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„Du musst nur wollen“ – Der Mythos vom Willen in Zeiten der Erschöpfung
Lesedauer 5 Minuten„Du musst nur wollen“ – Der Mythos vom Willen in Zeiten der Erschöpfung Er erinnerte sich noch gut an diesen einen Nachmittag. Er war etwa zehn Jahre alt. Damals, auf dem Bolzplatz. Er hatte wieder einmal danebengeschossen, wieder einmal den Ball nicht richtig getroffen. Einige rollten mit den Augen. Und sein Vater rief von der Seite: „Auf gehts, Du musst es nur wollen!“. Damals klang es wie ein Ansporn. Heute aber weiß er: Es war ein Urteil. Denn nicht der Fuß war das Problem. Nicht die Technik, nicht die Kraft. Sondern der Glaube, dass das Innere über das Äußere herrscht. Dieser Satz auf dem Bolzplatz war die erste…
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Ich will frei sein – sagt das Ich.
Lesedauer 3 MinutenIch will frei sein – sagt das Ich. „Frei sein. Ich sein!“ – ich hab das neulich in einem Facebook-Kommentar gelesen und kurz gestutzt. Der Spruch liest sich wie das Glaubensbekenntnis einer ganzen Epoche – hingeschrieben wie eine Selbstverständlichkeit. Dabei sind Freiheit und Ich zwei der am heftigsten umstrittenen Ideen der letzten hundert Jahre. Dabei sind gerade diese beiden Konzepte in der letzten Zeit mächtig unter Druck geraten.Freiheit lässt sich in der physikalischen Welt nicht finden. Empirisch ist sie nicht nachweisbar – weder im Kosmos der Teilchen noch in den neuronalen Bahnen unseres Gehirns. Dort herrscht ganz nüchtern das Prinzip von Ursache und Wirkung. Kein guter Ort für…
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Das „Ich“ als Ort: Poststrukturalismus und das Ende des Subjekts
Lesedauer 4 MinutenDas „Ich“ als Ort: Poststrukturalismus und das Ende des Subjekts Bei Descartes beginnt alles mit dem Denkenden „Ich“ – jener unbezweifelbaren Gewissheit, aus der alles andere abgeleitet wird. Bei Kant wird das „Ich“ zur moralischen Instanz, die sich selbst als Zweck erkennt und nach dem kategorischen Imperativ handelt. Kierkegaard radikalisiert das „Ich“ existenziell – als Aufgabe, als Entscheidung, als Ringen mit sich selbst vor dem Abgrund der Freiheit. Husserl sah im „Ich“ die Quelle, den Ursprung für Sinngebung. Kurzum: In der klassischen Philosophie galt das „Ich“ als Ursprung von Sinn und Weltdeutung. Der Poststrukturalismus stellt das Bild vom „Ich„, vom „Subjekt“ und von einem „Selbst„ radikal infrage: Genauer…
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Wenn Eltern schreien – Die Macht der mimetischen Prägung
Lesedauer 4 MinutenWenn Eltern schreien – Die Macht der mimetischen Prägung Wenn Eltern in Gegenwart von Kindern laut werden – schreien – sei es aus Überforderung, Wut oder Kontrollverlust –, hinterlässt dies Spuren. Nicht nur emotionale, sondern auch soziale Spuren. Es handelt sich um mehr als einen Ausbruch: Es ist ein Moment stiller Prägung. Denn Kinder beobachten nicht nur – sie ahmen nach. Dieser Beitrag untersucht, wie Kinder durch Beobachtung elterlicher Verhaltensmuster, insbesondere beim Schreien, soziale Strategien internalisieren. Anhand dieses konkreten Phänomens wird die grundlegende Bedeutung mimetischer Prozesse im frühkindlichen Lernen und darüber hinaus aufgezeigt. Schreien als performatives Modell Eltern oder Bezugspersonen, die in Stresssituationen in der Gegenwart ihrer Kinder…
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Neues aus Dystopia: Die Berührung
Lesedauer 2 MinutenNeues aus Dystopia: Die Berührung Berührungen waren nicht verboten.Aber sie waren anmeldepflichtig. Für spontane Berührungen gab es ein Protokoll.Dreistufig.Zustimmung, Kontext, Zweck. Er stand in einem Wartesaal.Ein Mann neben ihm nieste.Ein Reflex zuckte durch seinen Arm – die alte Geste, jemandem die Hand auf die Schulter zu legen. Er tat es nicht.Die Bewegung stoppte vor der Ausführung.Sein Armband vibrierte leicht, präventiv. Früher, so hieß es, war Berührung Alltag.Heute war sie eine Abweichung.Es hatte einmal gute Gründe gegeben, hieß es.Aber niemand sprach sie aus.Sie standen nur in alten Richtlinien unter der Rubrik: Ursprung. Man sagt, früher habe ein Händedruck gereicht, um alles zu verlieren. In den Schulungen lernte man, wie…
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Rationalität durch Emotionalität: Ich fühle also bin ich
Lesedauer 4 MinutenRationalität durch Emotionalität: Ich fühle also bin ich Nicht selten begegnen wir der Vorstellung, Rationalität und Emotionalität seien voneinander getrennte Zustände. Diese Dichotomie hat eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht – etwa bei Platon und Aristoteles, die das Rationale als überlegen ansahen. Eine besondere Zuspitzung aber erfährt sie in der Philosophie Descartes. In seiner Methode des radikalen Zweifels zieht er alles in Zweifel – Sinneswahrnehmung, Körper, Gefühle – bis einzig das Denken als unbezweifelbarer Ursprung übrigbleibt. Mit dem cogito ergo sum (Ich denke, also bin ich) wird das Denken zur alleinigen Gewissheit – während Emotionen und Körper in die Sphäre des Zweifelhaften verwiesen werden. Philosophische…
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Politische Sprache: Über Freiheit, Verantwortung, Sicherheit und andere Missverständnisse
Lesedauer 3 MinutenÜber politische Sprache, Wahrheit und die stille Macht der Worte Wir leben in einer Zeit, in der das Sagbare zwar expandiert, das Sinnvolle jedoch schrumpft. Die politische Sprache ist voll von Begriffen, die zu bloßen Bedeutungshülsen geworden sind. Freiheit, Verantwortung, Sicherheit sind Begriffe, die bald in jeder Rede auftauchen, inzwischen aber so leer sind, wie die Versprechen die sie umschließen. Wittgensteins Formel hat sich längst ins Politische übersetzt. „Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt“. Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert, was denkbar ist, ganz im Sinne von Orwells „Neusprech“, der Sprache nicht zur Verständigung, sondern zur Lenkung verändert. Sprache ist kein neutrales Transportmittel, sie ist ein…
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„Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass….“ – eine Sprachkritik
Lesedauer 3 MinutenEs ist wissenschaftlich bewiesen, dass…. Neulich bin ich auf Facebook auf einen dieser „Faktastisch“-Beiträge gestoßen. Sinngemäß stand dort: „Wissenschaftlich bewiesen: Der ideale Altersunterschied für eine glückliche Beziehung.“ Das ist auf der einen Seite fast schon banal, auf der anderen Seite aber kein Einzelfall. Denn man hört leider oft, dass etwas wissenschaftlich bewiesen sei. Diese Formulierung erzeugt leider zu oft nur den Anschein von Objektivität und Unangreifbarkeit – so, als hätte die Wahrheit nun ihre letzte Gestalt gefunden. Weitergetragen wird diese vermeintliche Gewissheit dann im Gespräch. Der eine erzählt dem anderen, dass die Wissenschaft dieses oder jenes bewiesen hätte. So verbreitet sich dann eine angeblich evidenzbasierte Wahrheit – und gewinnt mit jeder Wiederholung…

























