere-haltungen-100.html

https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/haltung


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