Realität und Wirklichkeit
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Metaphysik,  Philosophie

Realität und Wirklichkeit – Dasselbe oder doch nicht?

Lesedauer 3 Minuten

Realität und Wirklichkeit – Dasselbe oder doch nicht? Ontologische Differenz: Über Realität, Wirklichkeit und die Macht der Ideen

Die deutsche Sprache bietet mit den Begriffen „Realität“ und „Wirklichkeit“ eine ontologisch aufschlussreiche begriffliche Unterscheidung an. Im Gegensatz dazu verwendet der angelsächsische Raum „Reality“ oft umfassend für beide Konzepte. Diese sprachliche Trennung ist ein Schlüssel, um die Existenz nicht-materieller Entitäten philosophisch zu verorten.

Fragen wir etwa nach der Existenz des Weihnachtsmanns, der Gerechtigkeit oder des Kapitalismus: Sie sind zweifellos nicht physisch greifbar, entfalten aber enorme kausale Kraft. Um diese Dichotomie zu beleuchten, muss die tiefere Bedeutung von Realität und Wirklichkeit im Alltag reflektiert werden.

Realität vs. Wirklichkeit: Eine begriffliche Präzisierung

Die Begriffe werden oft synonym verwendet, doch bei näherer Betrachtung zeigt sich ein wesentlicher Unterschied, der weit über die Alltagssprache hinausgeht. Der Dreh- und Angelpunkt ist die Frage nach der physischen Dinglichkeit und der kausalen Wirksamkeit.

Die Realität

Der Begriff der Realität leitet sich vom lateinischen „res“ (Sache, Ding) ab. Er bezeichnet primär die dingliche, sachliche und physische Welt, die Gesamtheit aller materiellen Gegenstände und Prozesse, die räumlich-zeitlich existieren.

Ein Stein ist ein realer, physischer Gegenstand. Er besitzt Extension. Wir können ihn berühren, messen und zerstören. Auch Lebewesen sind Teil dieser Realität. Nicht-materielle Konstrukte wie der perfekte Kreis, die Marke „Mercedes“ oder literarische Figuren wie Hamlet sind in diesem Sinne nicht real, da ihnen die dingliche Substanz fehlt.

Die Wirklichkeit

Anders als die Realität referiert die Wirklichkeit nicht notwendig auf physikalische Gegenstände, sondern auf deren Wirksamkeit. Der Begriff leitet sich von „wirken“ ab.

Die Wirklichkeit umfasst die gesamte Realität, geht aber über sie hinaus. Ein Stein ist sowohl real als auch wirklich, da er durch die Schwerkraft wirkt und seine Umgebung kausal beeinflusst.

Der Weihnachtsmann hingegen ist nicht real, aber wirklich. Als tief verankerte kollektive Vorstellung oder gesellschaftliche Institution (inklusive seiner Rituale und ökonomischen Auswirkungen) entfaltet er eine messbare Wirkung auf unsere Realität. Er beeinflusst Verhalten, Moral und Konsum.

Die Wirklichkeit schließt somit alle Entitäten ein, die eine kausale Kraft besitzen, unabhängig davon, ob sie materieller Natur sind oder als Idee existieren.

Platons Ideenlehre: Die höchste Wirklichkeit

An dieser Unterscheidung zwischen Dinglichkeit und Wirksamkeit zeigt sich die Relevanz der Platonischen Ideenlehre.

Für Platon ist die Welt in zwei Reiche unterteilt: das Reich der sinnlichen, materiellen Erscheinungen und das Reich der ewigen, vollkommenen Ideen (und Formen).

  1. Das Reich der Erscheinungen entspricht weitgehend unserer Realität (der materiellen Welt, die unvollkommen und vergänglich ist).
  2. Das Reich der Ideen ist die wahre, übergeordnete Wirklichkeit. Die Ideen sind unveränderlich, unabhängig von der Materie und die eigentlichen Wesenheiten aller Dinge.

Der perfekte Kreis, die Idee der Gerechtigkeit oder der Kapitalismus sind in diesem Sinne wirklich. Sie existieren als vollkommene Formen im Reich der Ideen und prägen unsere physische Welt, auch wenn sie selbst nicht greifbar sind. Die Idee des Weihnachtsmannes, des Rechts oder der Demokratie ist damit wirklich – auch ohne physische Präsenz.

Realität und Wirklichkeit: Die Macht der kausalen Ideen

Die sprachliche Unterscheidung führt zu der Erkenntnis, dass das, was unsere Überzeugungen, unser Handeln und unsere Gesellschaft am stärksten prägt, oft nicht die physische Realität, sondern die Wirklichkeit der Ideen ist.

Mythen, Wirtschaftssysteme, Sprachen und philosophische Konzepte sind nicht real, aber sie sind zutiefst wirklich. Sie sind die unsichtbaren Mechanismen, die kausal auf die Welt der Dinge einwirken.

In einer Welt, in der Ideen und Vorstellungen eine eigene kausale Kraft besitzen, ist die Reflexion dieser wirklichen aber nicht realen Dinge entscheidend. Denn letztlich ist es die Wirklichkeit, die unsere Überzeugungen prägt – egal, ob sie sich in Stein meißeln lässt oder nur als Idee in unseren Köpfen existiert.



Externe Links:

Wikipedia – Realität

Interne Links:

Universalien: Ihre Bedeutung in Wissenschaft und Philosophie


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